Neues Album: Annett Louisan:Die kleine Leise

Später wird ein Team von Bunte anrücken, Louisan in Second-Hand-Klamotten stecken und sie, bei 15 Grad und Ostwind, auf einer Picknickdecke im Tiergarten arrangieren, und natürlich wird sie dabei eine Gitarre halten. Das soll zu "Teilzeithippie" passen, macht aber vor allem klar, dass das Leben eines deutschen Popstars heute weit weg ist von Bohème. Es besteht aus Hotelzimmerüberdecken, Synthetikverkleidungen, und unter Umständen kriegt man auch einen toten Hermelin an den Kopf getackert.

Neues Album: Annett Louisan: "Bohème" hieß das erste Album und als Bohème fühlt Annett Louisan sich auch. Das bedeutet: Gauloises Blondes, Liebe zu Paris und dem französischen Film - und natürlich ein Faible für Chansons.

"Bohème" hieß das erste Album und als Bohème fühlt Annett Louisan sich auch. Das bedeutet: Gauloises Blondes, Liebe zu Paris und dem französischen Film - und natürlich ein Faible für Chansons.

(Foto: Foto: www.annettlouisan.de)

"Bohème", damit erklärt Louisan gerne sich, ihre Ästhetik, ihren Fluchtpunkt, Bohème hieß auch ihre erste Platte. Louisan raucht sehr viele Zigaretten der Mädchen-Marke Gauloises Blondes. Sie liebt Paris, natürlich die Filme, und erst recht die Chansons.

Sie liebt Prosecco, "der ist, finde ich, sogar leckerer als Champagner." Aus ihrer Tasche ragt eine DVD, Antonionis "Blow Up": "ein Meisterwerk!" Und dass sie Sängerin, also tatsächlich das geworden ist, was sie immer werden wollte? "Das ist mein persönliches Großstadtmärchen."

Das alles sind Sätze, die gar nicht gehen. Weil man sie schon sooo häufig gehört hat, diese Geschichten, von Frauen, die barfuß ihren Jaguar lenkten und ja, hachgott . . . Es ist aber mit diesen Äußerungen so wie mit Annett Louisans Liedzeilen; wenn man sie aus ihrem Mund hört, mit ihrer Stimme und ihrer sorgfältigen Betonung, sind sie frisch, überzeugend, extracharmant. Jemand, der so spricht, ist einfach im Recht. Darauf mit Ironie zu reagieren, ist sinnlos und spielverderberisch.

Man will sie an die Hand nehmen

Zwei Wochen später steht Annett an der zugigen Oranienstraße in Berlin- Kreuzberg. Hierher ist sie gerade gezogen, von Blankenese aus, wo sie sich eine Wohnung gesucht hatte, weil sie die Aussicht vom Treppenviertel so schön fand. Wohin sie aber nie so recht gepasst hatte.

Bis hierher konnte man es professionell gut unterdrücken, aber es ist leider - Doktor Konrad Lorenz! - tatsächlich so: Wenn man an einer vielbefahrenen Straße steht mit ihr, will man sie an die Hand nehmen und ein Stückchen zurückziehen. Abschirmen. Kindchenschema. Schnell eine blöde Frage hinterher: Fühlt sich jemand wie sie eigentlich jederzeit sehr klein, beim Warten, Singen und Straßeüberqueren?

"Na ja, ich werde ständig dran erinnert." Wollte sie denn mal größer sein? "Nein, als Frau ist das ein sexueller Pluspunkt." Wieso das denn? "Ein Mann hätte es schon schwieriger, als Frau nicht."

Man denkt: Oh nein! Sag' das jetzt nicht, kleine Annett! Das ist das, was die Leute damals so in Wallung gebracht hat: kleines Bienchen, das die großen Männer ansummt! Aber dann setzt sie auch schon ein, die Beißhemmung: Sie meint es nicht so. Es ist - wie war das damals? - nur ein Spiel. Und dass man hin und wieder zusammenzuckt, das heißt wahrscheinlich nur, dass es funktioniert.

Lesen Sie auf Seite 3, worin Annett Louisan den Unterschied zwischen Männern und Frauen sieht.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB