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Neue Filme in Kürze:Mehr als das Endspiel

Marvel dominiert die Filmwoche, aber es gibt auch Entdeckungen aus dem deutschen, französischen und englischen Kino.

Die Starts ab 25. April auf einen Blick . Rezensionen ausgewählter Filme folgen.

Atlas

Philipp Bovermann: Walter hat sich den Titan Atlas, der die ganze Welt auf seinen Schultern trägt, auf den Arm tätowiert. Er trägt schwer an den Möbeln, die er trotz seines fortgeschrittenen Alters für eine zwielichtige Räumungsfirma schleppt. Walter hat Geheimnisse und eine Vergangenheit, und die holt ihn nun ein. Das Spielfilmdebüt von David Nawrath beginnt mit dem Klischee vom gebeutelten kleinen Mann, in den das deutsche Kino so vernarrt ist, entwickelt sich dann aber zu einer berührenden Geschichte über etwas, das größer, schwerer und schöner als die ganze Welt sein kann: Familie.

Auch Leben ist eine Kunst - Der Fall Max Emden

Philipp Stadelmaier: In den Zwanzigerjahren war Max Emden ein jüdischer Kaufhausbesitzer und Mäzen, der sich am Lago Maggiore dem guten Leben widmete, dann von den Nazis enteignet und zum Verkauf seiner Kunstsammlung gezwungen wurde. Das Schicksal dieser Sammlung zeichnen Eva Gerberding und André Schäfer in ihrer Fernseh-Dokumentation präzise nach. Ein wichtiger Wink mit dem Zaunpfahl, Emden zu erinnern und seine Nachkommen angemessen zu entschädigen.

Avengers: Endgame

Juliane Liebert: Der Supergau der Superheldenfilme. Dem 22. Teil des Marvel Cinematic Universe wurde der umsatzstärkste US-Filmstart aller Zeiten prophezeit.Hier werden Superhelden aus 21 Filmen zusammengeführt. Das macht, über den Daumen gepeilt, fast 40 Superhelden. Quasi eine Großpackung. 40 zum Preis von 30. Superhelden sind die neuen Socken. Die Aufgabe, die vielen vielen Charaktere irgendwie in einen Plot zu bündeln, haben Anthony und Joe Russo erstaunlich gut gemeistert. Der Film mutet an, als hätte man seinen Kindern zu Weihnachten alle Marvel- Actionfiguren geschenkt und sie würden gemeinsam das Wohnzimmer verwüsten, bis der Baum umfällt und der Teppich brennt. Also: Hübsch, chaotisch, anarchisch. Fans werden "End Game" lieben, auch wenn seine Existenz eine (überbordende und echt witzige) Perversion ist.

Ein letzter Job

Anke Sterneborg: Lauter alte Gauner bei ihrer letzten großen Abschiedssause, einem spektakulären Juwelenraub in London, den es so ähnlich wirklich gab. Grandiose alte Männer vor der Kamera: Michael Caine, Michael Gambon, Jim Broadbent, Tom Courtenay und Ray Winston. Dazu mit James Marsh ein Regisseur, der sogar Philippe Petits Drahtseilakt zwischen den Türmen des World Trade Centers zum furiosen Heist machte. Was kann da schiefgehen? Leider alles. Die ausgelegten Fäden münden in einem strukturlosen Kuddelmuddel, die Dialoge sind hanebüchen uninspiriert und die Witze entsprechend lahm. Was für eine vertane Chance!

Streik

Fritz Göttler: Ein zähes Stück ist dieser Streik in einem Autozulieferbetrieb im südfranzösischen Agen. Die deutsche Firmenleitung hält sich nicht an Abmachungen mit den Arbeitern, das Werk soll geschlossen werden. Die Erbitterung und Wut der Arbeiter wird abgeblockt durch die monoton-kühlen Marktregelargumente der Leitung. Die Leute auf allen Seiten des Arbeitskampfes spielen sich selbst unter der Regie von St éphane Brizé, nur Vincent Lindon ist ein Filmprofi, er ist energisch und stur und unbeherrscht, oft auch ratlos und müde. "En guerre" heißt der Film im Original, im Krieg.

Tea with the Dames - Ein unvergesslicher Nachmittag

Martina Knoben: Dokus sind das Graubrot des Kinos? Von wegen. Diese ist äußerst unterhaltsam. Roger Michell ("Notting Hill") versammelt gleich vier Stars vor seiner Kamera: Eileen Atkins, Judi Dench, Joan Plowright und Maggie Smith, die großen alten Damen des britischen Theaters und Films. Sie sind seit Jahrzehnten befreundet und treffen sich immer wieder zum Tee. Michell durfte bei einem Treffen dabeisein und hört zu, wie sie miteinander und für die Kamera über ihre Karrieren, Ehemänner, die Schauspielkunst oder das Älterwerden diskutieren. Es ist ein Redefest. Und eine Feier der flüchtigen schönen Illusionen, zu denen diese Damen das Kino zählen - und auch das Leben.

Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein

Annett Scheffel: Rupert Henning interpretiert André Hellers Buch über die Neuerfindung seiner Kindheit. Hinter der großbürgerlichen Fassade einer Wiener Zuckerbäckerdynastie lauert ein bizarres Familiendrama, das von autoritären Vätern und depressiven Müttern in den Fünfzigerjahren erzählt, und von einem 12-jährigen Individualisten, der mit funkelnder Fantasie gegen die erzkatholische Strenge seiner Welt antritt. Seine Hauptangst: so werden wie die anderen. Eine magisch-realistische Coming-of-Age-Geschichte, die mit einem tollen Hauptdarsteller (Valentin Haag) glänzt, der radikalen Seltsamkeit der Figur stilistisch aber nicht folgen kann.