Süddeutsche Zeitung

Neues Album der "Peaking Lights":Fieps

Großer Indie-Pop ohne Beat - geht das? Die neue Platte der "Peaking Lights" zeugt von verschwenderischer, an sich nutzloser Phantasie. Indra Dunis singt wundervoll naive Melodien wie eine Diva im dunklen Rapunzelturm. Da kann der Beat schon mal fehlen.

Joachim Hentschel

Ist der Beat etwa überbewertet? Der ewig verlässliche, lebensspendende Herzschlag des Pop, der Freund und Helfer, der gnadenlose Patriarch, ohne den die Leute nachts gar nicht wüssten, wie sie eigentlich tanzen sollen? Der Depp, der einen quält, wenn in der U-Bahn fremde MP3-Player zu laut laufen - geht es doch ohne ihn?

Sagen wir es so: Eine der vielleicht schönsten, sicher aber eindrucksvollsten Pop-Platten dieses Sommers fängt genau so an. Ohne Beat. Besser: ohne hörbaren Beat. Obwohl man ihn doch dafür eigentlich so gerne bemüht, zum Einpeitschen, für die Stimmung zum Start.

"Lucifer" (Domino Records), das neue, dritte Album der Gruppe Peaking Lights, beginnt jedenfalls mit einer Miniatur, einem Gruß, der von der anderen Seite herüberzukommen scheint, aus einer Welt mit seltsamen Schwerkraftgesetzen. Der zweite Song ist echter, luftiger, auffällig gefärbter Pop, mit Mädchengesang, Melodie und einer eigenen Sonne, brillant aus chemischen Fiepsern und Hallschleifen gewebt. Das dritte Stück enthält Andeutungen einer Rhythmusmaschine, die aber nur mitzuckelt, verborgen unter dem schweren Bass, außerirdischen, verrauchten Harmonien. Erst beim vierten Song kann man den Beat zum ersten Mal wirklich hören. Da ist schon über ein Drittel der Platte vorbei. Und man hat gar nichts vermisst.

Der Pop der Gegenwart neigt im Moment ja insgesamt mehr zum Fabulösen, Pathetischen, Gotischen. Zu hohen Hallräumen, ausgesucht psychedelischen Riesen-Tableaus, extra tiefen und verzerrten Bässen, zur Flucht vor dem Minimalismus (was man ganz gut auch als Gegenbewegung zu den Wirtschaftskrisen sehen kann). Auch bei den Peaking Lights - einem Duo aus Wisconsin, bestehend aus dem Mittdreißiger-Ehepaar Aaron und Indra Dunis - geht es natürlich überhaupt nicht ums Weglassen. Das Radikale, Große an ihrer Musik ist die verschwenderische, an sich nutzlose Phantasie. Die gewaltige Halluzination, bei der man den Beat auch aus seiner Abwesenheit heraus erschließen kenn.

Punkrocker, Weltenbummer, Hippie

Auf ihrer MySpace-Seite bezeichnen sie sich als Reggae-Band. Das ist nicht ganz falsch. Aber es erklärt kaum, wie sie 2011 mit "936" in den Foren und Internet-Medien, in denen heute die Bands von morgen gemacht werden, so berühmt werden konnten. Haarspalterisch gesehen ist die Musik, die sie spielen, Dub. Die in den sechziger Jahren in Jamaika entstandene Frühform des Remix, in der alle scheinbar fest verankerten Hierarchien der Reggae-Aufnahme zu Staub und Rauch werden: Der Mixer blendet den Gesang aus, zieht sekundäre Instrumente in den Vordergrund, versetzt sie mit Hall und Effekten, kann auf den glasklaren Beat auch ganz verzichten, weil er für die rhythmische Zeitmessung ja auch das Echo der Gitarre hat. Und so wie die Peaking Lights mit diesem Dub-Prinzip nun den weißen Pop angehen, speziell den psychedelischen Stil weißer amerikanischer College-Bands - das hat man so noch nicht gehört.

Wenn die zwei vor einem sitzen, führt Aaron Dunis Handyfotos von seinen zu Hause selbstgebauten Synthesizern vor, Kisten mit irrem Kabelgewirr. Punkrocker und Weltenbummler war er früher, hat den Körper voller großflächiger Tätowierungen, voller Meerestiere, Katzen und indianischem Zeug. Sängerin und Ehefrau Indra sammelt und trägt stattdessen magische Ketten und Ringe, Quartz, Mondstein, und sagt über die Songtexte der Band: "Es geht darum, wie alle Menschen und Wesen miteinander und mit der Natur zusammenhängen. Auch wenn das jetzt sehr hippiemäßig klingt!"

Selbstverständlich sind die Peaking Lights ein Hippie-Duo und ihre Platten Hippie-Musik. So sehr Hippie, wie man es im Jahr 2012 sein kann, wenn man keine ökologische Erziehung genossen hat, die Übergangsrituale in der Hardcore- und Death-Metal-Szene von San Francisco erlebte, mit Anfang 30 die Stadflucht Richtung Wisconsin antrat. Seit 2008 lebt das Paar abseits der Popmetropolen, hat sich dort der elektronischen Musik gewidmet. "Punk bedeutet Freiheit", sagt Aaron Dunis, "daher wollten wir unsere eigene Realität erschaffen." So wie seit einiger Zeit weltweit die Internet-Nerds wieder Hippie-Ideale schätzen, sich der Do-It-Yourself-Kultur zuwenden, am Ende Instagram-Fotos ihrer selbstgebackenen Kuchen ins Netz stellen.

Es gibt Gitarrensoli auf "Lucifer", sympathisch ungelenke allerdings, Dunstschwaden aus Orgeln und zirpenden Spielzeug-Keyboards, Frequenzen, die langsam und mächtig schwingen wie riesige Gummibänder. Die wundervoll naiven Melodien, die Indra Dunis singt wie eine im dunklen Rapunzelturm sitzende Diva, nicht von zusätzlichen Stimmen unterstützt, sondern von sich selbst, im Hall. Oft scheint die Musik stillzustehen - bis man merkt, dass sie einen unbemerkt ganz woanders hingebracht hat. Und das sie das schafft, was im Pop so selten gelingt, obwohl es den Kern unserer Zivilisationserfahrung trifft: das Programmierte und das Improvisierte zu vereinen, das Technokratische und das Intuitive. Kraftwerk und Kifferei.

Die Therapeutin würde fragen: Und, was macht das mit Ihnen? Antwort: Man kann nicht nur zum Beat tanzen, sondern auch zum Rhythmus der eigenen Erinnerungen. Klingt mühsam. Swingt aber ganz schön.

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Quelle:
SZ vom 19.06.2012/cag
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