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Neue Gedichte:Satt , ohne zu begreifen

SONJA VOM BROCKE

Die Autorin Sonja vom Brocke.

(Foto: Sarah Bohn)

Die Auflösung des Festen in poetische Formen: Sonja vom Brockes Band "Mush".

Von NICO BLEUTGE

Was für eine Vorstellung, man könne auf der Mondoberfläche herumkriechen und in einen Krater rollen. Vielleicht wäre dort "Silberlicht" zu sehen, "Silberluft" zu spüren, und "metallene Klappflügler" schwebten umher. "De-form" hat Sonja vom Brocke dieses Gedicht genannt. Der Titel deutet schon an, dass sie sich für die Auflösung fester Fügungen interessiert, für Verwandlungsprozesse, in denen alles im Fluss ist, zu denen auch das Ungestalte und Struppige gehören, ein "Ährenclown" etwa oder eine "Fleddermähne von Wusch".

Diese Verwandlungen gleichen am ehesten den Metamorphosen, die sich im Inneren eines Insektenkokons vollziehen. "Mush", der Brei, das Mus (in dem auch die Muse anklingt) ist Sonja vom Brocke dabei wichtiger als der schöne Schmetterling, der am Ende aus dem Kokon hervorgehen könnte. Nicht von ungefähr schreibt sie an einer Stelle vom "Mischmasch" und führt im Anhang als eine ihrer Quellen die Ovidschen "Metamorphosen" an, aber auch Bücher über die Entwicklung und Sinnlichkeit der Pflanzen. Immer wieder finden sich in den Versen Verbindungen aus Körper-, "Umwelt"- und Tiermomenten, die zu multisensorischen, gleichsam synästhetischen Sprachfiguren führen: "S und DU / zerschmelzen zu Halmen, die duften, wenn sie krähen."

"Hier ist keine Botschaft zu erwarten."

Wie schon in ihrem Gedichtband "Venice singt" (2015) verknüpft vom Brocke eigene Erinnerungssplitter mit Ausflügen in die Bildende Kunst unter Bezugnahmen auf die Zeit. Hier werden Kriege "gelotst", tauchen Wappen aus "Gestrüpp, Müll" auf, andernorts reflektiert sie "Grund- und Himmelsgifte" in den Versen. Regenwürmer lockern den Boden auf und reichern ihn an, ziehen Röhren für Wasser, Luft und Wärme - und die menschlichen Körper und die ganze "Weltkugel" hängen von dieser "schillernden Vielfachleistung" ab. Doch die Verbindung wird in den Gedichten schon im Modus des "das war einmal" aufgerufen. Dabei gelingt es vom Brocke, platte Gegenwartskritik zu umschiffen, vielmehr machen die Gedichte spürbar, dass die stärksten Vorurteile in die Sprache selbst einwandern können, Wertungen eingeschleust werden, ein "Raubbau", der die Sprache kaum merklich unterhöhlt.

So heißt es in konsequenter Fortschreibung dieser Reflexionen einmal: "Hier ist keine Botschaft zu erwarten." Ein Satz, der selbst ein wenig nach Botschaft klingt. Doch die Gedichte wissen um solche Widersprüche. Und im Nachdenken darüber, wie man die Auflösung des Festen in poetische Form überführen kann, ohne seinerseits im allzu Fixierten zu landen, gelingen vom Brocke immer wieder Versformationen, die hoch beweglich sind und höchste Präsenz erzeugen. Mal verwandelt sie die Wörter über Lautähnlichkeiten, von "erbaut" zu "braut" oder von "Suppe" über "Puppe" zu "Posse", mal erfindet sie klangstarke Wörter wie "Schlafsalve", "Drosselgrube" oder "Reisegreis".

Zwischen pulsierendem Leben und der Erstarrung in sozialen Routinen

In einer Paarung wie "Fontanelle - Fontange" (die Knochenlücke am Kopf eines Babys und der Frisurenaufbau aus Draht und Haube, wie er Ende des 17. Jahrhunderts getragen wurde) ist der ganze Bewegungsbogen zwischen einem anfänglich pulsierendem Leben und der Erstarrung in sozialen Routinen und Konventionen angedeutet. "Formlos oder geballt", fragen die Gedichte einmal. Im besten Fall beides. In dem Satz "Sinn erzeugen per Staffelung?" hat vom Brocke ihr Verfahren der Überlagerung und des Changierens zwischen Sinn und Sinnlichkeit eingefangen. Und das Entscheidende ist das kleine Fragezeichen am Schluss, lässt es doch die Offenheit anklingen, in der die Verse stehen.

Bei alldem spielen die Gedichte sehr wohl mit den magischen Möglichkeiten der Sprache. Es mag sein, dass die Magie bisweilen "fest unter dem Mistkäferpanzer" klebt. Wenn aber die "Bienenpionierin" durch die Verse wandert, wenn sie die Klippe hinauftorkelt und ihren Zauber aufsagt, mag es einem beim Lesen ergehen wie der glücklichen Sprecherin eines anderen Gedichts: "Ich werde satt, ohne zu begreifen".

Sonja vom Brocke: Mush. Gedichte. Kookbooks, Berlin 2020, 96 Seiten, 19,90 Euro.

© SZ vom 09.11.2020
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