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"Winterbienen" von Norbert Scheuer:Der Bienenflüsterer

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Immer wieder liegt der Protagonist in Norbert Scheuers neuntem Buch über die Eifel vor den Bienenstöcken im Gras und lauscht sich in den Schlaf.

(Foto: imago images / CHROMORANGE)

Alle Elemente dieses Romans hängen aufs Innigste zusammen: Norbert Scheuers meisterhafter Roman "Winterbienen" besingt die Einheit aller Dinge. Nominiert für den Deutschen Buchpreis.

Wegreißend, umstürzend, durchschüttelnd, verkrampfend - Epilepsie ist eine Krankheit, die den Körper in einen Paroxysmus stürzt und das Ich außer sich. Es ist eine uralte Nervenkrankheit, so alt wie die menschliche Zivilisation, zu antiken Zeiten galt sie als heilig, morbus sacer wurde sie genannt, und der Kranke war ausgezeichnet, stigmatisiert. Mal im Guten, mal im Bösen. Bei den Nazis war die Krankheit ein Todesurteil für den Betroffenen. Egidius Arimond, der Held und Ich-Erzähler in Norbert Scheuers neuem Roman "Winterbienen", ist Epileptiker. Mit Medikamenten hat er die Symptome einigermaßen im Griff, doch die sind in den Kriegsjahren 1944/45 schwer zu bekommen.

Tatsächlich aber sind es die Zeiten und Tage, ist es die Außenwelt, die außer Rand und Band geraten ist. Es tobt der Luftkrieg, die Bomber der Alliierten überqueren vom Westen die Eifel, um ihre tödliche Fracht im Ruhrgebiet und über den rheinischen Großstädten abzuwerfen, schließlich wird das Vulkangebirge mit seinen versprengten Dörfern und Kleinstädten selbst zum Zielgebiet. Vergeblich donnert die Flugabwehr und schickt nachts ihre Suchlichter in den lärmenden Himmel. Am Ende stehen die kämpfenden Bodentruppen in den Gaststätten und vor den Ställen und Bienenkörben der Eifelbauern. Die Welt hat einen epileptischen Anfall, der Paroxysmus tötet ihre Nervenzellen, ihre Funktionssysteme also, und er reißt alles und jeden mit.

In dieser Zeit, von Januar '44 bis Ende Mai '45, hält Egidius Arimond das Geschehen auf einzelnen Tagebuchblättern fest. Der soziale Außenseiter tut es unaufgeregt, sachlich, lapidar. In einem Duktus, als ob im Inneren des Wirbelsturms der ruhigste Ort der Welt sei. Wenn wir die Gegenstände seiner Aufzeichnungen nach Häufigkeit und Bedeutung ordnen wollten, müssten wir seine Bienen zuerst nennen, die Organisation ihres biologischen Gesamtkörpers, ihre unablässige Arbeit für Königin und Volk. Egidius' Sorge und Pflege gilt ihnen ganz. Und er liebt die Frauen, mitten im tobendem Lärm träumt er von ihnen und geht neue Verhältnisse ein, schließlich gar mit der Ehefrau des Kreisleiters der NSDAP.

Egidius liest viel, in der Ortsbibliothek von Kall hat er seine eigenen verbotenen Bücher versteckt, und er geht dort den schriftlichen Spuren seines Urahns Ambrosius Arimond nach, der Anfang des 16. Jahrhunderts aus dem Tessin in die Eifel gekommen war, als Begleiter des ambulanten Herzens des verstorbenen Philosophen, Bischofs von Brixen und Generalvikars des Vatikans Nikolaus von Kues. Ambrosius' Aufzeichnungen, den Tagebüchern des Egidius eingefügt, erzählen vom mühseligen Transport des heiligen Herzens des Cusanus über die Alpen, und wie zu dessen Schutz und als seine Begleitung die Bienen aus dem Tessin in den armen Nordwesten Deutschlands gelangten. Übersetzungsfetzen von Nicolaus Cusanus sind unter Ambrosius' Herzensgeschichten gemischt, eine Philosophie der Zusammengehörigkeit und Ähnlichkeit aller Dinge in der Welt ist so gerade noch erkennbar.

Der lapidare Tonfall des Erzählers ist ein rhetorischer Schutz vor literarischem Heldentum

Doch die eigentliche Botschaft ist wie immer bei Norbert Scheuer konkreter Natur. Hier sind es die viel vermögenden Bienen, mit deren antibiotischem Harz das Herz des Heiligen einbalsamiert ist und deren komplexe Lebensform sich in einem stetigen, nach Tag- und Nachtzeiten, nach Jahreszeiten und Arbeitsanfall unterschiedenem Surren und Summen dem Aufmerksamen offenbart. Immer wieder liegt Egidius vor den Bienenstöcken im Gras und lauscht sich in den Schlaf, die Seelenruhe oder ins Tagträumen.

Der Epileptiker und die Flucht vor der großen gewalttätigen Geschichte ins Kleine und Allerkleinste. Das Abseits als sicherer Ort. Die Schönheit der feinen und leisen Ränder der schreienden lauten Welt - so scheint es manchmal bei der Lektüre, so möchte man es manchmal lesen, so möchte man sich manchmal selbst retten. Doch so ist es nicht, so lässt es der Roman nicht zu. Er hat seinen Helden vielfältig mit den Schrecken seiner Zeit verknüpft, doch er tut das so antiklimaktisch bedächtig, so antiepileptisch ruhig, dass man die starken Tathandlungen aus der sachlich-meditativen Verpackung eigens herausarbeiten muss.

So muss man in Egidius Arimond einen tapferen Fluchthelfer für bedrohte Juden in Nazideutschland erkennen. Er ist Teil einer anonymen Organisation, die Flüchtende über die nahe Grenze nach Belgien bringt. Von mehreren solcher lebensgefährlichen Unternehmungen berichtet Egidius im Tagebuch. Er versteckt den Heroismus dieser Taten in mehreren Schichten. Die Aktion wurde ihm von Fremden angetragen, mit Zetteln und schriftlichen Zeichen in Büchern der städtischen Bibliothek. Er macht es nur, weil er Geld braucht für seine teuren Medikamente. Er kann es leichter als andere, weil er ein Loch, einen Spund, wie es heißt, im Sandsteinfelsen hinter seinem Haus kennt, das zu einem ausgedehnten Stollensystem aus Bergbauzeiten gehört. Zudem liegt eine Wiese mit weiteren Bienenstöcken von ihm gleich an der belgischen Grenze und was der Tiefstapeleien mehr sind.

Und dann lesen wir nur kurz von der eigentlichen abenteuerlichen Rettungsaktion, dafür staunen wir umso mehr, wie Egidius diese mit der Bienenliebe, und diese mit der Frauenliebe verknüpft. Er transportiert die Flüchtenden in vergrößerten Bienenkörben, heftet ihnen fünf Lockenwicklerröllchen an die Kleidung, in denen jeweils eine Bienenkönigin gefangen ist. Im Fall einer Durchsuchung des nächtlichen Transports durch Polizei und Militär würden Tausende schwirrende Bienen die Versteckten bedecken; diese würden gleichsam zum Bienenkörper, einem Traum des Schreibers auch von sich selbst: Bienen werden! Und die Haarröllchen, der weiblichen Schönheit zugeordnet, hat Egidius seinen Geliebten gestohlen, seinen Königinnen des Herzens.

Schon Ambrosius hatte über die Bewegungen der Bienen als Ausdrucksformen gerätselt

Über solche Nähe, Berührung, Übertragung, analogische oder symbolische Verbindungen, hier zwischen Krieg und Cusanus, Bombern und Bienen, Krankheitsleiden und Liebeslust, hängen alle Elemente des Romans aufs Innigste zusammen. Doch keine dieser tiefen Verknüpfungen wird exponiert oder gefeiert. Im Gegenteil: Der lapidare Tonfall des Erzählers, eigentlich nur ein Berichterstatter im Tagebuchformat, ist ein rhetorischer Schutz vor geschichtlichem und rhetorisch-literarischem Heldentum. Die Tathandlung selbst ist eine Zeichenhandlung, ein performativer Akt mit ungewöhnlichen Bedeutungsträgern: klug eingesetzte tanzende Bienen als schützendes Cover eines designierten Opfers. Naturnutzende Vortäuschung als versierte Zeichennutzung. Egidius kann dabei an der Raffinesse der Bienenkommunikation selbst anknüpfen, ihrer Art, Botschaften an ihresgleichen in Tanzbewegungen zu codieren. Schon der spätmittelalterliche Ambrosius, Übersetzer des Cusanus, hatte über die Bewegungen der Bienen als Ausdrucksformen gerätselt. Der Verhaltensforscher Karl von Frisch schließlich war der Erste, der die analogische Hinweisfunktion des Bienenflugs erkannte. Mit ihm hat unser Bienen beobachtender, Bienen liebender, Bienen verstehender Roman-Egidius gar einen kurzen Briefwechsel. Kurz, die biologischen, dinglichen, sozialen und alltäglichen oder historischen Handlungsmilieus sind allesamt über die Ähnlichkeiten ihrer Funktions- und Bedeutungsstruktur ineinander konvertierbar.

Die Kunst Norbert Scheuers besteht darin, diese Übertragbarkeit klug und schön zu nutzen; die größere Kunst ist es aber, die weiteren und tieferen Verbindungen zwischen den Welten lediglich bereitzustellen, sie dem Leser anzubieten, ihn zum selbsttätig ausführenden Organ dieser Übertragung zu machen. Der Leser ist es, der immer weitere Schichten des inneren Zusammenhangs der Dinge als Zeichen entdeckt, bis hinunter zur naturphilosophischen Denkweise der Cusanus und herauf zur Analogie von Spundloch im hölzernen Bienenstock, durch das die Tiere aus- und einfliegen können, zum "Spund" im Sandsteinfelsen, durch welchen die Flüchtenden in die Freiheit geführt werden.

"Winterbienen" ist Norbert Scheuers neuntes erzählendes Buch über die Eifeler Gegend rund um die Kleinstadt Kall. Jeder Roman hat dabei ein historisch und räumlich reales Bezugssystem, auf dass sich alle Emotionen, Gedanken und Geschichten beziehen lassen. Im Roman "Der Steinesammler" sind es tatsächlich die Steinbrüche, das Zementwerk und die mineralogischem Besonderheiten der Gegend. In "Überm Rauschen" sind es der Fluss, die Fische und die bizarren Köder der Fliegenfischer; in "Die Sprache des Vögel" sind es exotische Vögel in Afghanistan, heimische in der Eifel; in "Am Grund des Universums" sind es der Stausee und die Gruben und Stollen des aufgelassenen Bergbaus. Sie bilden jeweils einen die Romanhandlung bergenden realen Raum, und sie dienen als alternatives Universum, auf das sich das alltägliche Leben metaphorisch beziehen lässt.

Einen Höhepunkt hat diese Konjunktion der karg-realen und der sehnsuchtsvoll beschworenen Sphäre oft in einer Verschmelzung, die etwas Wahnsinniges hat, und etwas Heiliges. So wird Hermann Arimond im "Überm Rauschen" am Ende selbst zum ersehnten Urfisch. Und der Vater des Afghanistan-Heimkehrers Paul Arimond stürzt sich mit ausgebreiteten Armen als Greifvogel von der hohen Talbrücke herab. Sparsam gesetzte, große Romanmomente. Natürlich kann man die Bienen, das Bienen-werden-Wollen des Egidius Arimond in "Winterbienen" hier einreihen. Am Ende, schon im Danksagungsnachspiel des Romans, gibt es den Verschmelzungsmoment als perverses Kriegsgeschehen, und dennoch in aller Scheuer'schen Großartigkeit - auch mit Wink Richtung Cusanus und seiner Alleinheitsidee: So heißt es, nun von Dritten reportiert, über Egidius: "er war durch die Explosion des schweren Sprengkörpers in Abertausende Partikel zerrissen worden. Schwärme von Bienen hatten angeblich gerade ihre Stöcke verlassen, sie schwebten in Wolken von schwirrenden Schleiern übers Feld, so als wäre gar nichts geschehen; sie erschienen wie tanzende Sterne eines summenden Universums."

Menschenglieder, Bienen, Sterne: Die beiläufige Entfaltung einer doppelten und dreifachen Welt, nämlich einer historisch realen und darin real eingelagerter und trotzdem ganz eigener metaphorischer Welten, ist zu einem Markenzeichen Norbert Scheuers geworden. In "Winterbienen" zeigt sich seine Kunst in entspannter Meisterschaft.

Norbert Scheuer: Winterbienen. Roman, C. H. Beck Verlag, München 2019. 319 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 06.09.2019
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