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Niemand kümmert mehr das Innenleben seines Computers. Ist das klug?

Von Michael Moorstedt

Die liebsten Erinnerungen seien ihm jene an die Zeit, als er verzweifelt versucht habe, den Commodore-PC der Familie zu verstehen, schreibt der Computerwissenschaftler Samuel Arbesman auf dem Debattenportal Aeon. Er fraß Lehrbücher, um die Sprache der Maschine zu erlernen. Heute wisse ein iPad-Nutzer nicht einmal mehr, in welchem Verzeichnis das Tablet seine Dateien abspeichert. Ein MacBook der neuesten Generation hat genau noch eine Öffnung. Man kann der Technik nicht mehr unter die Haube schauen.

Wenn Arbesman nun von den guten alten Zeiten spricht, ist das jedoch nicht nur Nostalgie. Es ist ein echtes Problem, dass sich kaum ein Nutzer mehr mit dem Innenleben der Geräte beschäftigen will, die seinen Alltag mehr und mehr bestimmen. Längst kursieren auf Youtube Videos, in denen Teenagern ein Walkman oder ein Gameboy in die Hand gedrückt wird - und die damit nichts mehr anfangen können. Zu eckig, zu grau, zu unzugänglich.

Eine Kassette oder ein Videospielmodul in ein Abspielgerät einzulegen, ja überhaupt die Idee physischer Speichermedien, ist den 15-Jährigen völlig fremd. Wir entfremden uns von den Maschinen, schreibt Arbesman, geben Update für Update ein bisschen mehr Kontrolle ab. Etwas nicht verstehen zu müssen ist zum Verkaufsargument geworden. Doch wie viel Ignoranz können wir uns leisten?

Noch grundsätzlicher argumentiert Tim Wu im New Yorker: Die Technik von heute fordere den Menschen nicht mehr heraus, schreibt der Professor der New Yorker Columbia Universität. So würden die modernen Gadgets intellektuellen Muskelschwund auslösen. Kulturpraktiken, die man sich einst mühsam angeeignet hat, würden durch die perfektionierte Software überflüssig. Kein Mensch muss heute mehr wissen, wie man gute Fotos schießt. Kleine Programme im Smartphone übernehmen die Berechnung der Schärfentiefe und retuschieren rote Augen. Und bald muss auch kein Mensch mehr die Fähigkeit besitzen, Auto zu fahren. Weil das Google-Gefährt schon weiß, wo es langgeht.

Technik tendiere ihrem Wesen nach zu immer größerer Effizienz, schreibt Tim Wu und ist damit gedanklich nah an Kevin Kelly, der in seinem Buch "What Technology Wants" der Technik eine inhärente Evolution unterstellt. Das Problem, so Tim Wu, sei nur, dass wir erst an den heutigen Stand der Zivilisation gelangt seien, weil wir die Dinge hinterfragt haben.

Vor einigen Jahren bewarb Apple seine Produkte mit dem Slogan "Es funktioniert einfach". Das kann man genial finden. Oder einfach bevormundend.