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Neue Taschenbücher:Erfolge, Träume, Rumpelkammer

Die Taschenbücher des Monats, diesmal u.a. von Saul Bellow, Patrick Modiano und Zoë Beck.

Unerhörter Erfolg der Frechheit

Éric Vuillard: Die Tagesordnung. Aus dem Französischen von Nicola Denis, Matthes & Seitz Berlin, Paperback, 2020, 118 Seiten, 10 Euro.

Die Nationalsozialisten brauchen dringend Geld für ihren Wahlkampf, und sie holen es sich: "Und nun, meine Herren, an die Kasse", heißt es am 20. Februar 1933 im Reichstagspräsidentenpalais, nachdem Hitler vor 24 Großindustriellen von Gustav Krupp bis Friedrich Flick leutselig Eindruck geschunden hat. Mit detailverliebter Boshaftigkeit schildert Éric Vuillard die Szenerie, und er hat sich in "Die Tagesordnung" noch etliche weitere schicksalhafte Momente aus der NS-Geschichte herausgepickt und suggestiv neu arrangiert. "Nichts ist unschuldig in der Kunst des Erzählens", das ist dem glänzenden Stilisten und Dramaturgen bewusst. Vuillard, für dieses doku-fiktionale Buch mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, arbeitet kurz und pointiert heraus, wie die Nazis immer wieder auf Überrumpelungstaktik setzten und von mangelnder Gegenwehr profitierten. Zum Beispiel beim Einmarsch in Österreich: Der sogenannte Blitzkrieg sei nichts anderes als eine gigantische Motorenpanne auf den österreichischen Bundesstraßen gewesen, der "unerhörte Erfolg der Frechheit" verblüffend. Nicht nur für damals gilt Vuillards Fazit: "Die Welt gehorcht dem Bluff." Antje Weber

Auflebende Träume

Patrick Modiano: Schlafende Erinnerungen. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. dtv, München 2020.112 Seiten, 10,90 Euro.

Sfumato heißt in der Malerei die verdeutlichende Unschärfe, durch die sich eine Stimmung vermittelt, die nicht leicht in Worte zu fassen ist. Patrick Modiano schafft in seinen Texten ein Sfumato der Erinnerung, durch das sich Stimmungen und ungenau wahrgenommene Empfindungen verdichten. Das macht den merkwürdigen Zauber mancher seiner Texte aus. Hier erzählt ein gewisser Jean D im Jahr 2017 von den ersten Jahren selbständigen, ungesicherten Lebens, wie er sich im Paris der Sechzigerjahre treiben lässt von Zufällen und zufälligen Bekanntschaften; wie eine Frau, in die er verliebt gewesen sein könnte, aus ihrem Umfeld bedrohliche Personen heranbringt, sodass er froh ist über die Gabe, Distanz zu halten - eine weitere Form der Unbestimmtheit. Jean meidet die Nähe anderer nicht aus Angst, er ist bedacht, seine Integrität zu behaupten. Dazu die Überlegungen, wohin diese oder jene Entscheidung hätte führen können, die er aber nicht getroffen hatte. Das Faszinosum dieser Unpräzision, dass alles irgendwie körperlos ist, macht, dass man - auch dank der Übersetzerin - immer weiter liest und bis zuletzt gefesselt ist. Rudolf von Bitter

Erkundung in der Seelenrumpelkammer - Saul Bellows "Der Regenkönig"

Saul Bellow: Der Regenkönig. Aus dem Englischen von Herbert A. Frenzel. KiWi-Taschenbuch, Köln 2020. 356 Seiten, 18 Euro.

Eugen Henderson darbt. Nicht weil er arm wäre, ganz im Gegenteil, er ist Millionär, Frauenheld, Kriegsveteran mit Auszeichnung. Eigentlich müsste es ihm gut gehen. Eugen ist ein Hüne, beschreibt sich selbst als unförmigen und kantigen Riesen mit polterndem Benehmen. Jedoch ist die körperliche Kraft nicht seine Stärke, sondern expressive Kompensation für das Fehlen von etwas, das er nicht benennen kann. "Meine Seele gleicht einer Pfandleihe. Ich meine, sie ist voll von uneingelösten schönen Dingen, alten Klarinetten, Kameras, vermotteten Pelzen." stellt er einmal resigniert fest. Saul Bellow, der große Metaphysiker der amerikanischen Literatur, lässt diesen Eugen in seinem 1959 erschienenen Roman "Der Regenkönig" auf eine spirituelle Reise gehen, um diese Rumpelkammer auszumisten und seine Seele zu erkunden. Dafür macht er sich auch räumlich auf in unbekanntes Terrain. In Afrika liest er sich quer durch die Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte und findet in Dahfu, dem König der Wariri, seinen Lebensmenschen und Gesprächspartner.

Bellows neurotische Protagonisten erzählen meist in der ersten Person von ihrem taedium vitae, dem Überdruss angesichts der Absurditäten, vor die das moderne Leben sie stellt. Als etwas einfältigen Schweinezüchter stellt Saul Bellow Eugen den Geistesmenschen seiner anderen Romane als komplementäre Umkehrung zur Seite und macht ihn zu einer Schlüsselfigur in Bellows über 50 Jahre umspannenden Werk. Die Suchbewegung ist ihnen in ihren ungleichen Lebensaltern und -situationen allen gemeinsam, egal ob sie Journalisten sind wie Asa Leventhal in "Das Opfer" (1947) oder Albert Corde in "Der Dezember des Dekans" (1982) oder Professoren wie der namensgebende Ravelstein in Bellows letztem Roman aus dem Jahr 2000. Besonders bei Eugen wird die wechselseitige Abhängigkeit von Körper und Geist deutlich - und lässt ihn in diesem tragisch-satirischen Schelmenroman trotz seines oft widerwärtigen Verhaltens zu einem Antihelden werden, dem man Erlösung wünscht. Sofia Glasl

Die Frankfurter Republik lebt

Zoë Beck: Paradise City. Thriller. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 281 Seiten, 16 Euro.

Lütten Klein ist die Endstation, auf die dieser Roman sich hinbewegt. Eine der Ex-DDR-Plattenbausiedlungen nahe Rostock, die sich leerten nach den Pandemien - Masern, Grippeviren - und den Überschwemmungen in den 2030-er Jahren. Irgendwann hat man aus dem leeren Lütten Klein ein Gefängnis gemacht, für jenen Teil der Bevölkerung, den man die "Parallelen" nennt, die Nichtangepassten, Deformierten, Kranken. Zoë Beck erzählt in "Paradise City" so lakonisch von Deutschlands naher Zukunft, dass der hysterisch gern eingesetzte Begriff Dystopie nicht passen mag. Das Land hat die lässige Wurstigkeit der Berliner Republik verloren, ist geworden, wie Attila Hildmann & Co. es sich in ihren Schauervisionen ausmalen. Mit Frankfurt am Main als der neuen Hauptstadt! Ein Chip ist allen implantiert, der die Daten der Befindlichkeit sammelt, und ein unerbittliches Überwachungssystem dirigiert (nicht nur) die Gesundheit. Liina ist, herzkrank, auf dieses System angewiesen, aber sie leistet auch versteckt mit Widerstand, in der Agentur Gallus, checkt Fakten,untersucht, was der plötzliche Tod ihres Chefs ist: Unfall, Selbsttötung, Mord? Fritz Göttler

Was war und was wahr ist

Willard Van Orman Quine: Unterwegs zur Wahrheit. Aus dem Englischen von Michael Gebauer. F. Meiner Verlag, Hamburg 2020. 166 Seiten, 19,90 Euro.

Er gehört neben Ludwig Wittgenstein zu den großen analytischen Philosophen und ganzheitlichen Denkern des letzten Jahrhunderts: Willard Van Orman Quine (1908 - 2000), US-Amerikaner mit niederländischen Wurzeln, war andererseits ein scharfer Kritiker der Philosophie des Wiener Kreises und wollte deren logischen Empirismus mit dem amerikanischen Pragmatismus zusammenführen. Sein vorletztes Buch "Pursuit of Truth" - in der vom Autor revidierten Fassung von 1992 - ist nun auf Deutsch erschienen. Man kann es als eine elegante Einführung in sein Denken lesen, das keine Richtung ausschließt und doch auf logischer Strenge beharrt. Es ist auch für den Laien gut lesbar, oft recht anschaulich, und eröffnet die Möglichkeit, sich in Richtung primärer Quellen des Denkens und Wissens vorzuarbeiten. In Zeiten von Fake News und Gegennarrativen, von emotional aufgeladener Ideologie und propagandistischer Zurechtweisung wird man darum nicht herumkommen, wenn man sein Allermenschlichstes, ein humanes Maximum an Selbstbestimmung, retten will. Dazu gehört auch die Kritik an Quine, wie sie bis heute im Schwange ist. Helmut Mauró

Gedankenverloren, nicht still

Erri de Luca: Das Licht der frühen Jahre. Aus dem Italienischen von Anette Künzler. Ullstein Verlag, Berlin 2020.112 Seiten, 10 Euro.

Neapel in den Nachkriegsjahren, dort, wo in den Gassen zwischen steilen Häuserfronten immer unauflösbare Dunkelheit herrscht. Hier erlebte Erri de Luca, Jahrgang 1950, die Kindheit mitten in neapolitanischer Armut, in die die Eltern durch den Krieg gerieten, als der ihr Vermögen vernichtete. Später werden sie umziehen, gleichsam in eine andere Stadt, dann werden Erri und seine Schwester eigene Zimmer haben. Sonnenlicht lässt nun nichts Dunkles mehr zu. Doch für den Knaben bleiben jene Dunkelheiten am Fuße baufälliger Treppen und der Dialekt, der hier gesprochen wird, die wahre Kindheit und Heimat. Der Junge "eher ein gedankenverlorenes als ein stilles Kind" beginnt als Stotterer und wird es viel später los. In seine Geschichte des Kindseins und des Heranwachsens steigt Erri de Luca über die Fotografien ein, die einst der Vater knipste, bevor er erblindete. Aus dem Betrachten der alten Bilder wird ein intimer Dialog mit der toten Mutter, in dem nicht nur Kindesgeheimnisse aufgedeckt werden, sondern auch ein zartes Porträt der Mamma entsteht. Ein poetisch verdichtetes Erzählen, dessen lockenden Sog sich niemand entziehen kann und will. Harald Eggebrecht

© SZ vom 07.07.2020

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