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Neu auf CD:Frei nach Bach

Heute in der Klassikkolumne: Busonis Fortsetzung von Bachs Unvollendeter Fuge, Schostakowitschs Antwort auf Bachs Präludien und ein feiner "Rinaldo" aus Como.

Von Reinhard Brembeck

Johann Sebastian Bach ist für seine nachgeborenen Kollegen der unerreichte Gipfelstürmer in Sachen Qualität und mit Understatement gehandhabter Komplexität gewesen. Jeder nimmt sich aus seinem Oeuvre, was ihm gerade in die eigene Ästhetik passt. Die meisten, angefangen bei Wolfgang Amadé Mozart und Ludwig van Beethoven, machen das verschämt hintenherum. Andere sind offensiver. So hat sich der Klaviermegavirtuose Ferruccio Busoni (1866-1924) gleich ans Schwierigste herangetraut, als er in seiner halbstündigen "Fantasia contrappuntistica" versuchte, Bachs alle Kompliziertheiten toppende "Unvollendete Fuge" zu vollenden. Dieses Stück gehört vermutlich zu Bachs rätselhaftem und ebenfalls unvollendetem Opus ultimum, zu "Die Kunst der Fuge". Die versammelt ungewöhnlicherweise Fugen und Canones über dasselbe Thema - das jedoch nicht in der unvollendeten Fuge vorkommt, aber nach dem Abbruch sehr wohl vorkommen könnte. Das haben Wissenschaftler und Musiker bewiesen, weil es sehr wohl mit ihren anderen drei Fugenthemen kombinierbar ist. Busonis Vollendungsversuch ist großspurig und kühn, er hat ihn in eine riesige Phantasie eingebaut, sein wichtigstes Klavierwerk, das in vier Fassungen vorliegt. Die ersten drei sind für Klavier solo, die letzte für zwei Klaviere, da Busoni eingesehen hat, dass seine Phantasie weit über das hinausschwappte, was selbst er, der beste Pianist seiner Zeit, auf einem Klavier hinzaubern könnte. Diese vierte 1922 edierte Fassung hat Aldo Ciccolini zusammen mit Aldo Orvieto schon im Jahr 2000 eingespielt, sie erscheint aber aus unerfindlichen Gründen jetzt erst bei Naxos, fünf Jahre nach Ciccolinis Tod. Wie immer bei Ciccolini halten sich Neugier, Virtuosität, Klarheit und Leidenschaft die Waage. Das garantiert einen grandiosen und unerschöpflichen Strudel, der Bach umgarnt und ihn als Visionär ins Romantische katapultiert.

Mit der "Unvollendeten Fuge" zusammen enthält "Die Kunst der Fuge" vierzehn Fugen und vier Canones, also zweimal dreimal drei, oder vier plus zweimal sieben Stücke. Die Drei ist wie die Sieben eine heilige Zahl, letztere verweist auf die Wochentage. Solche ins Religiöses zielenden Zahlenspielereien waren in der Barockmusik durchaus beliebt. Ins Weltliche aber zielt die barocke Reihung von Stücken, wie sie in der Partita, der Suite, in den französischen Ordres und auch in der Oper üblich ist. Lässt man beispielsweise aus Georg Friedrich Händels erster Megaerfolgsoper "Rinaldo" die Rezitative weg, dann erhält man eine klassische Suite von Charakterstücken. Eine CD kann man mühelos so programmieren, auch die gerade erschienene Liveaufnahme des "Rinaldo", die Ottavio Dantone vor 21 Monaten in Como erstellt hat und die bei HBD Sonus erschienen ist. Dantone hat ein Gefühl für Händels Einsamkeiten und Seelenverletzungen, die gerade in diesem Stück an der Tagesordnung sind, wo jeder der Akteure mindestens zwei andere Menschen liebt und eigentlich nie vom richtigen zurückgeliebt wird. Dantone inspiriert grandiose Sängerinnen: Delphine Galou als Jerusalemkreuzritter Rinaldo, Anna Maria Sarra als liebesversehrte Zauberin Armida und Francesca Aspromonte als Rinaldos Geliebte Almirena, die die berühmteste Arie dieses Stücks und Händels singen darf: "Lascia ch'io pianga", eine selbstmitleidige Klage.

Doch zurück zu Bach. Der hatte in Leipzig jede Menge Schüler zu unterrichten, auch auf Cembalo, Clavichord, Orgel. Während Klavierlehrer heute ihre Schüler in ein Musikaliengeschäft schicken oder sie online eine Klavierschule bestellen lassen, erstellte sich Bach seine Lehrwerke selbst. So entstanden die zwei Bände des "Wohltemperierten Clavier", je zwei 24-Präludium & Fugen-Paare durch alle Dur- und Molltonarten, von denen viele damals noch ungebräuchlich waren. Zu Bachs 200. Todestag 1950 hat Dmitri Schostakowitsch eine Antwort auf dieses Pädagogicum komponiert, seine 24 Präludien und Fugen op.87. Inspiriert wurde er durch Tatjana Nikolayeva, eine der herausragenden Pianistinnen der Sowjetunion, die die Uraufführung des Schostakowitsch-Zyklus spielte und das Werk aufnahm. Bei Profil / Edition Günter Hänssler gibt es jetzt eine eigenwillige Fünf-CD-Box mit Schostakowitschs Bach-Hommage mit Livemitschnitten aus den Jahren 1951 bis 1963. Vor allem brilliert dabei Svjatoslav Richter, der berühmteste, eigenwilligste und luzideste Pianist der sowjetischen Nachkriegsjahre, der allerdings nie den ganzen Zyklus spielte. Wie auch Schostakowitsch nicht, der nur 18 Stücke aufnahm, die hier ebenfalls zu hören sind. Alles, was fehlt, wurde durch Aufnahmen von Nikolayeva und Emil Gilels ergänzt. So ersteht ein faszinierendes Panoptikum dieser eigenwillig tonalen Stücke, die immer ziselierte Einsamkeiten sind - wie die Arien in Händels "Rinaldo".

Einer der größten Meister der Einsamkeiten war Gustav Mahler, der Sinfonie um Sinfonie auf seine Neunte zuarbeitete, in der er dann endgültig der Welt abhanden gekommen ist. Der Dirigent und Komponist Leonard Bernstein kam Mahlers Einsamkeiten massenwirksam entgegen, er machte dessen Musik zum Mainstream. Doch schon vor Bernstein waren etliche Dirigenten von Mahlers damals noch geschmähter Musik überzeugt: Bruno Walter, Dmitri Mitropoulos und der 1895 in Graz geborene Hans Rosbaud. Rosbaud, ein grandioser Mozart-Dirigent, war ein genialer Deuter der Moderne. Sein Mahler, der jetzt in einer Acht-CD-Auswahlbox bei SWR Classics vorliegt, verbindet Klarheit, Einsicht und Leidenschaft. Dieser Maestro kann zeigen, wie Mahler in seinen Folklorestücken den Einbruch der Moderne als Katastrophe gestaltet. Rosbauds Neunte gehört zu den besten Aufnahmen des besten Stücks Mahlers.

© SZ vom 13.10.2020
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