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Ökologische Erleuchtung im Comic:Earthboi ist der neue Messias

Verstörend, aktuell - und ein Kandidat für die beste deutschsprachige Graphic Novel des Jahres: Lukas Jüligers "Unfollow" erzählt von der Heilssuche im Digitalzeitalter.

Von Thomas von Steinaecker

Es ist nicht leicht, ein Messias zu sein. Besonders nicht heute, im Digitalzeitalter, wenn es nicht mehr nur um spirituelle Erleuchtung, sondern um ökologische Erlösung geht. Wer in ihrem Namen ins Feld ziehen und Nachhaltigkeit predigen will, muss Herzen und Köpfe gewinnen und das heißt: die breite Öffentlichkeit. Und da sind keine Evangelien, sondern Video-Channels gefragt, deren Message von einer Millionenschar von Followern in die Welt getragen muss. Allerdings ist das nach wie vor ein dorniger Weg. Noch schneller als früher kann heute der, der gerade noch als Erlöser angebetet wurde, verdammt werden. Heilsbringer zu sein ist ein 24/7-Job und erfordert vollen Einsatz. Die aufmerksame Community ist bei jedem Fehltritt live dabei. Und ist einmal die Credibility zerstört, stehen diverse Formen des Martyriums zur Verfügung. Aber hey, keiner hat gesagt, dass es einfach wird.

„Er passte“, heißt es in Lukas Jüligers Comic, „in die Zeit, in der die meisten Leute die Welt retten wollten, aber niemand wusste, wo man anfangen sollte.“ Earthboi posiert mit aussterbenden Tierarten.

(Foto: Reprodukt Verlag)

Earthboi, die Hauptfigur in Lukas Jüligers drittem Comic "Unfollow", hat alles, was es zum neuen Christus braucht. Er ist wie eine männliche Greta, nur mit der besseren Backstory. Ein Waisenkind, das Kaspar-Hauser-artig im Wald auftaucht und ebenso schwer autistisch wie wundersam frühreif bereits als Teenie seine Mitmenschen zur Rückkehr zum Urzustand bekehren will. Dafür wird der Junge in die Jugendpsychiatrie gesteckt, wo er unter den anderen Patienten rasch eine getreue Gefolgschaft findet, die ihm zur Flucht verhilft. Fortan lebt er, ein digitaler Mowgli, halbnackt im Wald und schickt seine Botschaften mit dem Laptop vor sich im Gestrüpp in die Welt hinaus. Der Strom kommt von einer geklauten Solarzelle. Und schon beginnt seine Messias-Werdung oder in der Sprache des 21. Jahrhunderts: Er wird zum Posterboy der Sinnsuchenden. "Er passte", wie es im Comic heißt "in die Zeit, in der die meisten Leute die Welt retten wollten, aber niemand wusste, wo man anfangen sollte." Für die Sache reist Earthboi also um den Planeten, posiert mit vom Aussterben bedrohten Tieren, wird vom Time-Magazine aufs Cover gesetzt und entwickelt eine sagenhaft erfolgreiche Meditations-App, die ihre Benutzer glücklich Bäume umarmen und barfuß durchs Gras laufen lässt. Doch das Projekt der Weltrettung fängt damit erst an. Earthboi kauft einen verfallenen Freizeitpark, den er in eine utopische Kommune für seine treuen Follower verwandelt, eine Art Auroville für Digital Natives, in dem die Symbiose mit der Natur mustergültig praktiziert wird, auf dass sich die Menschheit ein Beispiel nehme. Allerdings geschieht nun etwas, was im Playbook des Messias eigentlich nicht vorgesehen ist: Earthboi verliebt sich in die Influencerin Yu und verbringt lieber Zeit mit ihr als mit seiner Community, die wenig Verständnis für die Dinge der Liebe zeigt und beschließt, ihren Erlöser wieder auf den Pfad der Tugend zu führen. Und sei's mit Gewalt.

Daraus hätte leicht eine Satire werden können. Aber Jüliger will seinen Protagonisten nicht verraten

Befänden wir uns nicht seit Kurzem in der Corona-Epoche, wäre "Unfollow" das Buch der Stunde. So ist es aber mindestens das der jüngsten Vergangenheit, mit ihren kindlichen Öko-Aktivisten und den hysterischen Mechanismen einer bigotten Digital-Gesellschaft. Schon in seinem letzten kurzen Comic, "Berenice", in dem er eine Erzählung Edgar Allan Poes kühn aktualisierte, zeigte Lukas Jüliger, dass er mit der Welt der Chatrooms und Camgirls bestens vertraut ist. Das schmale Buch schaffte es, zum einen die befremdliche Ästhetik aus Infantilität, Japanophilie, Sex und Folter präzise zu analysieren und ihr andererseits trotzdem nicht die Faszination zu nehmen. Dieses Kunststück gelingt auch hier ziemlich bewundernswert. Wie einfach wäre es gewesen, den Stoff in eine beißende Satire zu verwandeln. Jüliger ist aber nie bereit, seinen Protagonisten zu verraten. Earthboi handelt schlafwandlerisch sicher, wirkt dabei aber stets völlig unemotional, wie ferngesteuert. Das macht ihn genauso undurchschaubar wie spannend und damit zur idealen Projektionsfläche.

Lukas Jüliger: Unfollow. Reprodukt Verlag, Berlin 2020. 168 Seiten, 18 Euro.

Dieser Eindruck rührt auch von der ungewöhnlichen Erzählperspektive des Buches. Wer hier erzählt, sind die fanatischen Follower der Hauptfigur, die ihr Narrativ der Erlösung auf keinen Fall aufgeben wollen, selbst wenn es den Tod ihres Heilands bedeutet. Keine klassische Geschichte also, sondern das Evangelium nach Earthboi. Bei dieser Prämisse ist man auch bereit, über die offenkundigste Schwäche des Buches hinwegzusehen, die oft hölzern formulierten Texte, und es erscheint logisch, dass Jüliger auf eines der markantesten Mittel des Comics verzichtet, die Sprechblase: Wie in einer Bilderfibel begleiten kurze Texte die in Blau- und Rottönen gehaltenen Zeichnungen. Vor acht Jahren stachen in Jüligers bemerkenswertem Coming-of-Age-Debüt "Vakuum" sofort die kindlichen Hauptfiguren ins Auge, die mit ihren langen, dünnen Gliedern ausdruckslos in wild wuchernden Landschaften standen, als seien sie Pflanzen oder Pilze - ein Stil, der in "Unfollow" perfekt der Öko-Message der Erzählung entspricht. Mit diesem heißen Anwärter auf die deutschsprachige Graphic Novel des Jahres ist Jüliger nun sein Meisterstück gelungen: verstörend, originell und höchst aktuell.

© SZ vom 17.06.2020
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