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Neue Taschenbücher:Von der Newa bis zum Altai

Alexander von Humboldts Russland-Expedition, Michael Köhlmeier über Ethik und Politik sowie Friedensutopien und Hundepolitik von Rosa Luxemburg. Die Taschenbücher des Monats.

Alexander von Humboldt: Die Russland-Expedition. Hrsg. von Oliver Lubrich. Nachw. von Karl Schlögel. C. H. Beck Verlag, München 2019. 220 S., 18 Euro.

Von der Newa bis zum Altai - Alexander von Humboldts Russland-Expedition

"Meine Gesundheit ist vortrefflich, die Reisegesellschaft freundlich, und wir haben die vier Kubikfuß Medikamente von Ehrenberg noch nicht angebrochen." So euphorisch schreibt am 17. April 1829 Alexander von Humboldt an den Bruder Wilhelm. 60 Jahre ist er alt, endlich erfüllt sich sein Wunsch, auch eine Expedition in den asiatischen Raum machen zu können entsprechend seiner ersten Ausfahrt nach Südamerika. Damals war er dreißig, hatte ein eigenes Vermögen, mit dem er frei schalten und walten konnte. Nun reist der "neue Aristoteles" im Auftrage von Zar Nikolaus I. und dessen Finanzminister. Humboldt und die Wissenschaftskollegen Ehrenberg und Rose sind von Mai bis November unterwegs in drei gefederten Wagen mit 16 Pferden unter Dauerkontrolle: "Kein Schritt, ohne dass man ganz wie ein Kranker unter der Achsel geführt wird." Er soll unter anderem Platin- und Goldvorkommen im Ural einschätzen und nach seinen Untersuchungen in Tobolsk umkehren. Aber er fährt weiter bis an den Altai, die chinesische Grenze und an die Kaspisee, bevor er kehrt macht. Die Auftraggeber dulden seinen Eigensinn.

Oliver Lubrich hat aus Alexanders Briefen etwa an den Finanzminister und an Bruder Wilhelm, dazu aus Texten Roses ein höchst lesenswertes und unterhaltsames Buch komponiert, das anschaulich nicht nur von der wenig bekannten Russlandexpedition erzählt, sondern auch von politischen Einsichten in das Riesenreich. Weder entgehen den Reisenden die in sibirische Lager Verbannten noch die trostlosen Zustände der "unteren Volksklassen". Bei aller Erfahrung des alten Entdeckers, das Essen und die ständige Begleitung schmecken ihm nicht: "Man ißt hier in Sibirien ganz abscheulich. Leute mit 3 Millionen Francs Einkommen haben keine Suppe, kein gekochtes Stück Fleisch, aber abscheulichen Madeira-Wein aus Ostinidien (laut Aufschrift), Champagner, den man fast bei jedem Flußübergang trinken muß und den uns die Ehrenkosaken reichen, ohne die wir keinen Schritt tun können." Harald Eggebrecht

Molchkomplexe und Elchausstopfungen

P. G. Wodehouse: Auf geht's, Jeeves! Aus dem Englischen von Thomas Schlachter. M. e. Nachw. von Denis Scheck. Insel Verlag, Berlin 2019. 363 Seiten, 10 Euro.

Hier herrscht die lockere Lebensart der britischen Upper Class, verkörpert durch Bertie Wooster, dessen unbefangen fröhliche Stimme rasch klarmacht, dass nicht die große Politik, nicht das Wohl und Wehe der Erde oder zwischenmenschliche Dramen sein Denken und Handeln bestimmen, sondern vor allem Stilfragen. Konflikte drehen sich um Privatsubventionen für die Druckkosten einer speziellen Modezeitschrift einer extravaganten Gesellschaftsdame, die sie beim Baccarat verspielt hat, um die Schüchternheit eines heiratslustigen Wissenschaftlers mit "markantem Molchkomplex", um die Eifersucht des Erzählers gegenüber dem Diener Jeeves, der als sehr klug gilt, aber "die stumpfe Unerschütterlichkeit eines ausgestopften Elchs" an den Tag legt, wenn er mal Unrecht hat. Übertriebene, aber einleuchtende Metaphern, überraschend schräge Vergleiche und nonchalante Formulierungen, die das Allzumenschliche dieser High Society wohl besser fassen als jeder Fachbegriff - das funktioniert nur kraft der Kunst des Übersetzers. Wie es funktioniert! Das Nachwort ist klug, aber das Buch ist Komödie. Wer da nicht lacht, der kann es nicht. Rudolf von Bitter

Mit Eloquenz für die Revolution

Rosa Luxemburg: Friedensutopien und Hundepolitik. M. e. Essay von Dietmar Dath. Reclam Verlag, Stuttgart 2018. 108 Seiten, 6 Euro.

"Es ist mein drittes Weihnachten im Kittchen, aber nehmen Sie es ja nicht tragisch. Ich bin so ruhig und heiter wie immer." Das schreibt Rosa Luxemburg 1917 in einem Brief aus dem Gefängnis; er allein ist es schon wert, den Band "Friedensutopien und Hundepolitik" aufzuschlagen. Wie nähert man sich heute überhaupt am besten dieser außergewöhnlichen Denkerin und Kämpferin für den Sozialismus, die vor fast 100 Jahren ermordet wurde? Die Briefe - in diesem Band ist nur einer zu lesen - sind am zugänglichsten, doch es lohnt auch die Lektüre der Schriften und Reden über Tolstoi, Militarismus oder das Frauenwahlrecht. Am kühnen Schwung ihrer so klaren wie geschliffenen Argumentationen wird deutlich, was auch Dietmar Dath im Nachwort bewundert: Luxemburg hätte "das Zeug zur überragenden Publizistin" gehabt - wäre ihr die Revolution in Theorie und Praxis nicht viel wichtiger gewesen. Ihre Eloquenz beweist nicht zuletzt eine Selbstverteidigung vor einer Strafkammer 1914. Die fulminante Rede endet mit den Worten: "Ein Sozialdemokrat flieht nicht. Er steht zu seinen Taten und lacht Ihrer Strafen. Und nun verurteilen Sie mich!" Antje Weber

Phantomschmerzen der Erinnerung

Tana French: Der dunkle Garten. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Fischer Verlag, Frankfurt/ M. 2018. 656 Seiten, 16, 99 Euro.

Toby weiß selbst, dass er ein unzuverlässiger Erzähler ist. Ein Einbrecher hat ihm eine Schädelfraktur zugefügt und ihn dabei fast getötet. Seitdem leidet er unter Gedächtnislücken und Paranoia. Manisch wiederholt er die Ereignisse jener Nacht, um endlich wieder zu sich selbst zu finden. Doch über die Frage nach dem Täter schiebt sich eine noch mysteriösere Stimmung, als Toby sich auf das alte Familienanwesen "Ivy House" zurückzieht. Dort stößt er auf lange gehütete Geheimnisse und wird noch weiter auf die eigene Unglaubwürdigkeit zurückgeworfen. Mit obsessiver Akribie folgt Tana French dem Ich-Erzähler in "Der dunkle Garten" in die Tiefen seiner Psyche und Familiengeschichte. Ihr erster Roman, den sie unabhängig von der erfolgreichen "Dublin Murder Squad"-Reihe verfasst hat, ist ein Paukenschlag. Oberflächlich verbinden sich in ihm klassische Whodunit-Krimis mit Mystery-Elementen. Doch legt Tana French ihren Fokus insgesamt viel mehr auf die Figuren und macht Tobys Phantomschmerz der verloren gegangenen Erinnerungen und das über ihm schwebende Gefühl der ungewissen Bedrohung zu einem nahezu körperlich spürbaren Psychodrama. Sofia Glasl

Terrorabwehr mit Homer

Matthew Richardson: Niemand kennt deinen Namen. Thriller. Aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer. RoRoRo, Reinbek 2019. 396 Seiten, 9,99 Euro

Die Odyssee, das ultimative Handbuch für Spione!? Gabriel Wilde schickt sein Exemplar seinem Kollegen/Freund. "Lieber Salomon, für den Fall, dass wir uns nicht wiededersehen, möchte ich dir dies gern übereignen. Alle Weisheit liegt in diesem Buch. Kümmere dich für mich um Rose." Es geht um Terroristen und Terrorbekämpfung nach Snowden im Agententhriller "Niemand kennt deinen Namen" von Matthew Richardson, um einen Maulwurf und anderes Komplexes und Intrigantes im britischen und im amerikanischen Geheimdienst, um Loyalitäten und Verrat. Eine gewaltige Terroraktion steht drohend im Raum, und da ist eine Frau, die beide lieben, Salomon wie Gabriel. "Wir verbringen unser ganzes Leben in einem Haus aus Lügen. Das zermürbt uns letzten Endes . . . Wir können dem Glück nicht trauen, und so bleibt uns immer nur der Schmerz." Homers Handbuch geht einem nicht mehr aus dem Sinn, es enthält den ersten in der Literatur dokumentierten Geheimagenten, dessen Tarnnamen sich der obskure Doppelagent des Romans borgt, als er, wie einst Odysseus gegenüber Polyphem, andeutet: "Niemand ist mein Name." Fritz Göttler

Die Kunst der Ethik und Politik

Michael Köhlmeier: Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle. Reden gegen das Vergessen. M. e. Nachw. von Hanno Loewy. dtv, München 2018. 96 S., 8 Euro.

Was für ein Einstieg! Sich nicht "dumm stellen" zu wollen, das versprach der 1949 geborene österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier gleich mit dem ersten Satz seiner Rede zum "Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus". Ort des berühmt gewordenen, sechs Minuten währenden Vortrags am 4. Mai 2018: die Wiener Hofburg, Stätte altösterreichischer Politik und Geistesverfassung. Köhlmeier veranstaltete redend, sich empörend über die "naziverharmlosenden", antisemitischen und rassistischen Äußerungen gegenwärtiger, sogar anwesender Politiker, eine Art Selbstbefragung, just vor diesen ihm gegenüber sitzenden "freiheitlich" rechtsnationalen Regierungsleuten: "Gehörst du auch zu denen, höre ich fragen, die sich abstumpfen haben lassen . . .?" Köhlmeiers andere, meist kurze Reden sind ein Einladung zur Menschenliebe. Aber selbst wenn einmal Kunst, Musik, Literatur das Thema seines Vortrags über Schönheit ist, landet er am Ende bei Ethik und Politik, beim Appell eines furiosen Schriftstellers, etwas zu erzählen, das heißt für ihn: nicht und nichts zu vergessen. "Wer das Erzählen aufgibt, begeht Selbstauslöschung". Wolfgang Schreiber

© SZ vom 08.01.2019

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