Nutzlose Ehrungen Vielen Dank für die Blumen

Von den Gästen, die an diesem Abend in der "Arena" in Treptow versammelt waren, angefangen bei Jeanne Moreau und Liv Ullmann (und leider nicht endend bei Klaus Wowereit), nimmt es kaum einer auf sich, Godards neueste philosophische Spitzfindigkeiten zu entschlüsseln. Wer kann es noch aufnehmen mit diesem Reichtum an Zitaten, Erkenntnissen und Referenzen in seinem Spätwerk?

Sein jüngster Film "Notre Musique", der vier Jahre zurückliegt, ist in Deutschland weder im Kino gelaufen noch auf DVD erschienen. In den USA eröffnete er auf einer einzigen Leinwand. Dieses Schicksal lässt nur einen Schluss zu: Gerade jenen Fans, die pausenlos die lebensverändernde Kraft des frühen Godard beschwören, ist das Schicksal des späten egal: Als Fixpunkt der eigenen Selbstvergewisserung, den man mit den immer gleichen Bildern und Szenen herbeizitiert, braucht man ihn - als Filmemacher aber hat er aufgehört zu existieren.

Das Publikum ist schließlich jung

Das Argument, warum das so ist, ist seit Anbeginn des Kinos dasselbe. Ein Regisseur, heißt es, müsse auf der Höhe der Zeit sein, die Lebenswelt seines Publikums verstehen, dessen Sorgen, Wünsche und Obsessionen teilen. Nur dann könne jener besondere Funke überspringen, der für einen Kassenerfolg wichtig sei, aber nicht nur das: Auch das Ziel, ein Lebensgefühl, eine Weltsicht zu spüren und gleichzeitig zu definieren, wie es Godard zum Beispiel mit "Außer Atem" gelang, das alles hat ebenfalls mit diesem Funken zu tun.

Ein Meisterwerk, das die Welt bewegt und gleichzeitig das Kino selbst voranbringt - man traut es nur dem jungen Filmemacher zu. Auch das Publikum, zu dem er sprechen soll, ist schließlich jung. Vielleicht nicht so jung wie die Teenager, die auf "Spiderman IV" warten, aber doch wesentlich jünger als in den anderen Künsten. Fernsehzuschauer, Konzertbesucher, Theaterkarten-Abonnenten und Romanleser gibt es bis ins hohe Alter - nur das Kino gibt man als Kunstform irgendwann auf.

Ehrenpreise sind deshalb immer auch Fernsehpreise. Eine Auszeichnung für Billy Wilder oder Robert De Niro gilt formal dem Filmschaffenden, richtet sich in Wirklichkeit aber an den Mann der ungezählten TV-Wiederholungen. Noch lieber ehrt man die Alten, wenn sie ihr fragwürdiges Gewerbe rechtzeitig aufgeben, wie Karlheinz Böhm, oder ihre liederliche Existenz als Unicef-Botschafter aufbessern, wie Sir Peter Ustinov.

Irgendwann wird die Tatsache gefeiert, dass sie noch am Leben sind, egal was sie vorher getan haben - wie bei Johannes Heesters. Deshalb wirken diese Auftritte oft so verquält: Da ist Götz George, der die Lobhudelei beim Deutschen Fernsehpreis wegwischen und lieber ans Buffet will, weil er zu viel Viertelprominenz im Publikum sieht. Oder Mario Adorf, der bei jeder Ehrung bessere Drehbücher einklagt. Oder Armin Mueller-Stahl, der seit Jahren verkündet, eigentlich wolle er nur noch malen und Geige spielen und doch immer wieder in Filmen auftaucht.

Das gewisse Etwas

Am härtesten trifft es die Regisseure. Die Urteile, mit denen man sie aus dem aktiven Dienst verabschiedet und auf die Lebenswerk-Warteliste setzt, sie klingen immer gleich: "He's over the hill", heißt es in Hollywood, oder: "He's lost his touch": Zenit überschritten, Instinkt verloren. Ein, zwei Flops in einer kritischen Lebensphase: aus und vorbei. So groß die Verehrung auch ist, die man einem alten Meister entgegenbringt, so unvorstellbar, noch einmal einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag zu riskieren, um von dieser Meisterschaft zu profitieren.

Das war es, was Billy Wilder in seinen letzten 20 Jahren so verbitterte. "Du verlierst deinen Instinkt doch nicht!", stöhnte er. "Du gehst in eine Kunstgalerie und kannst sofort sagen, welche Gemälde gut oder schlecht sind. Du gehst in ein Café oder Restaurant und zeigst sofort auf die Frauen, die das gewisse Etwas haben. So etwas verlernt man nicht! Ich weiß, dass ich noch immer einen guten Film machen kann." Bedenkt man, wie wach Wilder in seinen letzten Jahren war, wie tödlich seine Pointen kamen, so kann man wohl daran glauben.

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