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Netzkolumne:Wir sind die Roboter

Der Mensch wird in der schönen neuen Technikwelt durch Maschinen ersetzt? Unsinn, er wird lediglich in den Hintergrund verschoben und spielt von dort aus Babysitter.

Die neue Welt der Arbeit ist nicht immer leicht zu verstehen. Werden wir von intelligenten Maschinen und Robotern ersetzt? Noch ist es nicht so weit. Weil die Software alles andere als klug ist. Das jüngste und populärste Beispiel sind die zahllosen Sprachassistenten, die die großen Tech-Unternehmen massenweise auf den Markt bringen. Wie vor Kurzem bekannt wurde, waren es eben nicht nur Siri und Alexa, die da Rede und Antwort standen. Sondern auch menschliche Mitarbeiter, die zuhörten, protokollierten, um so der Software mehr Einsicht zu verschaffen.

Nach und nach bekannte sich von Apple und Amazon über Google bis Microsoft so gut wie jeder große Konzern der Täuschung schuldig. Und die Nutzer waren sich unsicher, worin der größere Affront bestand: Dass fremde Menschen ihren Gesprächen gelauscht haben? Oder, dass die Technik einfach noch nicht so weit ist, wie sie geglaubt haben? Nach Jahren der Euphorie stellen selbst hartgesottene Technik-Enthusiasten fest, dass die echte Welt noch immer viel zu komplex ist, als dass Maschinen in ihr frei navigieren oder kommunizieren könnten. Und die paradoxe Antwort auf die Unzulänglichkeit der Maschinen lautet immer öfter: menschliche Arbeit. Zumindest im Hintergrund.

Das passende Kofferwort ist jedenfalls bereits gefunden. Wir haben es mit Fauxtomation zu tun, also vorgetäuschter Automation. Die Nachhilfe für die Sprachassistenten ist mitnichten ein Einzelfall. Laut einer Einschätzung der britischen Investmentfirma MMC Ventures täuschen bis zu 40 Prozent aller Unternehmen, die von sich behaupten, KI-Software zu entwickeln, deren Einsatz nur vor.

Die Zukunft schien so nah. Doch der Roboter wurde von einem Menschen per Telefonkabel gesteuert

Das Start-up Phantom Auto etwa verspricht, die Vision selbstfahrender Autos zu realisieren, indem ein Mensch per Fernschaltung Zugriff auf Gaspedal und Lenkrad erhält. Teilweise rekrutiert man die Piloten dafür beim Drohnenprogramm des US-Militärs. Das Unternehmen Postmates lässt seine Lieferroboter von menschlichen Angestellten durch die Straßen von San Francisco steuern, die Hunderte Kilometer entfernt sitzen.

So zu tun, als sei man ein Roboter, ist nach der jüngsten Einschätzung des Wall Street Journal demnach auch der "nächste heiße Job". Das Vortäuschen genialer Maschinen, zu deren Tun in Wahrheit ein Mensch beiträgt, hat aber eine lange Tradition. Vom sogenannten "Schachtürken" aus dem 18. Jahrhundert bis hin zu den grobschlächtigen Robotern, die auf den Weltausstellungen in den Dreißigerjahren dem staunenden Publikum vorgeführt wurden. Electro hieß es ein solcher Koloss der Firma Westinghouse, über zwei Meter hoch, goldglänzend, er konnte sogar rauchen! Die Zukunft schien so nah. Doch der Roboter wurde von einem Menschen per Telefonkabel ferngesteuert, sein Vokabular von knapp 700 Wörtern wurde von einer Schallplatte abgespielt.

Heutzutage sticht die kapitalistische Logik die technischen Ambitionen. Wieso sollte man Unsummen an Geld investieren, um ein tatsächlich funktionierendes Lieferroboter-System zu entwickeln, wenn es menschliche Arbeitskraft auch tut? Im besten Fall erhalten die Tele-Arbeiter natürlich weniger als ihre Vorgänger, die noch leibhaftig auf der Straße unterwegs waren. Gerade mal zwei Dollar pro Stunde etwa bezahlt das Start-up Kiwibots den Piloten seiner Lieferroboter. Die sitzen in Kolumbien und übermitteln, dank Informationen durch GPS und Kameras, alle fünf bis zehn Sekunden neue Steuerbefehle. Trotz aller Horrorszenarien werden menschliche Arbeitnehmer also bislang nicht von den Maschinen ersetzt. Sie werden nur in den Hintergrund verschoben, auf dass sie nicht stören in der KI-Utopie. Sie bilden die Stützräder für die autonomen Fahrzeuge, werden zum Babysitter für ungebildete Roboter.

Man hat also Menschen, die so tun, als seien sie Maschinen - und auf der anderen Seite des Spektrums Software, die vorgibt, menschlich zu sein. So wie etwa Googles Duplex-Prototyp, der im Auftrag seiner Nutzer Termine beim Friseur oder Tische im Lokal reserviert. Aber wer weiß, vielleicht steckt dahinter wieder schnödes menschliches Wirken. Das Verwirrspiel könnte also bald um eine weitere Ebene bereichert werden.