Neue Taschenbücher Die schlafende Eva und der ehrgeizige König

Francesca Melandris Roman "Eva schläft" handelt von der Italianisierung Südtirols, Marcus Junkelmanns "Der blaue König" von Max Emanuel, der Bayern groß machen wollte.

Francesca Melandri: Eva schläft. Aus dem Italienischen von Bruno Genzler. Wagenbach Verlag, Berlin 2018. 440 Seiten, 15,90 Euro.

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Die Schwester eines Terroristen - Francesca Melandris "Eva schläft"

Gerda ist eine Frau, bei deren Anblick sich bei allen die Pupillen weiten, bei den Männern vor Verlangen, bei den Frauen aus Bestürzung über den Kontrast zur eigenen Erscheinung. Vito ist der erste Mann, der respektvoll umgeht mit Gerda, einer alleinerziehenden Mutter im Südtirol der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts. Er ist einer der aus dem Süden in den Norden, nach Bozen versetzten Carabinieri, die mit den "Daitschen" kaum etwas anfangen können. Die italienische Regierung in Rom betreibt massiv die Diskriminierung der Südtiroler, die mit teilweise blutigen Attentaten gegen die Walschen aufbegehren. Gerdas Bruder Peter ist bei einem Attentatsversuch ums Leben gekommen. Die Schwester eines Terroristen, dazu "so eine", zu heiraten, hieße für Vito Dienstentlassung. Also werden sie im Unglück auseinandergehen.

All das erzählt Eva, Gerdas uneheliches Kind, auf ihrem Weg zu Vito, der ihr über Jahre hin ein Vater gewesen ist. Eva sieht die Welt offenbar wie die Autorin, die einen anderen Ton anschlägt als das Gros ihrer schreibenden Landsleute. Was sie erzählt, berührt empfindliche Punkte aus Italiens jüngerer Geschichte, hier die Italianisierung Südtirols, von der viele Südtiroler bis heute mit einem Unterton der Kränkung erzählen. Aber das merken wir zuerst einmal gar nicht: Es fängt an mit einem Bergbauernbub, der, bevor er sich auf den weiten Schulweg vom Almhof ins Dorf macht, noch einen großen Schluck kuhwarmer Milch aus dem Melkeimer trinken darf und sich dann erst auf der Mitte des Weges den Milchbart abwischt. Später wird er ein verstörter Mann, der seine Tochter Gerda roh verstößt. Die äußeren Bedingungen und ihre Folgen, die sich über Generationen wie Gift in die Gemüter legen, begründen Francesca Melandris Helden. Zwischendurch stellt sie sogar Fakten richtig, doch liest sich das mit derselben Spannung, wie wir am Ende gerührt sind, wenn Eva ihren "Ersatzpapa" Vito am Sterbebett nach 30 Jahren wiedersieht und mit ihrer Mutter endlich ihren Frieden machen kann. Rudolf von Bitter

Der blaue König

Marcus Junkelmann: Max Emanuel. Der „Blaue König“. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2018. 192 Seiten, 14,95 Euro.

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Seine Reihe "Kleine bayerische Biografien" hat der Regensburger Pustet-Verlag auf Buchumfänge von 150 Seiten angelegt. Nicht einmal Ludwig II. hat mehr als 176 Seiten bekommen. In einer nicht mehr ganz so kleinen bayerischen Biografie wird nun Max Emanuel gewürdigt, "Der ,Blaue König'", wie es im Untertitel heißt. Denn der Historiker Marcus Junkelmann, ein begeisternder Erzähler, schilt jeden einen Pedanten, der Max Emanuel als das bezeichnet, was er war - als Kurfürsten. Dieser Fürst geht als Prototyp des mondänen Barockherrschers durch und "darf als die internationalste Erscheinung unter allen Herrscherpersönlichkeiten der bayerischen Geschichte gelten", schreibt Junkelmann. Bayern war Max Emanuel zu klein, er strebte nach Weltruhm und Großmacht. Um seinen Glanz zu untermauern, baute er die Schlösser Schleißheim und Nymphenburg. Eifrig betätigte er sich als Kriegsabenteurer. Ein französischer Gesandter attestierte Max Emanuel "viel kriegerischen Mut" und berichtete, "er würde des Krieges nie müde werden, wenn man sich alle Tage schlagen könnte". Dass er am Ende scheiterte, macht seine Biografie noch interessanter. Rudolf Neumaier

Das Kunst-Ich und die anderen

Iris Laner: Ästhetische Bildung. Junius Verlag, Hamburg 2018. 220, Seiten, 14,90 Euro.

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Um die großen Fragen geht es hier nicht in diesem Essay über "Ästhetische Bildung". Zwar tauchen Hegel und Schiller auf, aber Iris Laner fokussiert das Praktische: "Bilder, Literatur und Musik verstehend betrachten, beschreiben und selbst kreativ hervorbringen können". Die Diskursbegeisterung ist groß. "Wie man zur Ästhetikerin werden kann" heißt ein Kapitel, in dem die Vernunft nicht weiter als Gegenspielerin der sinnlichen Erfahrung gilt. Mit der gleichen praktischen Euphorie wird Hannah Arendt gegen Schiller in Stellung gebracht. Ästhetische Bildung als politische Befreiung bedeute nicht mehr die Befreiung des Einzelnen als Voraussetzung einer neuen Gesellschaft, vielmehr gehe es um "das Bestreben, mit anderen im Urteil über das Schöne übereinkommen zu wollen", damit wir uns "von persönlichen Beschränkungen befreien und frei werden für das Zusammenleben mit anderen". Die politische Funktion der Kunst wird erreicht, indem "sie in der ästhetischen Selbsterfahrung gerade vom Einzelnen absieht und sich auf die anderen richtet, diese miteinbezieht". Ist das nun Früherziehung, Spätstalinismus oder die wünschenswerteste aller Welten? Helmut Mauró

Beherrscht von Kälte und Finsternis

Rosamund Lupton: Lautlose Nacht. Aus dem Englischen von Christine Blum. dtv, München 2018. 384 Seiten, 10,95 Euro.

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Die Polizei hat die Ermittlungen eingestellt, denn der Brand im Inuitdorf Anakute im hohen Norden Alaskas sei ein tragischer Unfall gewesen. Doch obwohl der Ehering des britischen Naturfilmers Matt gefunden wurde, ist seine Frau Yasmin überzeugt, dass er noch am Leben ist. Sie macht sich mitsamt ihrer zehnjährigen Tochter Ruby in einem gestohlenen Vierzigtonner auf den Weg, um ihn zu finden, getrieben von Schneestürmen, bedroht von Lawinen und gejagt von einem anonymen Verfolger. Zugegeben, das ist eine konstruierte Prämisse, doch schafft es die britische Bestsellerautorin Rosamund Lupton in ihrem dritten Roman, dem atemlosen Plot eines Abenteuerthrillers psychologische Tiefe zu geben. In eng geführten Perspektivwechseln zoomt sie in die abgekapselte Welt der gehörlosen Ruby und in Yasmins Erinnerungswelten hinein, um im nächsten Moment die Verfolgungsjagd durch die ewige Nacht des arktischen Winters voranzutreiben. Wenn Kälte die Außenwelt zerfrisst und Finsternis sie bestimmt, geht es für die beiden nicht nur ums nackte Überleben, sondern sie müssen sich darüber hinaus in der klaustrophobischen Nacht ihren inneren Dämonen stellen. Sofia Glasl

Worum es eigentlich geht

Gerhard Poppenberg: Herbst der Theorie. Erinnerungen an die alte Gelehrtenrepublik Deutschland. Matthes&Seitz Verlag, Berlin 2018. 240 S., 16 Euro.

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"Herbst der Theorie": Der Titel ist vieldeutig. Er ruft den "Deutschen Herbst", also den RAF-Terror von 1977, ebenso wach, wie er auf Philipp Felschs "Der lange Sommer der Theorie" anspielt, in dem er die Geschichte einer geistigen Revolte von 1960 bis 1990 erzählt hat. Schließlich ist der Romanist Gerhard Poppenberg ebenso herbstlich gestimmt wie seine Autoren: von Kittler und dessen "maßlos traurigem Buch Aufschreibesysteme" bis zum Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager ..." von Frank Witzel. Wiederholt plaudert Poppenberg aus dem Unibetrieb; der Schreck über die Nachfrage einer Studentin nach dem "Warum" der Lektüreliste sitzt ihm "bis heute in den Knochen und ist ein Grund für meine Frage danach, what the whole thing is all about". Aus dieser Befindlichkeit heraus ist der Exkurs über die Geschichte der Melancholie zu erklären, der hier wie ein Fremdkörper wirkt. Die Schrift fordert zum Widerspruch heraus. Ihr Verdienst ist es zu zeigen, was beim Schreiben einer Geistesgeschichte der alten Gelehrtenrepublik bisher zu kurz gekommen ist und worauf man zukünftig achten sollte. Florian Welle

Persönlichkeit und Diktatur

Hannah Arendt: Was heißt persönlicher Verantwortung in einer Diktatur? Piper Verlag, München 2018. 98 Seiten, 10 Euro.

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In unmittelbarer Nachbarschaft zu "Eichmann in Jerusalem", dem "Report über die Banalität des Bösen", schrieb Hannah Arendt 1964/65 jenen Vortrag in englischer Sprache, dessen Manuskript sich im Nachlass der politischen Philosophin befand. Arendt nimmt die Begriffe des "Persönlichen" und der "Diktatur" in den Dienst ihrer ungeheuer freien, zugleich konzentrierten Sprache und dichten Beweisführung. Und kommt gegen Ende zu einer bis heute akuten Unterscheidung: "Totalitäre Herrschaftsformen und gewöhnliche diktatorische Herrschaftsformen sind nicht dasselbe." Die Frage stellt sich: Wie träte Arendt den autoritären, repressiven Politikern, Staaten und ihren "gehorsamen" Dienern im Heute entgegen? Sie ist überzeugt, dass es, anders als in der Religion, "in politischen und moralischen Angelegenheiten so etwas wie Gehorsam nicht gibt". Die Frage müsse immer lauten: "Warum hast du Unterstützung geleistet?" Herausgeberin Marie Luise Knott sucht "eine neue politische Moral" gegen alle Bedrängnis aktueller "Fake News", halb illusionär, halb optimistisch, im Menschen als dem "frei handelnden Wesen". Wolfgang Schreiber