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"New York Times":Dein Freund und Reporter

Seit vor 15 Jahren der sogenannte Bürgerjournalismus auftauchte, kämpfte die New York Times dagegen. Nun schwenkt sie um.

Thomas Schuler

Tina Kelley arbeitet seit zehn Jahren für die New York Times. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 hat sie 121 Nachrufe verfasst. Sie und ihre Kollegen haben damals einen Pulitzerpreis erhalten.

Bloß nicht mit den Lesern gemein machen: der frühere "Times"-Chefredakteur Max Frankel.

(Foto: Foto: Getty Images)

Seit sechs Jahren lebt sie mit Mann und Kindern in Maplewood, einem Ort mit 23 000 Einwohnern im Bundesstaat New Jersey, und seit vergangenem Montag betreut sie dort einen Blog (nytimes.com/maplewood) für Bürgerjournalismus, den die New York Times als Experiment bezeichnet.

Inhaltlich unterscheidet er sich nicht vom Lokaljournalismus eines Provinzblattes. Es geht um Hobbykünstler, um den Polizeibericht und die Kontrolle des Wildbestandes. Für die Times aber geht die Bedeutung des Blogs weit über den Ort hinaus.

Es geht um Grundsätzliches. Seit vor 15 Jahren der sogenannte Bürgerjournalismus auftauchte, kämpfte die Times dagegen. Der frühere Chefredakteur Max Frankel kritisierte in den 90er Jahren, dass Bürgerjournalismus Probleme nicht nur identifizieren, sondern gleich lösen wollte. Er warnte davor, sich mit den Anliegen von Bürgern gemein zu machen. Frankels Kollege Leonard Downie Jr., der ehemalige Chefredakteur der Washington Post, erinnerte das Ganze an Aktivitäten der Marketing-Abteilung seiner Zeitung, und er lehnte es deshalb ab.

Seither ist viel passiert. Das Internet gibt Bürgern neue Möglichkeiten. Bei Ereignissen wie den Terroranschlägen in Mumbai oder dem Flugzeugabsturz im Hudson informierte die Times noch als Chronist über die Amateurberichte. Nun, da zum Korrespondentenkorps des Weißen Hauses mit Sam Stein, 26, auch ein Vertreter der Online-Zeitung Huffington Post gehört und diese in Chicago eine lokale Website betreibt, will sich die Times dem Trend nicht mehr verschließen. Statt eine Stadt wie Chicago mit nur einem Mitarbeiter zu besetzen, weicht sie aber in die Vororte aus. Ihr Blog "The Local" startete Montag vor einer Woche in fünf Orten in Brooklyn und New Jersey. Tina Kelley betreut New Jersey, ihr Kollege Andy Newman Brooklyn.

"Nachrichten sind ein Gespräch und kein Vortrag", sagt Kelley. Mit dieser Begründung unterscheidet sie sich nicht von I-Report von CNN, wo Amateure Bilder ungeprüft hochladen können. Anders als I-Report wollen Kelley und Newman aber jeden Beitrag prüfen und den Anliegen von Bürgern selbst nachgehen oder bei der Recherche helfen.

"Ich habe den ganzen Tag Zeit, um mit Hilfe meines Presseausweises Antworten auf eure Fragen zu finden", versichert Kelley ihren Lesern. Jedem der beiden Reporter helfen drei Praktikanten. Die Reporter schreiben, sie wollen als Moderatoren fungieren. In der Tat ist die mangelnde fachkundige Betreuung und Recherche das Problem des Bürgerjournalismus. Deshalb will die Times zusammen mit der Journalistenschule der City University Laien grundlegende handwerkliche Fertigkeiten vermitteln.

Im Erfolgsfall will die Times das Konzept auf andere Orte ausdehnen, sagte Jim Schachter, Redakteur für digitale Projekte. Natürlich könne man von Amateuren nicht das Niveau der Profis erwarten, sagte Schachter dem Fachblatt Editor & Publisher und dementierte, dass die Times preiswert ihre Lokalberichterstattung finanzieren wolle. Man wolle einfach sehen, ob man an dieser Art von Journalismus teilhaben könne.

Wann immer Tina Kelley von Kollegen gefragt wird, was ihr Geschäftsmodell sei, gebe sie die Frage zurück, sagt sie. Unausgesprochen schwingt mit: "Ist euer Geschäftsmodell erfolgreicher?" Die Zeitungskrise ist ihr Argument für das Experiment.

© SZ vom 9.3.2009/rus
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