Ödipus im Münchner Residenztheater Menetekel der Macht

Als wär's eine "House of Cards"-Staffel von Sophokles: Mit "König Ödipus" inszeniert Mateja Koleznik im Münchner Residenztheater, wie einer vom Sockel der höchsten Macht gestoßen wird.

Von Egbert Tholl

Ein Krimi. Ja, "König Ödipus" von Sophokles ist auch ein Krimi, in welchem der Täter, anfangs nichts und dann langsam, mit jeder Volte, immer mehr ahnend, sich selbst durch seine Fragen entlarvt. Nun, im Residenztheater, schaut man dieser Fragerei, diesem Bohren des Ödipus bis in den eigenen Abgrund hinein fasziniert zu, fasziniert auch deshalb, weil das an sich archaisch Fremde dieser im Kern so vertrauten Geschichte sich in einem ganz und gar nicht fremden Rahmen abspielt. Man denkt an "House of Cards", oder an "Borgen", an eine gute Polit-Fernsehserie also, an Macht, Machterhalt und -Verlust.

Auf der großen Residenztheaterbühne steht eine schwarze Wand, in ihr ein großes Fenster, das zwei Meter über dem Bühnenboden Einblick bietet in ein Foyer. Ein Standaschenbecher qualmt vor sich hin, Wind wirbelt einen kleinen Aschehaufen auf dem weißen Boden auf, zwei braune Türen führen in den Plenarsaal dahinter, den man nur akustisch erfahren kann. Eine Tür steht halb offen, man hört die groß tönende Rede des Ödipus, in welcher er, der Herrscher, auf Druck des Volks verspricht, alles zu tun, um den Mörder des Laios zu finden, damit, nach dem Spruch des Orakels, Theben befreit sei von der Pest.

Je intimer die Gespräche, desto heftiger werden sie belauscht. Das Volk lauert im Verborgenen

Man sieht eineinhalb Stunden lang nichts als dieses Foyer, diesen kalten, hellen Raum, aus dem die Stimmen über Mikroport und Lautsprecher in technischer Brillanz übertragen werden, was nur kurz irritiert. Dann hat man alle Künstlichkeit vergessen, dann schaut man - vor allem, wenn man im Balkon, also fast auf Augenhöhe mit dem Fenster sitzt - den rauchenden Anzugträgern völlig selbstverständlich zu, die im Foyer, das hier zum Hinterzimmer der Macht wird, verhandeln, was dann Kreon oder Ödipus mit staatsmännischer Gebärde im Saal, den man nicht sieht, verkünden. Je intimer die Gespräche, desto heftiger werden sie belauscht; dann schieben sich durch den Spalt der Türen Hände, lauert das Volk im Verborgenen. Auch wenn die Assoziation zu den genannten Fernsehserien da ist: Nie verliert man im Raum von Raimund Orfeo Voigt das Gefühl, dass das alles Theater ist. Ein tolles Theater der Rhetorik.

Die Regisseurin Mateja Koleznik hat ein Faible für klare Angelegenheiten. In der vergangenen Saison inszenierte sie Flauberts "Madame Bovary" im Marstall als Studie über eine Manisch-Depressive - und ließ alles weg, womit Flaubert Leben, Kolorit und Facetten malt. Die eisige Konsequenz von Sophokles' Stück - hier in einer klaren, sanft rhythmisierten Übertragung von Dietrich Ebener - kommt ihr da viel mehr gelegen. Sie spielt mit Realismus, wenn im Foyer der Aschenbecher gelehrt wird oder Wasserflaschen und Klopapier vorbeigetragen werden. Sie spielt mit dem Theater, wenn sie den Chor zweimal windschief, als bedrohliche Menge am Fenster entlanggehen lässt, Menetekel des Untergangs. Und sie hat eine gewaltige Freude an der Sprache.

Gerne hört man allen hier zu. Dem leicht aasigen Chorführer René Dumont, dem um Beschwichtigung bemühten Kreon von Bijan Zamani, der durch und durch machtsouveränen Politikergattin Iokaste - Sophie von Kessel -, dem alten, wunderbaren Hans-Michael Rehberg als Teiresias. Thomas Lettow spielt den Ödipus und macht plastisch erfahrbar, wie da einer ringt mit sich selbst, nicht glauben kann, was er über sich erfährt. Anfangs ist er noch ganz selbstsicherer Machtmensch, bald bröckelt diese Fassade in menschlicher Anrührung.

Der Abend ist eine klare Vorführung, wie einer vom Sockel der höchsten Macht gestoßen wird. Doch Koleznik verzichtet keineswegs auf die diversen Orakelsprüche, die ja das Tun der Menschen bestimmen. Sieht man davon ab, dass Ödipus wirklich Laios im Streit erschlagen hat, tat er nie etwas anderes, als dem Unheil, das das Orakel ihm vorhersagte, zu entfliehen zu suchen. Für ihn selbst taugt das Argument, schuldlos schuldig geworden zu sein, nicht als Ausrede. Am Ende blendet er sich dennoch. Da fehlt die letzte Volte, mit der Koleznik die Geschichte zynisch gänzlich ins Heute hätte wuchten können. Mit einem Ödipus, der - geschasst zwar - am Rande der Macht überlebt.