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NS-Maler im Museum:Fade Kunst

Lorch, Catrin

Catrin Lorch ist Kunstredakteurin im Feuilleton.

Die Münchner Pinakothek der Moderne will dauerhaft NS-Propagandakunst ausstellen. Doch den Werken fehlt etwas Entscheidendes.

Etwas abgekämpft sitzen sie da, aber auch sehr zufrieden. Blond, nackt, riesengroß, vier Frauen nebeneinander. "Die vier Elemente" werden es als Sieg verbuchen, dass man sie nach dem Bilderstreit nicht wieder abgehängt hat in der Münchner Pinakothek der Moderne. Adolf Ziegler hat sie gemalt, Mitte der Dreißigerjahre, damals Präsident der Reichskammer für bildende Künste. Adolf Hitler kaufte das Triptychon und hängte es über seinen Kamin. Ziegler war zudem Funktionär und mit der Säuberung deutscher Museen und Galerien von der Moderne betraut, die er mit der Schau "Entartete Kunst" dauerhaft zu diffamieren versuchte. Die Idealvorstellungen der Nationalsozialisten vertrugen keine Vielfalt, kein Nebeneinander. Ihnen musste weichen, was abwich.

Adolf Zieglers Gemälde verschwanden in der Nachkriegszeit im Kunstlager. Ihren ersten wirklich prominenten Auftritt hatten die vier Blonden erst 2015 in der Ausstellung "GegenKunst", als die Kuratoren der Pinakothek sie unter anderem dem Triptychon "Versuchung" von Max Beckmann gegenüberstellten. "Fade arische Vierlinge" ( SZ vom 20.5.2015), urteilte die Kritik. Es gab einen Katalog und viel internationale Aufmerksamkeit. Das muss Generaldirektor Bernhard Maaz beflügelt haben, der jetzt, ein Jahr nach Amtsantritt, seine erste Neu-Hängung der Sammlung verantwortet. Warum dieses kuratorische Kunststück nicht verlängern und nebenbei auch das Spektakel eines Tabubruchs? Eigentlich sind Museen ja dazu da, höchste Qualität dem Publikum dauerhaft zugänglich zu machen. Doch nun machen sich hier die "Vier Elemente" breit, zusammen mit anderen Malern, die im Deutschland während der NS-Zeit weiter arbeiteten. "Wir können nicht einen Teil der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts in Stacheldraht wickeln", sagt Maaz. Gerade dem, was sein Sammlungsleiter Oliver Kase "ungebetene Bestände" nennt, müsse man sich endlich stellen. Immerhin zählen gut 900 Werke von insgesamt 30 000 zu dem Erbe des NS-Kunstwahns, das von der NSDAP oder ihren Würdenträgern angehäuft wurde, und nach dem Krieg von den Alliierten an die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen übergeben wurde. Es sei eine "Generationenaufgabe", mit dieser Kunst "unerschrocken umzugehen". Aber hatten Museen bislang nicht genug damit zu tun, die vielen Maler-Mitläufer von den Sockeln zu entfernen, die ihre Biografien im Nachhinein geschönt hatten? Gerade erst wurde Publikumsliebling Emil Nolde als "Fall" diskutiert.

Museen sind dazu da, höchste Qualität dem Publikum dauerhaft zu zeigen

Wie also umgehen mit dem, was von der nationalsozialistischen Propaganda übrig geblieben ist? Unweit der Pinakotheken zeigt Okwui Enwezor, Leiter des Hauses der Kunst, wie man so ein zwiespältiges Baudenkmal optisch freilegt und dennoch problematisiert. Im Eingang gibt es einen informativen Archivraum, Pathos und Propaganda werden historisch eingebettet. Bislang geben Maaz und Kase den Besuchern nur ein paar Zeilen mit: "Die bis heute verbreitete Polarisierung von NS-Propagandakunst und 'entarteter Kunst' bedarf einer Revision", heißt es da. Doch wie weit taugt das Gezeigte überhaupt zur Diskussion? Anders als in Leni Riefenstahls Filmen, anders als in den Bauten von Albert Speer oder Arno Brekers Skulpturen steckt im faden Gepinsel nicht eben viel drin an Ästhetik und Aura. Bestenfalls werden Besucher diesen Saal einfach nur durchqueren. Ein Ärgernis ist er nicht, nicht mehr. Denn ein zeitgenössisches Verständnis von Kunstpolitik wird souverän bleiben - und auch einem flauen kuratorischen Einfall seinen Raum nicht streitig machen.