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Neue SZ-Serie: Der Weg zum Buch:Edelsteine suchen

Menschen im Ruhestand machen Theater, Leseprobe an den Kammerspielen

Weit mehr als Korrekturlesen beinhaltet die Arbeit im Lektorat.

(Foto: Florian Peljak)

Lektoren berichten im Hanser-Verlag aus ihrem Alltag

Jo Lendle hat sich am Sonntag für pinkgepunktete Socken entschieden. Das war deshalb so wunderbar zu beobachten, weil der Hanser-Verleger sich hinter eine Stuhlreihe auf den Teppichboden hocken musste. Auf den letzten freien Quadratmeter - alle Stühle und der übrige Platz auf dem Boden waren schon belegt.

Was früher ein privates Schwimmbad des Verlagsgründers Carl Hanser war, in seiner ehemaligen Villa im Herzogpark, ist heute der Konferenzraum des Verlags. Zum Auftakt der Reihe "Woche der Münchner Verlage" haben am Sonntagabend gut 90 Münchner in diesem Raum Platz genommen. Vor Beginn standen noch weitere Interessierte im Flur und hofften darauf, spontan ohne Anmeldung ein Plätzchen zu bekommen. Sie alle wollen erfahren, wie Lektoren arbeiten.

"Ich lass das jetzt so" heißt der erste Abend der Reihe, an dem fünf Lektoren großer Münchner Verlagshäuser von ihrem Alltag berichten. Knut Cordsen, Literaturkritiker beim Bayerischen Rundfunk, moderiert in bester Radiomanier ohne ein einziges Ähm. Seine erste Frage stichelt: Ob jemand von den Lektoren hier ein verhinderter Schriftsteller sei? Doch schon nach den ersten zehn Minuten ist klar, dass die Versammelten mit Leib und Seele Lektoren sind. Andrea Müller vom Piper-Verlag sagt mit einem großen Lächeln: "Es macht Spaß, einem Buch von jemand anderem auf die Welt zu helfen." Martin Hielscher von C. H. Beck gerät ins Schwärmen, wenn er davon spricht, "an den Sätzen zu feilen", und Marion Kohler, Lektorin bei Penguin, spricht liebevoll vom "Zuspitzen".

Das Bild des immerlesenden Lektors entspricht allerdings nicht der Realität. Als Kohler sagt, sie lese hauptsächlich abends und an Wochenenden, nicken alle still. Die eigentlich erste und wichtigste Tätigkeit ist laut Piero Salabè vom Gastgeberverlag Hanser stattdessen: die Selektion. Der Lektor ist derjenige, der "aus dem Meer des Angebotes etwas Passendes herausfischt". Oder, wie Andrea Müller es ausdrückt: "Wie findet man die Edelsteine unter all den Kieseln?"

Darum geht es dann auch den Großteil des Abends: zu verstehen, wie die Mechanismen des Literaturbetriebs funktionieren. Der sicherste Weg eines Manuskripts in die Hände eines Lektors geht laut den Lektoren über Agenturen. Es kann sogar zu sogenannten Bietergefechten kommen. Wenn eine Agentur ein begehrtes Manuskript an mehrere Verlage gleichzeitig schickt und mit einer knappen Frist versieht, müssen die Verlage in mehreren Runden darum kämpfen. In "Liebesbriefen", wie Kohler sie nennt, präsentiert man den Kaufpreis, das Honorar, die Marketingstrategie und hofft darauf, als Höchstbieter einen potenziellen Bestseller für den eigenen Verlag eingekauft zu haben. So kann einem aber auch ein Millionen-Verkauf durch die Lappen gehen.

Martin Hielscher scannt mit seinem Blick das Publikum und sagt für alle Fälle: "Es ist hoffnungslos, ein unverlangtes Manuskript einzusenden." Gelächter im schwülen Saal. Unentdeckt bleibe aber keiner, der Talent hat, beruhigt Günther Opitz von dtv: "Der Hunger nach guten Texten ist ja weiterhin groß."

Weitere Termine: siehe www.verlagebesuchen.de, Anmeldung erforderlich, wenige Restkarten

© SZ vom 07.05.2019
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