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Neues Album der "Peaking Lights":Punkrocker, Weltenbummer, Hippie

Auf ihrer MySpace-Seite bezeichnen sie sich als Reggae-Band. Das ist nicht ganz falsch. Aber es erklärt kaum, wie sie 2011 mit "936" in den Foren und Internet-Medien, in denen heute die Bands von morgen gemacht werden, so berühmt werden konnten. Haarspalterisch gesehen ist die Musik, die sie spielen, Dub. Die in den sechziger Jahren in Jamaika entstandene Frühform des Remix, in der alle scheinbar fest verankerten Hierarchien der Reggae-Aufnahme zu Staub und Rauch werden: Der Mixer blendet den Gesang aus, zieht sekundäre Instrumente in den Vordergrund, versetzt sie mit Hall und Effekten, kann auf den glasklaren Beat auch ganz verzichten, weil er für die rhythmische Zeitmessung ja auch das Echo der Gitarre hat. Und so wie die Peaking Lights mit diesem Dub-Prinzip nun den weißen Pop angehen, speziell den psychedelischen Stil weißer amerikanischer College-Bands - das hat man so noch nicht gehört.

Wenn die zwei vor einem sitzen, führt Aaron Dunis Handyfotos von seinen zu Hause selbstgebauten Synthesizern vor, Kisten mit irrem Kabelgewirr. Punkrocker und Weltenbummler war er früher, hat den Körper voller großflächiger Tätowierungen, voller Meerestiere, Katzen und indianischem Zeug. Sängerin und Ehefrau Indra sammelt und trägt stattdessen magische Ketten und Ringe, Quartz, Mondstein, und sagt über die Songtexte der Band: "Es geht darum, wie alle Menschen und Wesen miteinander und mit der Natur zusammenhängen. Auch wenn das jetzt sehr hippiemäßig klingt!"

Selbstverständlich sind die Peaking Lights ein Hippie-Duo und ihre Platten Hippie-Musik. So sehr Hippie, wie man es im Jahr 2012 sein kann, wenn man keine ökologische Erziehung genossen hat, die Übergangsrituale in der Hardcore- und Death-Metal-Szene von San Francisco erlebte, mit Anfang 30 die Stadflucht Richtung Wisconsin antrat. Seit 2008 lebt das Paar abseits der Popmetropolen, hat sich dort der elektronischen Musik gewidmet. "Punk bedeutet Freiheit", sagt Aaron Dunis, "daher wollten wir unsere eigene Realität erschaffen." So wie seit einiger Zeit weltweit die Internet-Nerds wieder Hippie-Ideale schätzen, sich der Do-It-Yourself-Kultur zuwenden, am Ende Instagram-Fotos ihrer selbstgebackenen Kuchen ins Netz stellen.

Es gibt Gitarrensoli auf "Lucifer", sympathisch ungelenke allerdings, Dunstschwaden aus Orgeln und zirpenden Spielzeug-Keyboards, Frequenzen, die langsam und mächtig schwingen wie riesige Gummibänder. Die wundervoll naiven Melodien, die Indra Dunis singt wie eine im dunklen Rapunzelturm sitzende Diva, nicht von zusätzlichen Stimmen unterstützt, sondern von sich selbst, im Hall. Oft scheint die Musik stillzustehen - bis man merkt, dass sie einen unbemerkt ganz woanders hingebracht hat. Und das sie das schafft, was im Pop so selten gelingt, obwohl es den Kern unserer Zivilisationserfahrung trifft: das Programmierte und das Improvisierte zu vereinen, das Technokratische und das Intuitive. Kraftwerk und Kifferei.

Die Therapeutin würde fragen: Und, was macht das mit Ihnen? Antwort: Man kann nicht nur zum Beat tanzen, sondern auch zum Rhythmus der eigenen Erinnerungen. Klingt mühsam. Swingt aber ganz schön.

© SZ vom 19.06.2012/cag
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