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Nutzlose Ehrungen:Vielen Dank für die Blumen

Das heutige Kino braucht Helden mit Vergangenheit. Anstatt die großen Kinoregisseure zurück ans Filmset zu holen, verleihen wir ihnen nutzlose Preise. Ein Appell.

Bis Ende der neunziger Jahre konnte man auf dem Brighton Way, einer stillen Seitenstraße in Beverly Hills, einem freundlichen älteren Herrn begegnen. Er war stets elegant gekleidet: Tweedsakko, Cashmere-Schal, Schiebermütze. Am späten Vormittag tauchte er auf, in der Nähe des glitzernden Rodeo Drive, kramte nach Schlüsseln, stieg mühsam ein paar Treppenstufen hinauf und verschwand in einem Büro, das in einem Rückgebäude hinter einem Geschenkladen lag.

Nur Blumen und Ehrungen: Billy Wilder hätte lieber Filme gedreht.

(Foto: Foto: AP)

So ging er zur Arbeit, die nichts anderes als eine selbstauferlegte Pflicht war. Immer gab es einen Stoff, der ihn gerade faszinierte, eine Idee, an der zu feilen, ein Drehbuch, das dringend zu vollenden war. Nach allem, was er über sein Handwerk wusste - er wusste darüber mehr als jeder andere lebende Mensch - sollten großartige Filme daraus werden. Sein Name war Billy Wilder.

Die Welt, die mal Höchstgagen für seine Dienste bezahlt hatte, sie wollte keine Drehbücher und keine Filme mehr von ihm. Nicht geschenkt. Stattdessen drängte sie ihm ihrerseits etwas auf: Ehrungen, Preise, Ehrenpreise. Sechs Jahre, nachdem sein letzter Film in die Kinos gekommen war, schrieb er in seinem Büro und verkaufte keine einzige Idee. Dafür nahm er Auszeichnungen entgegen. Im siebten Jahr bekam er den Oscar für sein Lebenswerk.

Durchbruch des Quotenkalküls

Er stellte ihn zu den sechs, die er schon hatte, und machte weiter. Noch einmal zehn Jahre lang. Bei den nächsten Ehrungen sagte er, er könne keine Preise mehr annehmen, die Putzfrau komme mit dem Abstauben nicht nach. Und eines Tages, irgendwann nach dem Ehrenbären der Berlinale und knapp vor der Erkenntnis, dass er nie wieder einen Film machen würde, da sagte er: "Auszeichnungen und Preise sind wie Hämorrhoiden. Früher oder später bekommt sie jedes Arschloch."

Die Schizophrenie, wie wir mit unseren Kinohelden umgehen, sobald sie ein bestimmtes Alter überschritten haben, hat sich seitdem verschärft. Eigentlich brauchen wir sie dringender als je zuvor: Jedes Filmfestival wäre heute verloren ohne eine Retrospektive, die neue Entdeckungen wenigstens in die Nähe von wirklichen Meisterwerken rückt; jede Preisverleihung wäre entlarvt ohne einen Ehrenpreisträger, der aus einer anderen, besseren Zeit kommt und für einen Moment die Gesetze von Quotenkalkül und Jury-Opportunismus durchbricht.

Zweitens aber war es vor allem bei uns hier in Deutschland noch nie so egal, wen wir für ein paar Minuten ins Rampenlicht zerren: Jedem Erstlingsregisseur, jedem Gastarbeiter in Hollywood mit Zwergenrollen, jeder schauspielernden Verlegersgattin wird ohne Wimpernzucken die totale Meisterschaft bescheinigt - was zählt da noch wahre Größe?

Jean-Luc Godard ahnte zu Recht nichts Gutes, als er beim Europäischen Filmpreis 2007 den "Preis für die Karriere" bekommen sollte. Er fand, eine Karriere im engeren Sinn habe er nie gehabt. Also sagte er ab, in Godard-Manier, freundlich und unverschämt zugleich. In einem tollen Gespräch mit der Zeit zündete er sich erst eine Zigarre an, und dann: "Wissen Sie, es scheint mir seltsam, in Berlin einen Filmpreis für mein Lebenswerk zu bekommen. Für Filme, die sich gerade die Leute, die die Preise in Berlin vergeben, nicht anschauen."

Aufgehört zu existieren

Wim Wenders, dem Präsidenten der Europäischen Filmakademie, wuchs vor Ärger über Nacht ein grauer Zopf! Am nächsten Tag zog er seinen hässlichsten Smoking und seine grellste Krawatte an, dann setzte er seine fieseste Brille auf, schaute wie eine selbstmordgefährdete Kartoffel und jammerte: "Hélas, tu n'es pas là!", zunächst auf Französisch, damit es Godard auch verstehen konnte. "Du bist nicht da!" Aber, so fuhr er fort: Deine Filme sind in unseren Köpfen. Und: "Niemand hat diese spezielle filmische Intelligenz, die du hast."

Ein schöner Satz, der die Möglichkeit offenlässt, dass andere Regisseure andere spezielle Intelligenzen haben, von denen wiederum Godard nur träumen kann: Wenders zum Beispiel. Danach droschen in Berlin die abgehalfterten Leningrad Cowboys auf ihre Instrumente ein - und der eh große Godard hatte wg. Abwesenheit nochmal an Statur gewonnen.

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