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Neue Taschenbücher:Milde Rache und tragische Frauen

Die theoretischen Schriften Friedrich Hölderlins jetzt im Paperback, Dave Eggers' Roman über den Kaffeehandel im Jemen, Jens Schröters Einführung in die apokryphen Evangelien und mehr.

Friedrich Hölderlin: Theoretische Schriften. Hrsg. von Johann Kreuzer. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2020. 135 Seiten, 22,90 Euro.

Milde Rache

Als Dichter steht er wie kein anderer für das verkannte Genie, als Theoretiker wird er gar nicht erst wahrgenommen. Dabei hätte Friedrich Hölderlin nicht nur in der Auseinandersetzung mit Kant und Fichte allerhand beizutragen, was seine Rolle als Wegbereiter des Deutschen Idealismus durchaus plausibel erscheinen lässt. Dazu kommt der Dialog mit der Antike, Platon insbesondere, aber auch eines umfassenderen ästhetischen Diskurses. Seine Reflexion der Antikenverehrung klingt hochmodern: "Wir träumen von Originalität und Selbständigkeit, wir glauben lauter Neues zu sagen, und alles diß ist doch Reaction, eine milde Rache gegen die Knechtschaft, womit wir uns verhalten haben gegen das Altertum; es scheint wirklich fast keine andere Wahl offen zu seyn, erdrükt zu werden von Angenommenen, und Positivem, oder, mit gewaltsamer Anmaßung, sich gegen alles erlernte, gegebene positive, als lebendige Kraft entgegenzusetzen."

Hölderlin will Neues, will selber schaffen statt Vorgegebenes zu adaptieren: "Und was allgemeiner Grund vom Untergang aller Völker war, nemlich, daß ihre Originalität, ihre eigene lebendige Natur erlag unter den positiven Formen und unter dem Luxus, den ihre Väter hervorgebracht hatten." Doch Hölderlin denkt weiter, sich selber kritisch referierend, argumentiert auch für die klassische Bildung: "Es ist nemlich ein Unterschied ob jener Bildungstrieb blind wirkt, oder mit Bewußtseyn, ob er weiß woraus er hervorgieng und wohin er strebt." Aber, das zeigen die theoretischen Schriften, ein konkretes Ziel ist gar nicht so wichtig, vielmehr ein Bewusstsein des "Unerschöpften und Unerschöpflichen". Spricht da religiöse Mystik?

Dichten und Reflektieren sind bei Hölderlin eins. Oft scheint es, als zwinge er sich zu einer Art moralisch gebotenem Optimismus, "daß in eben dem Momente und Grade, worinn sich das Bestehende auflöst, auch das Neueintretende, Jugendliche, Mögliche sich fühlt." Im Gedicht klingt das dramatischer: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Helmut Mauró

Mokhtars Weg zum Kaffeekönig

Dave Eggers: Der Mönch von Mokka. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann. KiWi, Köln 2020. 384 Seiten, 12 Euro.

Dave Eggers ist das unprätentiöse Gewissen Amerikas. Wo seine Romane manchmal an der Grenze zwischen Selbstironie und Anmaßung übersteuern, da ist die erzählende Sachliteratur des gelernten Journalisten angenehm bescheiden. Das Gespür dafür, persönliche Geschichten mit historischen Ereignissen und überzeitlichen Haltungen zu verweben, ist die Basis seiner biografischen Romane. In "Der Mönch von Mokka", erzählt er wie Mokhtar Alkhansahi, Sohn jemenitischer Einwanderer in San Francisco, sich zum Kaffeekönig hocharbeitet. Er nimmt die eingestellte Kaffeeproduktion im Jemen und die alte Handelsroute zum Hafen von Mokka, dem Geburtsort des Kaffees, wieder auf und ist der Shooting Star der Szene. Indem Eggers die Geschichte des Kaffeehandels im Jemen zu Mokhtars Erfolgsgeschichte macht, verwebt er den amerikanischen Traum mit tiefer Verwurzelung in der Herkunft. Ein starkes Signal gegen jede Form des Identität nivellierenden Nationalismus'. Dass Mokhtars Geschichte in einen Thriller mit filmreifer Flucht mündet, als er 2014 während des Bürgerkriegs den Jemen bereist, erdet den fast märchenhaften Aufstieg. Sofia Glasl

Tragische Frauen

Robert Cohen: Exil der frechen Frauen. Roman. Unionsverlag, Zürich 2020. 624 Seiten, 16,95 Euro.

Drei bittere Schicksale politisch engagierter Frauen, die von NS und Stalinismus zermalmt wurden. Im Mittelpunkt Olga Benario, die in einem Husarenstück ihren Liebhaber aus politischer Haft befreite und später in Brasilien Revolution machen wollte. Sie erregte Aufsehen und ihr Leben wurde verfilmt. Der Schweizer Germanist Robert Cohen hat schon den dramatischen Briefwechsel der Münchnerin mit ihrem Mann, dem brasilianischen Revoluzzer Luís Prestes, ediert. Nun hat er den Hintergrund für diese gescheiterten Heldenleben zu rekonstruieren versucht. Dazu hat er die Biografien von noch zwei Frauen, die mit Benario sympathisierten, die Schriftstellerinnen und Teilnehmerinnen am spanischen Bürgerkrieg Maria Osten, Opfer der stalinistischen Säuberungen, und Ruth Rewald, von den Nazis umgebracht, zum Leben Benarios in Verbindung gesetzt. Anhand der Geschichte bekannter Exilanten konnte er ein detailreiches Gesamtbild dieser Zeit des gewalttätigen Totalitarismus schaffen - spannend, nah an den Personen und zugleich eine Studie der Haltungen und der Psychologie aufgeklärter Menschen im Schatten des Terrors. Rudolf von Bitter

Antenne für die Abgründe anderer

Michela Murgia: Chirú. Roman. Aus dem Italienischen von Julika Brandestini. dtv, München 2020. 208 Seiten, 10,90 Euro.

Manchmal bestimmen kleine Ereignisse ein ganzes Leben. Bei der Schauspielerin Eleonora war es ein Besuch mit den Eltern auf dem Jahrmarkt, wo ihr vom Vater das ersehnte Spielzeug, von Bruder und Mutter die Solidarität verweigert wurde. "Es war jene Antenne für die Abgründe anderer, die mich dreißig Jahre später, auf einer Terrasse im historischen Stadtzentrum von Cagliari, dazu brachte, mit einem achtzehnjährigen Jungen zu Abend zu essen, den ich nie zuvor gesehen hatte." Mit großer Sorgfalt entwirft Michela Murgia die Psychologie ihrer Figuren, deren Konturen sich an solchen biografischen Details und an Gegenständen des Alltags abzeichnen, wie dem Umgang mit Stäbchen im Sushi-Restaurant, oder dem Selbstbild, das sich in der Kleidung spiegele. Detailliert und mit sichtlichem Spaß wird die Oberschicht des italienischen Kulturbetriebs geschildert, trotz der teils abgründigen Tiefe der Figuren stets mit einer Unbeschwertheit, die man italienisch nennen könnte. Was Eleonora von dem 20 Jahre jüngeren Chirú möchte? Nachdem sie ihm die Feinheiten der Libretti Lorenzo da Pontes erklärt hat, füttern sich die beiden gegenseitig mit Pommes. Nicolas Freund

Colin Dexter - ein Mord fürs Hospital

Colin Dexter: Gott sei ihrer Seele gnädig. Ein Fall für Inspector Morse. Aus dem Engl. v. Christiane Friederike Bamberg. Unionsverlag, Zürich 2020. 205 S., 12,95 Euro.

Lente currite, noctis equi, heißt es in den Amores des Ovid, trabt langsam, ihr Pferde der Nacht - die Pferde der Zeit, sie sollen deren Lauf verlangsamen. Es gilt auch für Inspector Morse aus Oxford, Colin Dexters angenehm bürgerlichen Helden (und Wagnerianer), im Band "Gott sei ihrer Seele gnädig", 1989 erstmals erschienen, jetzt im Unionsverlag neu aufgelegt. Morse hat jede Menge Zeit, er liegt - der Magen, der Alkohol! - im Hospital. Dort stößt er, zum Zeitvertreib, auf den Fall der Toten vom Oxford-Kanal, die Passagierin auf einem Flusskahn war und für deren Tod Männer der Besatzung hingerichtet wurden: Joanna Franks, einst Gattin von F. T. Donovan, dem "Kaiser aller Illusionskünstler". Das geschah im Juni 1859, aber vieles am Geschehen und am Prozess kommt Morse nun merkwürdig vor. So fängt er retro zu recherchieren an, mithilfe des treuen Sergeant Lewis und einer agilen Bibliothekarin. Jedes Kapitel ist mit einem Motto eingeleitet, von Ovid bis Keats oder Brecht. "The Wench is Dead" heißt der Roman im Original, die Dirne ist tot. Mit seiner Methode der "spekulativen Unwahrscheinlichkeit" rückt Morse den Fall wieder zurecht. Fritz Göttler

Nicht in die Bibel eingegangen

Jens Schröter: Die apokryphen Evangelien. C. H. Beck Verlag, München 2020. 128 Seiten, 9,95 Euro.

Und da Salome zweifelte an der Jungfräulichkeit der Gottesmutter, griff sie zur Prüfung in die Scham Mariens - doch da ward ihre Hand von Feuer verzehrt und wäre abgefallen, wenn nicht der Herr ihr Flehen erhört und einen Engel geschickt hätte. Die Hand genas sogleich, und Salome nahm das Jesuskind in die Arme. In der Bibel ist diese Szene nicht erwähnt, das sogenannte Protoevangelium des Jakobus aber erzählt noch eine Reihe von ähnlichen Geschichten. Es gehört zu den apokryphen Schriften, die keinen Eingang gefunden haben in die Bibel. Was über diese Texte bekannt ist, fasst der Berliner Theologe Jens Schröter, Ordinarius für Exegese des Neuen Testaments, für die Wissen-Reihe des C.H.-Beck-Verlags zusammen. Es sind unter den Apokryphen auch Texte überliefert, bei denen äußerst prominente Urheber angegeben sind. Neben einem Judas finden sich als Autor Petrus, der Apostelchef, und Jesu Mutter Maria. Wobei gerade die Apostel und die Gottesmutter konkurrieren, wem Jesus mehr Geheimnisse anvertraut hat. Diese Rivalitäten hatten sogar die wundergläubigen Frühchristen stutzig gemacht. Dafür hatten sie keinen Platz in der Bibel. Rudolf Neumaier

© SZ vom 10.03.2020

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