bedeckt München

Restaurierung von Pariser Wahrzeichen:Glaubenskrieg

Renovierungsarbeiten an Notre Dame de Paris.

(Foto: Etablissement public chargé de la conservation et de la restauration de la cathédrale Notre-Dame de Paris)

Der Rechnungshof rügt die Verwendung von Spendengeldern, der Erzbischof liebäugelt mit neuen Fenstern, und ein Autor warnt vor Denkmalschändung: Bei der Restaurierung der Kathedrale Notre-Dame liegen die Nerven blank.

Von Joseph Hanimann

Auch als Bauruine liegt die Pariser Notre-Dame am Pulsschlag des französischen Selbstgefühls. Abgesperrt, unnahbar, von Kränen, Gerüsten und Holzverschalung umstellt, symbolisiert der Steinkoloss Bestand, Unverwüstlichkeit und zugleich die Erkenntnis, dass es auch ganz anders hätte kommen können. Dass der ganze Bau nah dran war, aus dem Pariser Stadtbild zu verschwinden. Aus dem gemeinsamen Betroffenheitstaumel nach dem Brand ist bald Streitsucht darüber geworden, was nun zu tun sei, bevor im breiten Konsens über einen originalgetreuen Wiederaufbau eine gewisse Ruhe einkehrte. Doch flammt bei jeder Gelegenheit die Kontroverse wieder hoch.

Dabei ist man eine große Sorge nun gerade los. Das 200 Tonnen schwere Baugerüst aus angeschwärzten und verbogenen Stäben auf 40 Metern Höhe ist entfernt. Es war eine permanente Bedrohung für das lädierte Mauerwerk des Kirchenschiffs. Seilschaften behelmter Engel haben zwischen Himmel und Erde mit der Motorsäge das beim Brand in sich verschmolzene Häkelwerk von innen her aufgetrennt, und Monteure konnten die 40 000 Stäbe dann vom Hängekorb aus zerlegen. Fast sechs Monate dauerte die komplizierte Operation. Der Blick vom Inneren der Kathedrale durchs große Loch im Gewölbe ist nun frei direkt in den Himmel. Und über das Leck an der Stelle des abgestürzten Vierungsturms wird endlich ein Schirm zum Schutz vor Wind und Regen aufgespannt werden können.

Schon wendet sich der Meinungsstreit aber einem neuen Thema zu. Seit bekannt wurde, dass der Pariser Erzbischof Aupetit darüber nachdenkt, die bisherigen Glasfenster in den Seitenkapellen von Notre-Dame durch zeitgenössische Werke zu ersetzen, herrscht Aufregung. "Gnade für Notre-Dame, Hochwürden!" - empört sich der Schriftsteller Jean-Marie Rouart und fragt entsetzt, ob nun, nach den "Eiterbeulen" von Anselm Kiefers im Pantheon gerade installierten Vitrinen zum Ersten Weltkrieg, schon die nächste Denkmalschändung bevorstehe.

Doch es ist ein seltsamer Krieg, wie mit vertauschten Fronten. Kamen die Anregungen für Zeitgenössisches im Alten bisher eher von staatlichen Stellen, reagierte diesmal die Kulturministerin Roselyne Bachelot-Narquin auf den Vorschlag des Erzbischofs schnell und kategorisch: Kommt nicht infrage. Auch der Direktor der Pariser École des Beaux-Arts, Jean de Loisy, winkt in diesem Fall ab. So sinnvoll die neuen Glasfenster Gerhard Richters im Kölner Dom oder jene von Pierre Soulages in der romanischen Abteikirche von Conques sein möchten, erklärt er, dürfe die wohldurchdachte Harmonie von Viollet-Le-Ducs Neugestaltung von Notre-Dame im 19. Jahrhundert nicht durch eine veränderte Lichtqualität gestört werden.

Dem Erzbischof ging es einfach darum, mehr Licht in den Raum zu bringen sowie durch eine neue Bestuhlung und eine klarere Raumsignalisierung die jährlich zwölf Millionen Touristen besser an den Kirchgängern vorbeizulotsen. Funktionalität, Stilreinheit und die Authentizität historisch entstandener Umgestaltungen müssen aber gut gegeneinander abgewogen werden. Die Kapellenfenster von von Viollet-le-Duc, die den Brand heil überstanden haben, nun herauszureißen, wäre ein Akt seltsamer Besserwisserei. Soll ein alter Sakralraum wirklich optimal ausgeleuchtet sein wie ein Museumssaal? Diese Frage stellte der Kunstkritiker Didier Rykner. Gerade das nicht immer ganz arrangierte Nebeneinander von Licht und Halbdunkel birgt oft die mysteriöse Wirkung solcher Orte.

In einem Punkt haben die Erzkonservativen wie Jean-Marie Rouart jedenfalls recht. Die so entschieden auf ihr Prinzip der Laizität pochende Republik Frankreich feierte große Ereignisse wie das Ende des Ersten Weltkriegs, die Befreiung von Paris 1944, die Staatsbegräbnisse ihrer Präsidenten stets gern mit einem Te Deum, Magnificat oder Requiem in Notre-Dame. Ihre Bedeutung zeigt sich auch in den zahlreichen neuen Büchern zu Notre-Dame, die schon bis nach Deutschland herüberschwappen.

"Die Seele Frankreichs", zugleich heilig und profan, gotisch und revolutionär, mittelalterlich und romantisch, nennt Agnès Poirier im Untertitel ihr bei Insel erschienenes Buch "Notre-Dame". Wie in einem Thriller lässt die Autorin darin die Brandnacht des 15. April 2019 noch einmal vor uns ablaufen, vom ersten, folgenlos gebliebenen Brandalarm um 18.18 Uhr bis zur Meldung des Feuerwehrchefs Jean-Claude Gallet gegen 23 Uhr an den nebenan wartenden Staatspräsidenten Macron, die Einsturzgefahr sei gebannt, das Feuer unter Kontrolle.

Als Ergebnis der zur Deckung gekommenen Interessen zwischen Königsmacht, Kirche und aufstrebendem Stadtbürgertum in der damals bevölkerungsreichsten Stadt Europas ist Notre-Dame laut Poirier das herausragende Beispiel jenes neuartigen Kirchenbaus, der um die Mitte des 12. Jahrhunderts in der Gegend um Paris begonnen hatte. Im Unterschied zu vielen Rivalinnen war Paris als Stadt zugleich für Handel, Gewerbe, Lehre, Kunstpflege und königliche Machtdemonstration bedeutsam, also eine Vielfunktionenstadt. Die entscheidenden Etappen der Festigung von Notre-Dame im kollektiven Gedächtnis werden in Poiriers Buch dann szenisch aufgerollt: die Messe, mit welcher der protestantische Heinrich IV. 1594 die Königskrone eroberte, die Inthronisierung des "Höchsten Wesens" und kurz danach die Zerstörungswut während der Französischen Revolution, die Kaiserkrönung Napoleons, der Roman Victor Hugos und die Restaurierung durch Viollet-le-Duc, die dem Verfall der Kathedrale ein Ende setzte. Wie nah dieses gotische Bauwerk von Anfang an mit der beginnenden städtischen Lebensart des Hochmittelalters einherging, lässt sich auch in anderen Studien nachlesen wie jener des Berliner Kunsthistorikers Reinhart Strecke: "Gotische Kunst und städtische Lebensform - Von Saint-Denis nach Notre-Dame" (Lukas Verlag, Berlin). Der Kontrast zwischen dem engen, lärmigen, finsteren Lebensraum in den verwinkelten Häusern und Gassen von Paris und der lichtdurchfluteten, in die Höhe strebenden Raumweite der neuen Gottesbauten ist für uns Adepten der Denkmalpflege nur noch mit einiger Anstrengung nachvollziehbar.

Vielleicht liegt es daran, dass wir so empfindlich auf alles reagieren, was mit diesem Thema zusammenhängt. Die Pariser Notre-Dame ist gegenwärtig wie ein Brennspiegel dafür, der selbst die trockenen Zahlen der Buchhaltung zum Glühen bringt. Eine Rüge des französischen Rechnungshofs wegen der undurchsichtigen Verwendung der 824 Millionen Euro, die aus Spenden für Notre-Dame zusammengekommen sind, veranlasste das Kulturministerium zu einer virulenten Erwiderung. Alle Ausgaben, einschließlich der Finanzierung des speziell für Notre-Dame geschaffenen halböffentlichen Baukonsortiums und seiner 39 Angestellten, seien bis auf den letzten Cent gerechtfertigt, heißt es darin. Und so geht es weiter in dieser Sache. Berührte Seelen und erhitzte Köpfe greifen dafür bald tief in die Tasche, bald zu rhetorisch hohen Tönen und manchmal zur falschen Waffe des stilistischen Glaubenskriegs.

© SZ/tmh
Zur SZ-Startseite