Neues Kino Der Putz blättert, wie schön

Andrew Dominik lässt sich für seinen "The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford" ebenso viel Zeit, aber die Rezeptur geht nicht annähernd so gut auf wie bei Kechiche. Dominik beschreibt sehr detailliert, wie der jugendliche Kleingangster Robert Ford (Casey Affleck), neu in der James-Gang, seinen Helden Jesse, der eigentlich ein sehr furchteinflößender, kühler Fiesling ist, aber ungeheuer charismatisch, umgarnt. Er verehrt ihn so sehr, dass er am liebsten in seine Haut schlüpfen würde - und weil er das nicht kann, immer nur ein kleines Nichts sein wird am Rockzipfel seines Idols, bringt er ihn um, als könne dieser Akt ihn über sich selbst hinausheben.

"Jesse James" ist ein bisschen sehr pathetisch, verfolgt die wortlosen, eleganten Gesten und das provozierend minimalistische Mienenspiel von Brad Pitt als Jesse James - Andrew Dominik filmt den Mythos in der Entstehung wie andere eine Blume beim Wachsen. Ein schöner Winterwestern, der in den Nachwehen des Bürgerkriegs spielt, des letzten Krieges auf amerikanischem Boden - manche glauben, sagt einmal ein Sheriff zu Bob Ford, Jesse James sei so geworden wegen dessen, was seiner Familie widerfahren sei in diesem Krieg. Da ist klar, warum der Film im Wettbewerb läuft - er steht in Bezug zu den Irakkriegsfilmen von De Palma und Paul Haggis, zeichnet ein zerrüttetes Amerika, führt zurück an den Ursprung medialer Wirkung.

Vermögende Wahnsinnige

Der Ikonoklast Robert Ford kann den Mythos Jesse James nicht zerstören. Für ihn ist alles vorüber, aber die Legende lebt weiter. Manchmal kann der Glanz des Wettbewerbs aus einem Film ein bisschen mehr machen, als er eigentlich ist. Oder das Gegenteil. "The Sun also Rises", an dem der Chinese Jiang Wen, als Schauspieler und Filmemacher zu einigem Ruhm gekommen, jahrelang gearbeitet hat, ist furchtbar laut und überkandidelt, ein bisschen wie Kusturica, dauernd wird gebrüllt und mit Gegenständen geworfen wird. Die Geschichte einer Witwe und ihres Sohnes in einem kleinen Dorf, verquickt mit der eines Paares an einer Schule in der Stadt, verpufft dazwischen.

Wes Anderson braucht das alles nicht, der hat mit "The Darjeeling Limited" endlich seine Mitte gefunden - es geht zwar wieder um vermögende Wahnsinnige, die miteinander verwandt sind, aber im Gegensatz zu "The Royal Tenenbaums" und "Life Aquatic with Steve Zissou" finden die Whitmans zu einer zauberhaften Ernsthaftigkeit. Anderson fabuliert fröhlich drauf los, darüber wie Francis (Owen Wilson), Peter (Adrien Brody) und Jack (Jason Schwartzman) sich in einem indischen Zug, dem Darjeeling Limited, wieder zueinanderfinden - der Vater ist tot und die Mutter ist noch bekloppter als ihre drei Söhne.

In dem Zug, dem Anderson ähnliche Puppenhausqualitäten abgewinnt wie dem Familienboot in "Life Aquatic", klappt das nicht, erst als sie irgendwo in Indien ausgesetzt werden, wegen einer Giftschlange, Medikamentenmissbrauchs und Aufsässigkeit. Im Angesicht eines kleinen Leichnams werden sie plötzlich ganz ruhig. Das Leben ist zu kurz, um jede Last, die einem aufgebürdet wurde, mitzuschleppen. Anderson schwelgt in den Farben einer sehr gebraucht aussehenden Welt, der Putz blättert. Diesmal ist sie wirklich wie seine Figuren - voller Macken und unendlich schön. Es geht ja im Kino auch noch um etwas anderes, als dauernd die Gesellschaft zu definieren. Und wenn es auf seine eigene, surreale Art von der Welt erzählt, dann ist es ganz bei sich.