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Neuer Sherlock Holmes-Roman:Action mit Droschken und Zylinder

Ein verfolgter Kunsthändler, ein erdolchter Verfolger und ein zu Tode gefolterter Straßenjunge: Ganz schön viel Action für einen Sherlock-Holmes-Roman. Trotzdem hat die Arthur-Doyle-Gesellschat die neue Folge als 61. Fall des Meisterdetektivs offiziell anerkannt. Es stellt sich aber die Frage: Kann man einen Klassiker neu erfinden?

Meike Mai

Anthony Horowitz muss ein mutiger Mann sein. Der britische Bestsellerautor lässt den berühmtesten Detektiv aller Zeiten wieder auferstehen - und begibt sich damit freiwillig in Konkurrenz zu Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle. Eine riskante Angelegenheit? Keine Angst um den eigenen Ruf als Schriftsteller?

Kinostarts - 'Sherlock Holmes 2: Spiel im Schatten'

Sherlock Holmes ist wieder da - und er lässt es richtig krachen (hier eine Szene aus dem Kinofilm "Sherlock Holmes 2: Spiel im Schatten").

(Foto: dpa)

Immerhin ist Horowitz ein bekannter Drehbuchautor. Seine Reihe "Ein Fall für Alex Rider" ist gerade unter Jugendlichen beliebter Lesestoff. Warum also macht Anthony Horowitz so etwas? Und: Kann man einen Klassiker überhaupt neu erfinden?

Die Antworten auf diese Fragen beginnen mit einem Trick. Denn man kann Jahre nach Sherlocks und Doyles Tod natürlich nicht so einfach einen neuen Fall aufschreiben. Das haben schon andere getan, darunter auch Doyles Sohn Adrian. Der Trick also ist eine Art Sperrfrist.

Zwar spielt Sherlocks neuester Fall im November des Jahres 1890. Aber in einem Vorwort erklärt Dr. Watson, er würde sich erst jetzt trauen, die ungeheuerlichen Ereignisse niederzuschreiben - zwanzig Jahre später, ein Jahr nach Holmes Tod. Weil der Fall die höchsten viktorianischen Kreise betrifft, verfügte er zusätzlich "dass das Paket hundert Jahre lang nicht geöffnet werden darf. Es ist unmöglich, sich vorzustellen, wie die Welt dann sein wird, aber vielleicht wird der zukünftige Leser unempfindlicher gegen Skandal und Korruption sein, als es mein eigener Leser wäre".

Die Leser heute sind in der Tat abgebrühter. Dennoch hinterlässt "Das Geheimnis des weißen Bandes" ein Schaudern. Weil es in ihm zwar altmodisch zugeht, inklusive Kopfsteinpflaster, Droschken und Zylinder - das Verbrechen aber die Ängste unserer Zeit spiegelt. Dabei beginnen die 352 Seiten harmlos.

Der Kunsthändler Edmund Carstairs erscheint in der Baker Street 221b. Er bittet um Holmes' und Watsons Hilfe, da ihn ein Mann mit Narbe verfolge. Kurz darauf wird dieser Verfolger erstochen. Als der Meisterdenker und sein Adlatus auch noch auf den zu Tode gefolterten Straßenjungen Ross stoßen, wird es spannend.

Nach und nach kommen ein Kunstraub, ein heuchlerisches Waisenhaus, ein schmallippiger Adeliger, eine verrückte Attentäterin und noch vieles mehr hinzu. Und natürlich fehlt auch ein dozierender, pfeifenrauchender, kokainsüchtiger, geigenspielender Holmes nicht. Doch im Fokus stehen die "Baker Street Irregulars", jene Bande zerlumpter Straßenjungs also, denen Sherlock auch schon in seinen früheren Abenteuern ab und an ein paar Münzen für ihre Mithilfe gab.

Kein Original - aber trotzdem gut

Es sind die vielen Reminiszenzen, die detailverliebten Beschreibungen, und das antiquierte Erzählen, die Horowitz mit seinem Neu-Holmes nah ans Original bringen. Kein Wunder: Nach eigenem Bekunden ist Horowitz seit seinem 16. Lebensjahr großer Sherlock-Fan und las alle 56 Kurzgeschichten und vier Romane.

Darüber hinaus hatte der Brite Zugang zu den Archiven der Doyle-Gesellschaft, die sich um den Nachlass des Holmes-Erfinders kümmert. Die Nachlassverwalter von Arthur Conan Doyle haben sie ihm nicht nur geöffnet, sondern dem Roman auch ihr Gütesiegel erteilt. Damit ist "Das Geheimnis des weißen Bandes" von der höchsten Sherlock-Holmes-Instanz als 61. Fall der fährtenlesenden Legende anerkannt worden.

Wenn man das weiß, erscheint Anthony Horowitz nicht mehr ganz so verrückt. Um seinen Ruf braucht er sich ebenfalls nicht fürchten. Denn selbst überzeugte Sherlockianer haben "Das Geheimnis des weißen Bandes" nicht verrissen. Natürlich ist der Roman kein Original. Dafür ist er stellenweise zu brutal, gerade sein Ende zu actionreich und sein Thema eines der Jetztzeit. Horowitz hat keinen neuen Klassiker erfunden. Einen Klassiker neu belebt hat er aber allemal. Und das ist nicht nur mutig, sondern auch gut.

"Das Geheimnis des weißen Bandes", Anthony Horowitz 2011, Insel Verlag, 350 Seiten, 19,95 Euro

© sueddeutsche.de/rela/gr
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