Neues Album :Das Unterbewusstsein aushöhlen

Lesezeit: 3 min

Neues Album : „Die Kunst des Trios besteht in der Auslassung.“ - "Bohren & Der Club Of Gore" im Jahre 2020.

„Die Kunst des Trios besteht in der Auslassung.“ - "Bohren & Der Club Of Gore" im Jahre 2020.

"Wir sind keine Jazzband, wir improvisieren nicht. Unsere Stücke sind bis ins Detail ausgearbeitete Kompositionen." Die deutschen Avantgarde-Pop-Pioniere "Bohren & Der Club of Gore" und ihr atemberaubendes Verständnis akustischer Dreidimensionalität.

Von Max Dax

Es gibt einen vielsagenden Überraschungsmoment im Video zum Song "Tief Gesunken" von Bohren & Der Club of Gore, deren Musik darin oberflächlich betrachtet so klingt wie immer. Im Clip überlagern sich mehrere Erzählungen, die Narrative sind immer nur für Bruchteile von Sekunden sichtbar, sie blitzen auf aus dem Tiefschwarz des Bildschirms. An einer Stelle wird indes rauschhaft mit Farbe gespritzt: Es regnet grüne, rote, gelbe und blaue Farbtropfen und -schlieren aus dem Nichts - und, siehe da, an einer Stelle wird der Cache, also der unten und oben verlaufende schwarze Balken, der so tut, als handele es sich bei dem Bildformat des Videos um Cinemascope, selbst mit Farbe besprenkelt, das ganze Format 16:9 wird bunt.

Schon immer war die Musik von Bohren & Der Club of Gore, der mittlerweile 26 Jahre alten Avantgarde-Pop-Band aus dem tiefsten Westen der Republik, eine, bei der man belohnt wurde, wenn man genau und aufmerksam zuhörte. Wenn also "Tief Gesunken" bei flüchtigem Hinhören "so klingt wie immer" und sechs Jahre Aufnahmeprozess zwischen ihrem letzten Album "Piano Nights" und ihrem neuen, erst achten Album "Patchouli Blue" liegen, dann darf davon ausgegangen werden, dass diesem vermeintlichen Stillstand eine enorme Arbeit vorausgegangen ist.

Bohren & Der Club of Gore gehören zu den großen Unbekannten der hiesigen Musikszene. Auf ihren Konzerten, zu denen Jahr für Jahr Scharen von treuen Anhängern pilgern, gibt es nichts zu sehen außer einem kleinen Punktstrahler, der eine sich gelegentlich drehende, totenkopfförmige Discokugel fixiert. Sein Licht wird, der Schädel ist schuld, asymmetrisch in die Hallen zurückgespiegelt.

Seit ihrem zweiten Album, bremst die Band alles ab, was sich bewegt

Und dann ist da ja noch die Musik: Spätestens seit ihrem zweiten Album "Midnight Radio" (1994) mäandern die Musiker von Bohren in den Untiefen der Langsamkeit, bremsen alles ab, was sich bewegt, komponieren Stillstand.

Bohren beherrschen die schwere Kunst wie kaum eine zweite Band, wenigen Noten eine solche Autorität und Präsenz zu verleihen, dass man sich dieser intensiven Spannung kaum zu entziehen vermag.

Ganz besonders deutlich wird das bei Live-Auftritten, wenn sich aus dem tiefen Dunkel der Bühne heraus unerbittlich langsame Bassfrequenzen in die Körper der Zuschauer entladen. Gerne beschreiben Fans Konzertsituationen als kathartische Momente. Konserviert auf Schallplatte (wegen der Fülle der auf ihr festgehaltenen Bassfrequenzen ist die Vinylschallplatte ganz klar das Bohren-&-der-Club-of-Gore-Medium der Wahl) sind solche Epiphanien nicht unbedingt auf Anhieb erlebbar. Hier höhlt vielmehr das stetige Hören das Unterbewusstsein aus.

Bohren-Musik ist Stimmungsmusik in ihrer extremsten vorstellbaren Darreichungsform. Auch die elf instrumentalen Stücke auf "Patchouli Blue" lösen dieses Versprechen wieder ein. Gegen einige Beschreibungen wehrt sich die Band übrigens vergeblich: Immer wieder wird ihre Musik als "Doom Jazz" oder "Twin-Peaks-Musik" beschrieben. Das ist nicht völlig falsch, aber eben längst auch nicht mehr ganz richtig.

Zumal es eigentlich auch gar nicht so schwer ist, ihre Musik in Worte zu fassen, wenn man nur zuhört.

Das Schlagzeug wird von allen drei Musikern arbeitsteilig mit den Füßen gespielt

Formal ähnelt die Band in ihrer Besetzung und in ihrem Klang seit dem Beginn des neuen Jahrtausends einem traditionellen Jazz-Trio mit Schlagzeug, Orgel, Bass und Saxofon, wobei das Schlagzeug von allen drei Musikern mittels eines komplizierten technischen Aufbaus arbeitsteilig mit den Füßen gespielt werden kann.

Was Bohren & Der Club Of Gore von anderen Jazztrios unterscheidet, ist ihre Langsamkeit, der vor allem auf Stimmung abzielende Einsatz von Elektronik und schließlich ein atemberaubendes Verständnis von akustischer Dreidimensionalität. Wohl kaum eine andere Band ist so präsent im Raum mit ihrer Musik.

Allerdings lehnt Christoph Clöser, seines Zeichens Saxofonist (mit den Händen), Schlagzeuger (mit den Füßen) und Orgelspieler (wenn er nicht Saxofon spielt), die Zuordnung zum Jazz energisch ab: "Wir sind keine Jazzband, wir improvisieren nicht. Unsere Stücke sind bis ins Detail ausgearbeitete Kompositionen. Auch unsere Konzerte sind minutiös choreografiert. Wir haben sechs Jahre intensiv daran gearbeitet, dass es auf unserem neuen Album trotz eines vertrauten Klangbilds keine Wiederholungen zu hören gibt."

Tatsächlich weist Clöser dezidiert darauf hin, dass der Einsatz eines vor sechs Jahren angeschafften Moog-Synthesizers der Bohren'schen Langsamkeit eine ganz neue Qualität gegeben und das zwischenzeitlich stilprägende Vibrafon überflüssig gemacht habe: "Die Kunst des Trios besteht in der Auslassung." Als Saxofonist der Band darf er dies vermutlich genau so sagen, schließlich muss auch erwähnt werden, dass sein Ton voller Zauber und Intensität ist. Dank einer makellosen Produktion sind seine Phrasierungen und seine Atemkontrolle in der Aufnahme perfekt wiedergegeben. In die Langsamkeit und in die Leere hinein kontrolliert und perfekt phrasiert zu spielen, gehört ja zu den anspruchsvollsten Herausforderungen, denen sich ein Instrumentalist stellen kann. Im Zusammenspiel von Clösers Saxofon mit der modularen Synthesis, die sich aus dem Moog-Synthesizer ergibt, entstehen so immer wieder Überraschungsmomente, die musikalisch dem verblüffenden Augenblick in Mark Sikoras Video ähneln, als die Farbe das Format sprengt.

Mit anderen Worten: Mit "Patchouli Blue" liefern Bohren & Der Club of Gore, die Band, die in den Neunzigern damit begann, sich ihren ganz eigenen, emotional verstärkten Soundtrack für eine öde westdeutsche Stadt zu erfinden, eine Zen-Version ihrer Musik.

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