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Neues Album von Ringo Starr:Das Leben ist gut

Gut gelauntes Seniorenprogramm gegen eingeschlafene Füße: Ringo Starr im Jahre 2019.

(Foto: AP)

Etwas Rock, etwas Schlager, viel Geschunkel: Ringo Starr versucht gar nicht erst, auf seinem neuen Album "What's My Name" musikalisch irgendetwas Bedeutendes zu schaffen. Ist daran etwas falsch?

Von Max Fellmann

Die wunderbaren Quatschköpfe von der Band Camper Van Beethoven haben vor vielen Jahren mal einen Solo-Hit von Ringo Starr gecovert, "Photograph". Sie verkauften das damals als Beschwörungsgeste, denn bei Ringo, so ihre Argumentation, müsse es sich um ein höheres Geschöpf handeln oder um ein Alien, anders sei nicht zu erklären, warum ein derart unterdurchschnittlich begabter Musiker ausgerechnet bei den Beatles mitspielen durfte. Sehr gemein und sehr lustig. Ja, die Frage, ob Ringo den anderen dreien das Wasser reichen konnte, ist so alt wie die Beatles selbst. Inzwischen sind sich aber viele Musiker einig, vor allem berühmte Schlagzeuger wie Dave Grohl und Chad Smith: Natürlich hat Ringo Starr den Beatles-Sound unzweifelhaft geprägt mit seinem leichten Schleppen, mit der unorthodoxen Herangehensweise des Linkshänders, mit seinen oft eigenwilligen Rhythmen ("Ticket To Ride", "Tomorrow Never Knows").

Aber ganz ohne Beatles blieb dann doch nicht so wahnsinnig viel übrig. Er war nie ein richtiger Songschreiber, als Sänger eher mäßig, auf der Bühne bestenfalls Schunkelbär. Direkt nach der Trennung der Band hatte er noch ein paar Hits, aber ab Mitte der Siebziger zuckelte er durchs Leben wie eine gemütliche alte Lokomotive ohne Ziel. Alle paar Jahre ein Soloalbum, das nur wenige interessierte, etwas Schlager, ein bisschen Country, viel Schunkelbärgeschunkel. Lange Zeit kämpfte Ringo mit einem Alkoholproblem; seit das überstanden ist, genießt er das Leben mit seiner Frau, dem ehemaligen "Bond Girl" Barbara Bach. So weit, so beschaulich.

Aber dann ist ihm da unterwegs noch etwas Schönes eingefallen: Er fing an, Butterfahrten für Altrocker zu organisieren. Ringo geht auf Tournee mit Musikern, die in einer ähnlichen Situation sind wie er, früher mal an der Spitze, heute nicht mehr so richtig gebraucht. Spielt mit den alten Herren eine Handvoll Beatles-Songs, dazu ein paar Hits der Kollegen, viel zum Mitsingen und zum Mitschunkeln, a splendid time is guaranteed for all.

In einem Song murrt er kurz, es seien ja alle ständig auf Facebook, so viel zur Gegenwart

Mit den Butterfahrtfreunden hat er jetzt mal wieder ein Album aufgenommen. Es heißt "What's My Name" und enthält - ja, genau: etwas Rock, etwas Schlager, viel Geschunkel. Den Versuch, musikalisch irgendetwas Bedeutendes oder Zeitgemäßes zu schaffen, unternimmt Ringo gar nicht erst. In einem Song murrt er kurz, es seien ja alle ständig auf Facebook, das war's auch schon mit der Gegenwart. Die Lieder heißen programmatisch "Life Is Good", "Thank God For The Music" und "Send Love Spread Peace". Den Titelsong "What's My Name" (Antwort: "Ringo!") hat ihm Colin Hay geschrieben, einst Sänger der Band Men At Work, inzwischen bei jeder Tour mit an Bord. Außerdem dabei: der Gitarrist Joe Walsh (Eagles), Steve Lukather (Toto), der alte Bluesmann Edgar Winter, Benmont Tench aus der Band des verstorbenen Tom Petty, und Dave Stewart (einst Eurythmics).

Tja, und jetzt die Frage: Ist "What's My Name" ein gutes Album? Hm. Ein sehr schlechtes? Ach was, wozu nörgeln. Ist es denn überhaupt ein wichtiges Album? (Ex-Beatle!) Oder eher ein völlig egales? Tja, nun. . . sagen wir so: Der Mann wird nächstes Jahr 80, er geht raus und wärmt die Herzen der Fans, die mit ihm alt geworden sind, er verschafft seinen Kumpels ein paar entspannte Reisen zu den Bühnen der Welt (Privatjet!), er hält sich in Bewegung. Was soll daran falsch sein?

"What's My Name" ist keine Bewerbung um einen Musikpreis, sondern ein gut gelauntes Seniorenprogramm gegen eingeschlafene Füße. Der berühmteste Stargast ist übrigens Paul McCartney: Gemeinsam singen sie John Lennons "Grow Old With Me". In einem Interview hat Ringo Starr gesagt, die Geigenbegleitung dazu erinnere ihn an George Harrisons "Here Comes The Sun", damit seien sie doch auf gewisse Weise alle vier wieder beisammen. Und spätestens da will man seufzen: Alles richtig gemacht, Ringo. Lass es dir gut gehen.

© SZ vom 24.10.2019

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