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Neue Filme in  Kürze:Die Starts der Woche

Charles Dickens wird farbenblind, und Sherlock Holmes bekommt eine kleine freche Schwester, und eine todkranke Frau bittet zur letzten Runde.

Von den SZ-Kritikern

Blackbird

Fritz Göttler: Weihnachten im Herbst, das gibt dem Genre des Familienfilms einen ganz besonderen Dreh. Denn Lily, die Hausherrin im Designerheim an der Ostküste, ist unheilbar krank und hat nicht mehr viel Zeit. Sie bittet zu einer letzten Runde die Kinder und deren Familien zu sich, dazu die beste Freundin (ihre und ihres Mannes). Es kommt viel zur Sprache in Roger Michells Remake eines Bille-August-Films, verklärt und verletzend. Susan Sarandon als Lily und Kate Winslet als leicht gefrustete Tochter stehlen ein bisschen die Schau.

David Copperfield

Juliane Liebert: Temporeiche Verfilmung von Charles Dickens' autobiografisch geprägtem Coming-of-Age-Epos, die beweist: Ein sogenannter farbenblinder Cast (Hautfarben und Ethnien ohne Anschauung der Rolle gemischt) funktioniert auch unter Kostümfilmbedingungen bestens. Leider hechelt Regisseur Armando Ianucci durch die Handlung, weshalb man den Figuren nie richtig nahe kommt - trotz robuster Komik und launigem Spiel mit verschiedenen Ebenen der Fiktion, bei dem auch mal eine riesige Hand in die Szene greift. Aber wer würde nicht sehen wollen, wie Tilda Swinton als verschrobene Tante Betsy unbefugte Esel aus dem Garten verjagt?

Die Dirigentin

Susan Vahabzadeh: So ziemlich jeder, dem Antonia Brico (Christianne de Brujn) begegnet, rät ihr dringend davon ab, ihren Berufswunsch zu verfolgen - aber sie schafft es: 1930 gibt sie ihr erstes Konzert mit den Berliner Philharmonikern, als Dirigentin und einzige Frau weit und breit, die es sich zutraut, einem Orchester zu sagen, wo es langgeht. So ähnlich, wie die Niederländerin Maria Peters es in ihrem Film erzählt, ist das tatsächlich passiert, sie hat allerdings für ihr sehr klassisches Biopic eine ganz romantische Sichtweise gewählt: Für jeden Schritt nach vorn braucht ihre Antonia die Solidarität von anderen.

Enola Holmes

Tobias Kniebe: Wenn alte Geschichten Allgemeingut werden, darf man Sherlock Holmes auch mal eine kleine Schwester verpassen, die selbst alle Detektiv- und Kampfkünste beherrscht. An ihrem 16. Geburtstag ist ihre feministische Mutter verschwunden, und Enola (herrlich aufmüpfig: Millie Bobby Brown aus "Stranger Things") flüchtet lieber nach London, als auf den berühmten Bruder (Henry Cavill) zu hören. Dort verhindert sie einen Mord und treibt die britische Parlamentsgeschichte voran, was Harry Bardbeer schnell, smart und sehr britisch inszeniert - ein echtes Vergnügen. (Auf Netflix)

Freie Räume

Sofia Glasl: Mit Liebe zum Detail und vielen Anekdoten erzählt der Filmemacher Tobias Frindt die Geschichte der Jugendbewegung Anfang der Siebzigerjahre, nach dem Aufbruch der Achtundsechziger. Am Beispiel des Mannheimer JUZ dokumentiert er mit Interviews und akribisch zusammengetragenem Archivmaterial den Einsatz für öffentlich geförderte, aber dennoch selbstverwaltete Jugendzentren - als Akt der Selbstermächtigung und als Einüben in demokratische Teilhabe. Herausgekommen ist ein liebevolles, wenn auch filmisch recht konventionell gehaltenes Familienalbum einer Generation.

Futur Drei

Philipp Bovermann: Ein junger Mann aus Hildesheim, Sohn iranischer Eltern, ist schwul und rebellisch und muss in einem Flüchtlingsheim Sozialstunden leisten. Dort trifft er einen jungen geflüchteten Iraner und seine Schwester. Die drei sind nun gemeinsam rebellisch, ziehen durch die Nacht. Während die Jungs sich verlieben, die Abschiebebullen anrücken und Fragen postmigrantischer Identität in Form symbolisch verrätselter Montagesequenzen aufpoppen, schlingert das von Faraz Shariat wider die Kartoffeldeutschheit inszenierte Coming of Age-Drama in viele Richtungen gleichzeitig, will frei, queer und poetisch rüberkommen. Und schafft das auch fast, nur gibt es sich leider sehr viel Mühe dabei.

In Berlin wächst kein Orangenbaum

Magdalena Pulz: Kida Khodr Ramadan, bekannt aus "4 Blocks", gibt hier sein Solo-Regiedebüt. Einige Themen der Serie - organisiertes Verbrechen, Gangster, Berlin, Migration, komplizierte Familien - tauchen wieder auf, aber diesmal in ganz lieb: 15 Jahre saß Nabil, gespielt von Ramadan selbst, unschuldig im Gefängnis. Als er aus dem Knast kommt, ist er so gut wie tot, Krebs im Endstadium. Wer hätte da kein Mitleid? Dann erfährt er, dass er eine 17-jährige Tochter hat (grandios: Emma Drogunova), mit der er nach Berlin abhaut, wo sich die beiden verstehen lernen. Dass der Film versucht, sowohl deutsches Indie-Wohlfühlkino als auch harter Straßenstreifen zu sein, klappt trotz Starbesetzung nur so halb.

A Nice Girl Like You

Doris Kuhn: Die angehende Violinistin Lucy wird von ihrem Freund verlassen, Grund ist ihre Prüderie. Also beschließt sie, eine Liste mit zwölf Sex-Aufgaben abzuarbeiten, darunter Pornos gucken, Sex-Toys probieren, das Wort "Schwanz" laut aussprechen, und so fort. Ihr ist das meiste schrecklich peinlich. Nick & Chris Riedell wiederum verwandeln die Erziehung zu einer unverkrampften Sexualität in eine nette romantische Komödie.

Ooops! 2 - Land in Sicht

Ana Maria Michel: Fünf Jahre nachdem ihre Arche wegen der Sintflut ablegte, bringen Toby Genkel und Sean McCormack eine Fortsetzung ins Kino. Viele Tage sind die Tiere nun schon an Bord, darunter auch solche, die es in der Realität nicht gibt: Grymps und Nestrier. Der deutsch-luxemburgisch-irische Animationsfilm führt die Besatzung zu einer Kolonie aus Letzteren, die plüschigen Wesen leben abgeschottet von der Welt. Am Ende lernen sowohl Tiere als auch das junge Publikum, was mit Respekt und Zusammenhalt möglich ist.

Pelikanblut

Martina Knoben: Mutterschaft als Horror und Mysterium: Wiebke (Nina Hoss), erfolgreiche Betreiberin eines Pferdehofs und glückliche Mutter eines Adoptivkindes, nimmt ein zweites Kind an, das sich als wahrer Teufel entpuppt. Raya tötet Tiere, zündelt und greift andere Kinder an. Eine Systemsprengerin. Katrin Gebbe entwickelt aber kein Sozialdrama und keine Psychostudie daraus, sondern erzählt, atmosphärisch stark, mit Gruselelementen, vom Schrecken einer Mutterliebe, die keine Grenzen kennt. Katerina Lipovska als Raya ist verstörend und wirklich erschreckend, Nina Hoss großartig als starke, aber versehrte, den Halt verlierende Frau.

Persischstunden

Annett Scheffel: Das Holocaust-Drama erzählt eine irrwitzige Überlebensgeschichte: Indem er sich als Perser ausgibt, entgeht der belgische Jude Gilles der Hinrichtung. Ein Lagerkommandant will Farsi lernen, das Gilles fortan Wort für Wort erfinden muss. Bald entspinnt sich eine fragile Beziehung zwischen Lehrer/Opfer und Schüler/Täter. Vadim Perelman inszeniert den KZ-Alltag mit etwas zu großen Sicherheitsabstand, aber feinem Gespür für den absurden Witz der Begegnung. Das Gewicht liegt auf den Darstellern: allen voran Lars Eidinger als verbissener SS-Mann, der sich durch Sprache verwandelt.

Space Dogs

Philipp Bovermann: Die Kamera von Elsa Kremser und Levin Peter folgt Straßenhunden an die Mülltonnen und in die Hinterhöfe von Moskau. Nicht mit dem Blick eines Wissenschaftlers, sondern buchstäblich auf Augenhöhe, mit schnupperndem Interesse. Die Perspektive des Menschen ist nur noch gegenwärtig in alten Aufnahmen aus der sowjetischen Weltraumforschung, als Straßenhunde ins All geschickt wurden - in den Tod oder, schlimmer noch, die Einsamkeit.

XConfessions Night

Doris Kuhn: Erika Lust ist bekannt als Regisseurin feministischer pornografischer Filme, die bisher im Web oder auf Festivals liefen. Jetzt kommt zum ersten Mal einer davon regulär ins Kino: Eine Zusammenstellung aus acht erotischen Fantasien, mit allen Merkmalen eines Pornos ins Bild gesetzt. Natürlich wird jede negative Konnotation des Genres vermieden, also sieht man glücklichen heteronormativen Sex, die Lust der Frauen, Kunst womöglich.

© SZ vom 24.09.2020

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