Neues Buch: "Die Verwandlung der Lust" Orgasmus und Okzident passen nicht zusammen

Ein Historiker untersucht die Schicksale der Lust im Abendland: Galt die Unterdrückung der Sexualität jahrhundertelang alsTriebfeder für Höchstleistung und Wettbewerb? Und was geschieht nun mit uns?

Von Sabine Doering-Manteuffel

"So a bravs Weiberl, wie ich eins krieg, hat noch nie keiner net ghabt!" Doch Bauer Roman aus Ludwig Ganghofers "Dorfapostel" sollte sich gründlich irren, denn seine taubengleiche Julie, auf den ersten Blick eine ländliche Unschuld par excellence, trieb es in Wahrheit heimlich mit dem Knecht. Unter den strengen Blicken der Alten, die über die Sitten wachten, vergingen sich die Jungen in Wald und Scheuer, zwischen Stalltür und Regentonne. Glaubt man der Heimatdichtung der Jahrhundertwende, dann tat sich selbst in den entlegensten Winkeln des Landes bereits eine Kluft auf zwischen christlicher Tugendlehre und dem offenen Vollzug sexueller Freiheiten.

Verdeckt all das Gerede von freier Lust bloß häuslichen Biedersinn? jedenfalls haben ausgerechnet diese Damen und Herren den Umbruch in Sachen Sex erheblich befördert: Alfred Kinsey und Kollegen, 1953.

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Die Kohlrabiaugen und blitzenden Mieder der Dorfschönen wirkten auf die strammen Burschen wie Aphrodisiaka, die sie sogar Standesunterschiede vergessen ließ. Das soziale Gefüge schien verwirbelt, die Frühgeschichte der sexuellen Revolution hinterließ erste Spuren selbst bei den Frommen und Aufrechten. Die Widerspenstigkeit gegen unverhohlen eingeforderte Liebesbeweise war bei beiden Geschlechtern schon zur Attitüde verkommen.

Robert Muchembled, einer der namhaftesten französischen Historiker, setzt sich in seinem Buch "Die Verwandlung der Lust" - im Original "L'orgasme et L'occident" - mit der sexuellen Ökonomie des Abendlandes zwischen Mittelalter und Gegenwart auseinander.

Pornographische Wende

Von Kirche, Recht und Anstand geprägt, von den alltäglichen Gewohnheiten untergraben, werden den Lesern die vorfreudianischen Freuden und Leiden alteuropäischer Liebeslust vom 16. bis 18. Jahrhundert vor Augen geführt. Diese Epoche der relativen Freiheiten, gar des herzhaften Zupackens, wird kontrastiert zum sittenstrengen Viktorianismus des bei ihm sehr lang geratenen 19. Jahrhunderts.

Es habe erst nach 1960 durch die Emanzipation der Frau, mithin durch die Antibabypille, geendet und sei dann in eine Ära der sexuellen Beliebigkeit übergegangen. Der "postmoderne Narzissmus", in dem die Gelüste des intimen Ichs mit den offenen Sexualnormen übereinstimmen, sei eine Folge des Individualismus der westlichen Gesellschaften seit den siebziger Jahren.

Während in den Jahrhunderten zwischen der höfischen Welt des Mittelalters und der Französischen Revolution Konventionen von Liebe, Sex und Ehe stets neu ausgehandelt wurden, bedingten die neuen Druckmedien einen nicht unbeträchtlichen Teil der Standardisierung des Normgefüges.

Muchembled spricht von der durchgreifenden Wirkung der pornographischen Wende in der Mitte des 17. Jahrhunderts, deren Erzeugnisse im 19. Jahrhundert, als dem klassischen Zeitalter der männlichen Doppelmoral, in den publizistischen Untergrund wanderten. "Hinter dem Spiegel" und "unter den Schleiern der Viktorianer" mit ihrer Zurschaustellung von Ehe- und Familienglück blühten die Nachtgewächse des Unbewussten, etwa in der literarischen Figur des Mr. Hyde, der als Abspaltung und Doppelgänger des Biedermanns Dr. Jekyll seinen dunklen Trieben freien Lauf ließ.

Sigmund Freud vermochte diesen Schleier durch die Traumdeutung zu lüften: Er sah die Sprengkraft verdrängter Wünsche bei seinen Patienten in der täglichen Praxis, wenn sie zu ihm kamen mit ihren neurotischen Anverwandlungen, die in einer bizarren Symbolwelt aufgingen. Doch hatte nicht schon Immanuel Kant lange vor Freud festgestellt, jeder Mensch habe einen inneren Gerichtshof in Form des Gewissens, dessen furchtbare Stimme sich in Albträumen, Schuld und Scham erhebe?

Gelenkt vom Unterleib

Die Sumpfgewächse bürgerlicher Doppelmoral sieht Muchembled nicht nur beim Neurotiker, sondern auch in Kulturstilen ganzer Gesellschaften verwurzelt. Eine These durchzieht das Werk, die aufhorchen lässt: Muchembled behauptet, dass die Sublimierung und gesellschaftliche Unterdrückung des Geschlechtstriebs im Europa der guten Sitten, die Europäer zu kulturellen Hochleistungen regelrecht angetrieben habe, gewissermaßen energetisch umgelenkt vom Unterleib in Architektur und Kunst, in Kolonialismus und Weltmachtstreben.

Die Quellen für diese These stammen zumeist aus Frankreich und England, was uns froh machen kann. Ist die europäische Expansion also eine kollektivneurotische Reaktion auf ein puritanisches Triebleben? Und wo wären wir ohne sie?

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie die sexuelle Revolution in der Gegenwart endet.