bedeckt München
vgwortpixel

Österreichische Literatur:Im Gasthaus zum Goldenen Mond

In seinem neuen Roman "Das Feld" will der Autor und Schauspieler Robert Seethaler einen ganzen Chor von Toten zum Leben erwecken. Das klingt nach einer guten Idee, geht aber leider gründlich schief.

"Ein ganzes Leben": Diesem vor vier Jahren erschienenen Roman verdankt der 1966 geborene Robert Seethaler, der auch als Schauspieler bekannt ist, seinen Ruhm als Autor. Der Titel war nicht weniger als eine Verheißung, und das Buch löste sie ein. Es erzählte, in karger, manchmal allzu karger Sprache das Leben des Andreas Egger, eines Tagelöhners in den Alpen, von dem Zeitpunkt an, wo er als Findelkind an den Hof eines Großbauern gelangte, bis zu seinem Tod mehr als siebzig Jahre später, ein Weg, der von den archaisch-armseligen bäuerlichen Verhältnissen der vorletzten Jahrhundertwende bis in die Zeit des modernen Skitourismus führt, durch die Eggers zuletzt als ein Fremdling irrt, ehe ihn ein sanfter Tod ereilt.

opale51115 14

Auf der Suche nach den Stimmen der Toten: der Schriftsteller Robert Seethaler.

(Foto: P.Matsas/Opale/Leemage/laif)

Ein ganzes Leben: Das hat jetzt offenbar nicht mehr ausgereicht. Seethalers neues Buch "Das Feld" stellt nicht weniger als 29 Leben vor. Das Feld, das ist der Friedhof von Paulstadt, einer imaginären Kleinstadt irgendwo im Süden des deutschen Sprachraums; und es sprechen die Toten aus ihren Gräbern. Jeder von ihnen sagt Ich, und bei jedem empfängt der Leser die Garantie, dass es sich, so kurz sie auch geraten sein mag, immer um eine komplette Biografie handelt, denn Neues kann nicht mehr geschehen. Dafür hat jeder Tote Gelegenheit, als resümierender oder klagender Schatten Rückschau zu halten. Trotz aller privater Wirrungen scheinen sich die Zustände in Paulstadt dabei nie grundsätzlich verändert zu haben, und der Leser weiß oft nicht (soll es auch offenbar nicht wissen), ob der Tote, der gerade das Wort hat, von den Dreißiger- oder den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts berichtet.

29 Figuren, die alle wie Robert Seethaler klingen, sind 28 Figuren zu viel

Es handelt sich zumeist um relativ frische Tote. Doch die älteste unter ihnen hat es auf immerhin 105 Jahre gebracht, und wenn sie sich erinnert, tauchen andere Epochen auf als bei einem Teenager, der bei einem Autounfall ums Leben kam. Zeitverhältnisse verschwimmen, aus dem Blick des Totenreichs verliert das Gestern, Heute und Morgen, die gesamte Sukzession, die das Leben der Lebenden bestimmt, an Bedeutung. Alles ist zugleich da und vereinigt sich zu einer Art Gesamtkunstwerk, gefügt aus je einem Schicksal und einem Charakter. Das Konzept erscheint sehr reizvoll, vor allem, wenn einem das Leben des Andreas Egger etwas zu wenig oder eigentlich zu viel war, mit seiner lakonischen, und darum schwer erträglichen Sentimentalität und seinen Fehlgriffen im Register (Sagt ein armer Bergbauernbub wirklich: "Ein jeder hinke für sich allein"?). Wenn alle Ich sagen dürfen, entfällt die lästige Instanz des Erzählers, der den linkischen Protagonisten bevormundet, und anstelle des gregorianischen Gesangs von der guten schlechten alten Zeit empfängt den Leser ein vielstimmiger Chor der Abgeschiedenen. Wenn es denn ein Chor wäre.

Wie sich herausstellt, macht der Tod dann doch leider alle gleich, den verstorbenen Autohändler und die Seniorin im Pflegeheim, die urlaubende Familienmutter, welche einer Sepsis erliegt, und den schlitzohrigen Bürgermeister. Sie klingen sämtlich wie Seethaler; man könnte sagen, sie "seethalerisieren", so wie man einst Lessing vorgeworfen hat, dass alle seine Bühnenfiguren lessingisierten. Ein aus dem Nahen Osten stammender Obst- und Gemüsehändler spricht über den Umgang seiner Kunden mit der Ware so: "Ich beobachtete, wenn sie mit den Fingerkuppen einen Pfirsich berührten, als wäre es die Haut eines Geliebten." Ist es wahrscheinlich, dass ein Obsthändler, der Druckstellen befürchten muss, diesen Vorgang so zärtlich referiert?

Blick ins Buch

"Ich habe meine Würde abgelegt wie einen alten Mantel." Wer seine Würde wirklich abgelegt hat - findet der noch zu einer derart anspruchsvollen Metapher? "Aber wer fragt den Bock, wie er zu seinen Hörnern kam, solange er die Herde sicher durch den Winter führt?" So spricht angeblich ein Lokalpolitiker, der unter Bestechungsverdacht geraten ist. Nein, wenn er sich treu bleibt, wird er ein unbelangbares Gewäsch von sich geben und hoffen, dass der Kelch des Untersuchungsausschusses an ihm vorübergeht, bis ins Grab hinein.

Allen diesen Figuren fehlt, was sie als Figuren einzig erretten könnte, die eigene Stimme. Stattdessen finden sich sehr viele Früchte. Es stirbt zum Beispiel eine Mutter, indem ihr ein Korb mit vier großen roten Sommeräpfeln entgleitet, oder es kullern Walnüsse mit klackerndem Geräusch davon, und wenn nicht gerade der Flaum des Pfirsichs mit der Haut des Geliebten verglichen wird, dann die Haut der Geliebten mit makellosem Blütenhonig. Die Bitterkeit der Toten erstickt unter so viel Süße; das doch wohl auch bedrückende Leben in der Kleinstadt gerät zum Idyll, das es so bestimmt nicht war.

Robert Seethaler: Das Feld. Roman. Verlag Hanser Berlin, München 2018. 240 Seiten, 22 Euro.

Das vegetabilische Motiv ist dem Menschen nicht angemessen. Früchte reifen - Menschen nicht, wenigstens nicht so weit, dass sie mit der Ernte, dem Ende einverstanden wären. Einförmigen Tons, mit der Leidenschaftslosigkeit des Grabes, sprechen sie hier von ihren vormaligen Leidenschaften. Gerade dass mit ihrem irreversiblen Tod die Unverwechselbarkeit eines Schicksals beglaubigt werden soll, macht sie so verwechselbar - ein Paradox, das sich besonders in der Namensgebung ausdrückt. Sie heißen Gerd Ingerland, K.P. Lindow oder Martha Avenieu. Jeder erhält einen vor allem markanten Namen, das heißt einen ausgedachten; und in dieser Ausgedachtheit konvergieren sie.

So erweist sich, dass 29 Figuren auf 240 Seiten viel zu viele sind. Sie ziehen vorbei wie in einer Castingshow, wo die Akteure sich gerade deswegen gleichen, weil sie alle ihre Individualität betonen. Natürlich hatten sie im Leben miteinander zu tun, das lässt sich in einem Ort wie Paulstadt gar nicht vermeiden. Man verkehrte im Gasthaus zum Goldenen Mond oder im Hotel zum Schwarzen Bock (Namen, deren Bedeutungsschwere man nicht recht traut); einmal sprechen sogar zwei Eheleute im versetzten Duett, erst die eine, dann der andere, was unvermutet für Schwung sorgt. Doch strukturell herrscht das reine Nacheinander, und damit das Vergessen.

Einmal nur hat der Leser das Gefühl, jemanden zu hören, so, wie er tatsächlich spräche, hätte er als Toter noch einmal die Chance dazu. Sophie Breyer sagt nichts als: "Idioten." Ein großes Wort, gewiss; aber nur ein Wort in einem ganzen Roman.