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Neues Album von Grimes:Lauter atmen

Grimes

Ein paar furchtlos ermittelte Vorschläge dafür, was passiert, wenn sich Mensch und Algorithmus erst mal richtig aneinander reiben: Claire Boucher alias Grimes und Avatar.

(Foto: 4ad/Beggars Group/Indigo)

Grimes ist die Cyber-Musik-Königin der Gegenwart, ist mit Tesla-Chef Elon Musk zusammen und spielt die digitale Schurkin exzellent. Ihr neues Album kündet von der Zukunft des Pop.

Die Geschichte passierte 2009, kurz bevor Claire Boucher zu einem der digitalsten Popsuperstars unserer Zeit wurde. Und man würde sie gar nicht extra erzählen, würde sie unter Jugendquark und Kunstschulblödsinn abheften, wenn sie nicht eine so herausragende Eigenschaft hätte: Die Anekdote, um die es geht, ist aus Wasser, Holz und Hühnerfedern. Also von vorn bis hinten analog.

Denn es begab sich zu der Zeit, als Claire Boucher - aus Vancouver, Kanada, Jahrgang 1988 - in Montreal Neurowissenschaften studierte, nachts im Bett "Huckleberry Finn" las und dann ihren Freund William überredete, mit ihr die Fahrt über den Mississippi nachzuspielen.

In der Scheune eines Kumpels schreinerten sie ein sechs Meter langes, altertümliches Motorfloß, luden eine Nähmaschine, zehn Kilo Kartoffeln und ein paar lebendige Hühner an Bord. Sie stachen im Juni 2009 von Minneapolis aus in See. Boucher gab sich für die Reise den Namen Veruschka Xox, natürlich war es eine Kunstaktion, eine Mischung aus Steam-Punk-Bewegung und Historischem Heimatmuseum Bad Schlürpfen.

Sie kamen nicht ganz bis New Orleans. Schon nach wenigen Flussbiegungen ging der Außenbordmotor kaputt, die zwei legten einen Notstopp ein. Mehrfach tauchte die Polizei auf, beschlagnahmte am Ende das Floß, steckte die Hühner ins Tierheim. Boucher und ihr Freund mussten die Fahrt nach Süden mit dem Bus vollenden. "Die Idee mit Tom Sawyer fand ich ja ganz schön", zitierte die Lokalzeitung Star Tribune damals einen der beteiligten Polizisten, "aber wir haben nun mal nicht mehr 1883. Man muss sich an die Regeln halten".

Wie nahe 1883, also die frühe Industrialisierung, und 2020 oft beieinanderliegen, ästhetisch und mental - das weiß jeder, der schon einmal eine Craft-Beer-Bar besucht hat. Trotzdem hat Claire Boucher sich in den elf Jahren seit dem kruden Mark-Twain-Reenactment künstlerisch eminent weiterbewegt.

Eine Präsenz, die wirkt, als wären ein paar Facefilter völlig aus dem Ruder gelaufen

Heute, mit 31, nennt sie sich Grimes, verfügt über ganze Schockmengen digitaler Gesichter, Haarfarben und Charakterprofile. Ist Musikerin, Sängerin und Social-Media-Slam-Poetin, Videoregisseurin, Grafikdesignerin. Eine Donna Universale der Cyber-Renaissance, deren öffentliche Präsenz oft so wirkt, als wären ein paar besonders irre Instagram-Facefilter softwaretechnisch komplett aus dem Ruder gelaufen und hätten, unter Manga-Einhorn-Playstation-Alarmgeheul, das ganze Betriebssystem übernommen.

Die Musik von Grimes, eine auf Anhieb kaum verschlagwortbare Interferenz aus süßem Pop, Clubsound-Krawall und außerirdischer Esoterik, leitet wenig Ruhm aus Verkaufsmengen oder Chartplatzierungen ab - dafür umso mehr aus Zahlen, die man eher in den Monitoringberichten von Content-Agenturen suchen würde: Social-Media-Interaktionen, Bewegtbild-Reichweiten, Follower-Statistiken.

Grimes' letztes Album "Art Angels" war voller knallbunter Hits, verkaufte sich seit 2015 in den USA dennoch nur 50 000-mal. Allein das Instagram-Foto vom 9. Januar 2020, auf dem sie im japanischen Gewand und mit Rapunzelzöpfen ihren schwangeren Bauch vorzeigt, hatte dagegen zuletzt fast 270 000 Likes. Viele fürchten sich vor ihr. Aus allerlei verschiedenen Gründen, die womöglich alle falsch sind.

Klingt wahnsinnig anstrengend? Ist es auch. Und ja, falls irgendwer den Begriff Künstliche Intelligenz vermisst hat: keine Sorge, der kommt auch gleich noch.

Grimes veröffentlicht nun ihr fünftes Album "Miss Anthropocene", aber vorher noch schnell die Information, auf die viele atemlos warten: Seit 2018 ist sie mit dem Unternehmer Elon Musk zusammen, der nicht nur Tesla erfunden hat, die berühmteste aller denkbaren Batterieautofirmen, sondern auch mit eigenen Raketen zum Mars fliegen und Menschen durch eine Luftkissenröhre von San Francisco nach Los Angeles schießen will.

Niemand wird bestreiten, dass es für Grimes' Kunst hochgradig egal ist, was der Vater ihres ungeborenen Kindes beruflich macht, aber trotzdem ist die Situation natürlich höchst suggestiv. Da sitzen sie also beisammen, wie vor elf Jahren die zwei verlorenen Technologie-Nostalgiker auf dem Mississippi: Musk, der Heureka-Mann der ganz neuen New Economy, und Grimes, die quecksilbrige Cyber-Pop-Königin. Man erkennt Potenzial für herrliche kreative Synergien, die viele kulturelle Grenzen transzendieren könnten.

Man sie "die Stimme des privilegierten Silizium-Faschismus" genannt

Oder, und der misogyne Einwand kommt leider oft: Man sieht nur die Frau, die ihre Glaubwürdigkeit fürs Leben mit dem Milliardenmann opfert. Allerdings stürzt sich die Figur Grimes gern selbst in jede Social-Media-Debatte, die etwas Hass verspricht, zu Themen wie LSD, Sexismus, Klimawandel. 2014 verband sie ihre Weigerung, an der sagenhaft beknackten Ice Bucket Challenge teilzunehmen, mit einer schludrigen Attacke gegen die Organisation, die damit Spenden sammelte. Im Rahmen einer von Adidas gesponsorten Instagram-Strecke beschrieb sie bizarre Wellnessrituale, und kurz darauf erklärte sie im Podcast eines bekannten amerikanischen Physikers sinngemäß, künstliche Intelligenz werde bald jede menschliche Kreativität obsolet machen.

Die Musikerin Zola Jesus nannte Grimes daraufhin "die Stimme des privilegierten Silizium-Faschismus", denn natürlich ist das politisch: Wollen wir die Kunst ohne jede Verhandlung den Händen der Technologie-Elite überlassen? Oder braut sich hier ein Kulturkampf zusammen, dessen Waffen man nicht einfach im Fortnite-Spiel kaufen kann?

Wenn man Grimes' Aussagen zur Veröffentlichung von "Miss Anthropocene" liest, bekommt man den Eindruck, dass sie sich für die Machtfragen rund um die Digitalisierung der Kunst eigentlich nicht sonderlich interessiert. Sie scheint mehr das Abenteuer darin zu sehen, die aufregende ästhetische Chemie, die zu blubbern beginnen könnte, wenn sich Mensch und Algorithmus erst mal richtig aneinander reiben. Und genau hierzu bringt das neue Album zehn großartige, verstörende, schöne und hässliche, im besten Sinne furchtlos ermittelte Vorschläge.

Dabei zeichnen die "Miss Anthropocene"-Songs all die typischen Pop-Assoziationsketten der Gegenwart nach, changieren von laut geatmetem Weltraum-Schwurbel zum R'n'B der Studentendiscos und Wodka-Nachtclubs, vom asiatischen K-Pop mit seinem heiß gemangelten Kindergesang zu Tanzbeats, die alle die an den Drum'n'Bass und Trip-Hop der Neunziger erinnern, die damals alt genug zum Turnschuhkauf waren. In "Delete Forever" klingt Grimes mit Wandergitarre und Fiedel sogar mehr nach Lagerfeuer-Country, als es die rundum beliebte Taylor Swift jemals tat, die sich in ihrer aktuellen Netflix-Doku als aufrichtig musizierendes Tagebuchmädchen porträtiert. Der verbliebene Rest der Welt sortiert weiter pingelig die Argumente für und gegen den James-Bond-Song von Billie Eilish, derweil enthüllt Grimes mit "New Gods" ihre höchsteigene Theatervorhang-Ballade. "The world is a bad place, baby", singt sie da. "Only brand new gods can save me."

So könnte Pop im Zeitalter des Algorithmus klingen

Ob Grimes an dieser neuen Musik tatsächlich mithilfe von künstlicher Intelligenz gearbeitet hat, wie manch einer es heute ja bereits tut, ist unbekannt - wahrscheinlich eher nicht. Gerade deshalb kann man "Miss Anthropocene" als fantastische Vision sehen, als klug formuliertes Konzept dafür, wie Pop im Zeitalter des Algorithmus klingen könnte und sollte. Im besten Fall wird er seine stilistische Bandbreite nicht mehr als Zeichen von Virtuosität vor sich hertragen, sondern als starken, assoziativen Fluss verwenden. Er wird aus all den abgetrennten Traditionssträngen etwas Neues flechten, dessen Einzelteile wir vielleicht wiedererkennen, ohne dass sie deshalb unbedingt auf irgendeine konkrete Vergangenheit verweisen wollen. Er wird ganz sicher nicht so klingen, wie Science-Fiction-Leser sich futuristische Musik vorstellen. Vielleicht wird er immer ein bisschen unfertig wirken, auch das gilt für diese Platte. Eine ständige Beta-Version.

Die wichtigste These allerdings, die Claire Boucher mit dieser Platte aufstellt, naiv oder nicht, politisch oder ignorant, ist eine andere: Im Kern braucht der Pop der Zukunft ein pochendes, fleischiges Herz, und das spürt man selbst in den arrogantesten Momenten ihrer Grimes-Musik. Die digitale Schurkin spielt sie exzellent. Doch sie bleibt eine große Sentimentalistin.

© SZ vom 22.02.2020
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