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Neue Filme in Kürze:Die Starts der Woche

Ein Mann wandert durch New York City, Hermann Hesse ist verfilmt worden, und Sarah Wagenknecht bleibt auch im Dokumentarfilm unnahbar.

Von den SZ-Kritikern

Alle in einem Boot

Anna Steinbauer: Weil der Regisseur Paul zu wenig Geld hat, um einen Film zu machen, inszeniert er in Tobias Stilles "Alle in einem Boot" ein Theaterstück. So kompliziert und konstruiert das Setting erscheint, so fragwürdig ist auch der Mehrwert des Kammerspiels, in dem das Schicksal von jüdischen Emigranten, die 1939 auf einem Schiff vor Kuba festsitzen und nicht anlegen dürfen, aktualisiert werden soll, mit afrikanische Geflüchtete als Komparsen. Die Vision vom Theater als Ort der Begegnung wird zusätzlich getrübt von einem als Improvisation getarnten sexuellen Übergriff auf der Bühne.

Lady Business

Sofia Glasl: Film rein, Glitzernagellack drauf, und los geht Miguel Artetas Mädelsabend. In dieser Parallelwelt mögen die freudlosen Pimmelwitze von Mel und Mia lustig sein. Außer einander haben die besten Freundinnen jedoch nur eine schwächelnde Kosmetikfirma. Die Schmink-Magnatin Claire Luna will ihnen angeblich helfen und predigt chauvinistischen Turbokapitalismus. Salma Hayek spielt sie als Trump-Karikatur mit orangefarbener Perücke und Golfschläger. Jemand nennt sie mal eine wütende Karotte, und um gegen solche Typen anzugehen, braucht es mehr als nur müde Freundschaftsbekundungen.

Narziss und Goldmund

Susan Vahabzadeh: Der junge Mönch Narziss nimmt sich des Jungen Goldmund an, den sein Vater im Kloster abgegeben hat. Aber so nah sich die beiden auch stehen, muss Narziss irgendwann einsehen, dass Goldmund fürs Klosterleben zu weltlich ist; dennoch stehen die beiden loyal zueinander. Sinn und Geist im Wettstreit, in unterschiedlichen Menschen - oder vielleicht auch in derselben Person, darum geht es in Hermann Hesses Erzählung, die Stefan Ruzowitzky lange schon verfilmen wollte. Das Ergebnis ist recht konventionell und lässt wenig Inspiration erkennen.

New York - Die Welt vor deinen Füßen

Nicolas Freund: Matt Green ist schon einmal von Ost nach West durch die USA gelaufen, nun möchte er alle Straßen, Wege und Trampelpfade in New York City ablaufen: Insgesamt 8000 Meilen, dreieinhalb Jahre Dauer, mit nur 15 Dollar Budget am Tag. Regisseur Jeremy Workman hat ihn bei Wind und Wetter begleitet. Auf seinen Wanderungen entdeckt der tiefenentspannte Läufer schön-skurrile Details, wie einen Feigenbaum, der aus einem Mülleimer wächst, historische Spuren, die auf die erste Kolonie New Amsterdam hinweisen oder auf die Anschläge von 9/11. Dazu ist Matts Projekt eine Antithese zum Turbokapitalismus, der die Stadt sonst im Griff hat. Wie er selbst sagt: "Der Punkt ist, dass ich gar nicht genau weiß, was der Punkt ist."

Die perfekte Kandidatin

Martina Knoben: Ein saudisch-arabischer Feelgood-Film, in dem eine junge Ärztin, die eigentlich nur die Zufahrt zu ihrer Klinik asphaltiert sehen will, nach einigen Zufällen für den Stadtrat kandidiert. Die Bewerbung wird zum Testfall, wie vernehmlich Frauen in diesem Land ihre Stimme erheben können, politisch, aber auch als Sängerin. Herrlich komisch, wie die Kandidatin und ihre Schwestern mit Hilfe von Youtube-Tutorials und der weiblichen Community im Ort eine Wahlkampagne lancieren. Außerdem erlaubt es tolle Einblicke in den Alltag saudischer Frauen. Haifaa al Mansour ("Das Mädchen Wadja") macht sich keine Illusionen, was den Wahlsieg ihrer Kandidatin betrifft. Ihr Drehbuch reizt die Möglichkeiten für ein Happy-End allerdings maximal aus - der typische Balanceakt vieler saudi-arabischer Frauen.

Der Spion von nebenan

Fritz Göttler: Dave Bautista als CIA-Mann auf Bewährung, er soll mit einer Kollegin - letzte Chance! - eine Witwe und ihre Tochter Sophie überwachen. Der dröge Job wird dann doch aufgepeppt, als Sophie das mit der Verwanzung mitkriegt und Dave zu ihrem ganz speziellen Agenten ernennt, der ihr das Spionieren beibringen soll: My Spy, wie Kinder ihr Haustier oder ihr Maskottchen nennen. Peter Segal, der Meisterregisseur der "50 ersten Dates", lässt Bautista und die elfjährige Chloe Coleman ihren ganz natürlichen Rhythmus durchziehen, in dem sie sich reiben, ergänzen, gegenseitig hochschaukeln.

Wagenknecht

Alex Rühle: Anfangs ist sie Oppositionsführerin, am Ende tritt sie zurück von allen Ämtern. Dazwischen liegen der Wahlkampf 2017, AfD-Triumph, der Versuch, eine Sammlungsbewegung zu starten, und ein Zerfleischungskampf innerhalb der Linken. Eine spannendere Phase im Leben der Sahra Wagenknecht hätte Sandra Kaudelka für ihre Dokumentation nicht begleiten können. Umso enttäuschender, dass Wagenknecht den ganzen Film über so unnahbar bleibt, als sitze sie hinter Glas.

Zu weit weg

Doris Kuhn: Zwei Neue kommen in die Schule: Tariq, elfjähriger Flüchtling aus Aleppo, und Ben, frisch zugezogen, weil sein Dorf abgerissen wird. Beide sind einsam, beide spielen Fußball, deshalb tun sie sich zusammen, eher desinteressiert. Dann aber will Ben mehr über Tariqs Geschichte wissen, und aus der Neugier entsteht die Erkenntnis, dass sie einander helfen können. Genau und berührend erzählt Sarah Winkenstette vom Glück der Freundschaft, ohne die Wirklichkeit für einen Kinderfilm zu beschönigen.

© SZ vom 12.03.2020

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