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Nutzlose Ehrungen:Vielen Dank für die Blumen

"Filmemachen ist ein Sport für junge Männer" - dieser Satz stammt von einem der Größten überhaupt, von Ingmar Bergman. Er sprach ihn kurz nach seinem 60. Geburtstag. Dann drehte er "Fanny und Alexander", absolut auf der Höhe seines Könnens, und kündigte seinen Abschied an. Es wurde kein Abschied vom Schreiben und Regieführen, da blieb er im Fernsehen noch lange aktiv, aber es war doch ein Abschied vom Kino. Niemand kam auf die Idee, in Bergman einen Meister zu sehen, der das Schwinden seiner Kräfte nicht wahrhaben wollte.

Am Ende haben beide recht: Ingmar Bergman mit seiner Erkenntnis, dass das Kino eine spezielle, oft grausame Liaison mit der Jugend unterhält. Und Billy Wilder mit seinem Gefühl, dass die Meisterschaft des Alters, die in anderen Künsten unbestritten ist, auch die Filmkunst bereichern könnte. Es ist, wie so oft, auch eine Entscheidung des Publikums. Wer zwischen zwanzig und dreißig war, als "Außer Atem" 1960 in die Kinos kam, wer den orginären Godard-Flash noch erlebt hat, der muss heute zwischen Ende sechzig und Ende siebzig sein.

Die größten Regisseure ohne Job

Diese Menschen sind reicher, fitter, lebensfroher als jede Generation zuvor - und sie haben eine Verbindung zur Hipness der Vergangenheit, von der wir Nachgeborenen nur träumen können. Warum, zum Teufel, gehen sie nicht mehr ins Kino? Warum haben sie aufgehört, die Helden, die sie geprägt haben, zu begleiten, zu unterstützen, zu lieben? Den Musikern jener Zeit ist es gelungen, ihre Generation bei der Stange zu halten und trotzdem neue Fans zu gewinnen - Verkaufserfolge feiert die Musikbranche, auch unter jungen Fans, heute mit Namen wie Led Zeppelin oder Pink Floyd. Auf dem Literaturmarkt verkaufen sich vor allem Senioren wie Philip Roth und Hans Magnus Enzensberger lastwagenweise.

Auch das Kino sehnt sich nach den Helden seiner Vergangenheit - und ist doch unfähig, würdig mit ihnen umzugehen. Gerade jene Menschen, die eine bessere Zeit noch erlebt haben, geben sich heute mit lächerlichem Ersatz zufrieden: Der öffentlich-rechtliche Fernsehmüll der Firma Degeto ersetzt das große Melodram, das gerade die Deutschen einmal brillant beherrscht haben, Event-Hysterie im Fernsehen ersetzt das kollektive Kinogefühl, und sage und schreibe Veronica Ferres besetzt allein einen Raum, den sich früher mindestens fünf wirklich große Schauspielerinnen teilen mussten.

Noch der abgebrühteste Zyniker spürt, dass das keine Wahrheit ist, dass der Schwindel irgendwann auffliegen muss, dass das Karussell der Galas und Lobhudeleien und Preisverleihungen eines Tages krachend auseinanderbricht. Nur um den Schein noch ein wenig länger zu wahren, lädt man einen wie Jean-Luc Godard ein - und wird dann ernsthaft böse, wenn er die einzige Antwort darauf gibt, die mit der Würde des Alters noch vereinbar ist.

Über die Würde

Eines Abends im Jahr 1969 saßen Orson Welles und Peter Bogdanovich zusammen und unterhielten sich über diese Würde des Alters, die im Kino schon damals ein Problem war. Sie waren in einer Bar in Guaymas, Mexico, wo Welles gerade in "Catch-22" mitspielte. Weil das Thema ihrer Unterhaltung so traurig war, waren sie schon nach kurzer Zeit sehr betrunken.

Sie zählten die Namen der großen Regisseure auf, die in ihren letzten Lebensjahren keinen Job bekommen hatten, es waren die größten Namen: D.W. Griffith, der Erfinder Hollywoods - bis Hollywood einfach ohne ihn weitermachte. Josef von Sternberg, Fritz Lang, Jean Renoir, King Vidor, John Ford, alle noch fit, sarkastisch, voll unendlichen Wissens über das Kino: und alle seit Jahren arbeitslos. "Filmemachen ist wie jede andere Obsession", sagte Bogdanovich: "Man kommt nie davon los."

Und Orson Welles, der "Citizen Kane" gedreht hatte, den besten Film aller Zeiten (aber leider schon im Alter von 25 Jahren), er zählte die Dirigenten auf, die mit über 70 Jahren erst ihren Zenit erreicht hatten: Klemperer, Beecham, Toscanini... "Das Einzige, was alte Menschen am Leben erhält, ist Macht", sagte er: "Nimm de Gaulle oder Churchill oder Tito oder Mao die Macht weg, und sie sind nichts als babbelnde Greise. Aber gib einem alten Genie seine Macht zurück - und du wirst seine größte Zeit erleben." Am nächsten Tag begann Orson Welles sein letztes Regieprojekt. Es hieß "The Other Side Of The Wind" und handelte von einem alten Genie, das die Welt nochmal herausfordert. Welles arbeitete die nächsten fünfzehn Jahre daran. Bis zu seinem Tod. Fertig wurde der Film nicht. Traurig ist das. Allerdings doch auch glamouröser als ein Ehrenpreis.