Neue, alte Sucht Und Aids gibt´s gratis

Statt Unfalltod heißt das im Fall von Crystal Meth dann Filmriss, Depressionen, Herzflimmern, gegen die nur die nächste Dosis hilft. Als Spätfolge gesellt sich da noch die gesamten Bandbreite der Geschlechtskrankheiten hinzu, weil Crystal Meth im Nachtleben zu eher hemmungs- und wahllosem Sex führen kann, da man nach einer Dosis Erregung und Begierde zwar zunehmen, die Fähigkeit, einen Höhepunkt zu erlangen jedoch verloren geht. Mischt man Crystal Meth dann noch mit Potenzmitteln wie Viagra, was vor allem in Schwulenclubs Mode geworden ist, steht dem Exzess nichts mehr im Weg.

Selbst die sonst so zurückhaltende New York Times druckte da spektakuläre Berichte über schwule Sexparties in Clubs und Hotels, die sich über ganze Wochenenden hinzogen und bei denen die Teilnehmer ungeschützten Kontakt mit mehreren Dutzend Unbekannten hatten.

Deswegen soll die derzeit grassierende Crystal-Meth-Epidemie in den USA auch daran schuld sein, dass die Ansteckungsraten unter amerikanischen Homosexuellen in den letzten beiden Jahren um bedenkliche zweistellige Prozentzahlen angestiegen sind.

Womit wir schon beim eigentlichen Thema wären - dem Zusammenhang von Schuld, Sucht und Sex, einer Debatte, der mit politisch korrekten Argumenten nicht beizukommen ist. Die Überlegung, ob der exzessive Crystal-Meth-Verbrauch in den Dark Rooms der Schwulenclubs den erneuten Anstieg der Aidsraten verursacht hat, wirft nämlich viele unangenehme Fragen auf, die während des ersten Schubs der Seuche erfolgreich wegdiskutiert wurden.

Denn die Frage, ob Homosexuelle durch ihr Verhalten selbst zur Ausbreitung des Aidsvirus beitragen, muss zwangsläufig in die moralische Zwickmühle führen, wenn religiöse Fundamentalismen legitime Argumente der öffentlichen Debatte sind und mehr als ein Drittel der Bevölkerung seine Meinung über Homosexualität wortwörtlich auf den Vers 18:22 aus dem Buch Levitikus bezieht.

Muss man die offensichtlichen Zusammenhänge zwischen Drogensucht, exzessiver Sexualität und bekannten Übertragungswegen als volksgesundheitliches Problem bekämpfen, oder legitimiert man damit nicht nur Vorurteile gegen einen Teil der Bevölkerung, der in puncto Bürgerrechte selbst in den westlichen Gesellschaften immer noch das Schlusslicht bildet?

Es war ausgerechnet der Theaterautor und Mitbegründer der Schwulenbewegung Act Up, Larry Kramer, der die Debatte im letzten Winter mit einer Brandrede gegen Permissivität eröffnete. Mit Crystal Meth und der gierigen Suche nach anonymem Sex hätte die schwule Clubszene nicht nur eine lebensgefährliche Umgebung geschaffen, sondern auch die homosexuelle Emanzipationsbewegung geschwächt, wetterte er bei seinem Vortrag an der New Yorker Cooper Union. "Wenn ihr euch umbringen wollt, bringt euch halt um. Es ist harte Arbeit, sich wie ein Erwachsener zu benehmen."

Der Protest ließ nicht lange auf sich warten. Kramer sei ein klassischer Liberaler, der die Subkulturen der Clubszene verachte und seine eigenen Vorurteile hinter fürsorglichem Liberalismus verstecke, hieß es. Eine Plakataktion des Aidsaktivisten Peter Staley, die den Slogan "Sonderangebot - kauf' Crystal und bekomm HIV umsonst!" über ganz New York verteilte, bekam ähnlichen Gegenwind.

Dabei geben die Zahlen aus New York geben durchaus Anlass zur Sorge. Die Organisation Crystal Meth Anonymus begann in New York vor fünf Jahren regelmäßige Zwölf-Schritte-Treffen, zu denen meist nicht mehr als fünf, sechs Süchtige kamen.

Heute gibt es 23 solcher Treffen mit oft mehr als einhundert Teilnehmern. New Yorker Ärzte melden, dass bei 50 bis 75 Prozent aller Neuansteckungen mit dem HIV-Virus Drogen eine Rolle spielten. Und eine Untersuchung des Hunter College kam zum Ergebnis, dass 20 Prozent aller New Yorker Schwulen schon Erfahrungen mit Tina gemacht haben.

Nun ist Crystal Meth keineswegs nur ein Problem der Schwulenszene. Im Gegenteil. Die schwule Clubkultur in den Großstädten ist selbst im Verhältnis zur homosexuellen Gesamtbevölkerung eine zahlenmäßige Minderheit.

Dort wo im mittleren und südlichen Westen ganze Landstriche von der Sucht nach den Kristallen befallen wurden, sind es meist die verarmten Unterschichten sind, die zu der billigen Droge greifen. Zu Zehntausenden.

Eine Erhebung der Sheriff Departments im ganzen Land ergab Anfang Juli, dass Crystal Meth das größte Drogenproblem der USA geworden ist. Nach Schätzungen der Bundesbehörden gibt es in Amerika derzeit rund eine Million regelmäßige Crystal-Meth-Konsumenten.

Doch im Gegensatz zur Schwulenbewegung gibt es in der Provinz keine Debatten über die gesellschaftlichen Herausforderungen der Suchtwelle, sondern lediglich eine Politik der Härte.

Dabei erweist sich die polizeiliche Bekämpfung der Crystal-Epidemie als weitaus schwieriger als bei den traditionellen Importdrogen wie Heroin und Kokain. Crystal Meth lässt sich relativ einfach in einem Heimlabor herstellen.

Konzertierte Polizeiaktionen gegen solche Methlabs im mittleren und südlichen Westen hatten die Ausbreitung der Drogenepidemie nur geringfügig verlangsamt. Aus dem Provinzstaat Iowa meldeten die Behörden zwar, dass ein Verbot des bisher legal erhältlichen Schnupfenmittels Pseudoephedrin die Anzahl der Crystal-Meth-Küchen deutlich verringert habe. Doch schon gibt es erste Meldungen von Crystal Meth aus Mexiko. Zudem naht schon die nächste Drogenwelle.

Die Entmachtung der Taliban in Afghanistan und die Unfähigkeit der alliierten Besatzer, das Chaos im Land in den Griff zu bekommen, hat zu einer weltweiten Schwemme billigen Heroins geführt. Auf den Straßen von Boston kostete beispielsweise eine Tagesdosis mit einem Reinheitsgehalt von 65 Prozent vor wenigen Jahren noch 40 Dollar.

Inzwischen ist der Reinheitsgehalt auf 90 Prozent angestiegen und der Preis auf fünf Dollar gesunken. Auch die wird die Aidsraten bei Minderheitengruppen ansteigen lassen, denn die ansteckungsgefährdende Praxis des intravenösen Heroinkonsums besonders in den Ghettos armer Latinos und Schwarzer und unter Prostituierten verbreitet ist, dürften die volksgesundheitlich verheerenden und politisch inkorrekten Folgen abzusehen sein. Eine Drogenpolitik, die Bestrafung vor Bekämpfung stellt, wird die Problematik nicht vereinfachen.