Netzkolumne:Videokaffeepause

Wie Software mit neuen Funktionen für Videokonferenzen auch die Ränder des Büroalltags simulieren will - und warum das wichtig ist.

Von Michael Moorstedt

Es wird immer deutlicher, dass Videokonferenzen, Google Docs und andere Formen der virtuellen Kollaboration das gemeinsame Dasein im Büro nicht vollständig ersetzen können. Dabei geht es gar nicht nur um die reine Produktivität, sondern auch um die soziale Komponente: Anlässe wie das flüchtige Treffen im Treppenhaus, das kurze Innehalten auf dem Weg zum Kopierer.

Niemand wird hier während dieser Momente über seine wirklichen Probleme sprechen, aber doch sind sie konstituierend für eine gesunde Team-Chemie.

Natürlich gibt es bereits Menschen, die an Software arbeiten, um diese Form der menschlichen Kommunikation virtuell abzubilden. Doch das ist gar nicht so einfach. Wie soll ein zufälliges Treffen simuliert werden, wenn alle Termine schon vorab im Kalender stehen? Und wer will seine Zeit im Home-Office für eine Videokonferenz verschwenden, bei der schon klar ist, dass an ihrem Ende keine Ergebnisse stehen?

Am Massachusetts Institute of Technology hat man etwa ein Software-Werkzeug namens Minglr entwickelt, das verspricht, dieses Dilemma aus Zufälligkeit und Planbarkeit aufzulösen. Man kann sich das Programm als eine Mischung aus Videokonferenz- und Dating-App vorstellen. In einer Liste aller Kollegen können die Nutzer eintragen, mit wem sie gerne mal unter vier Augen reden wollen, und selbst signalisieren, dass sie gerade frei sind. Mögliche Gesprächsthemen und Interessen werden vorab im eigenen Profil vermerkt. Haben beide Mitarbeiter gerade Zeit und Interesse, startet ein privater Videochat. Microsoft hat derweil für seine Software Teams eine Funktion namens Together Mode entwickelt. Dafür werden die Aufnahmen der jeweiligen Webcam nicht mehr vereinzelt in einem Videochat-Fenster, sondern stattdessen zusammen in einem virtuellen Raum angezeigt. So könne man sich besser auf Gestik und Mimik des Gegenübers konzentrieren.

Abseits von solchen weichen Faktoren wie fehlendem Augenkontakt entstehen auch ganz reale Nachteile, wenn man nicht in der Lage ist, seine Netzwerke in der echten Welt zu stricken und zu stärken. Die strategische Auswahl der richtigen Begleitung für den Kantinenbesuch zählt in so manchem Betrieb schließlich zur höheren Diplomatie. Allianzen werden geschmiedet, Vertrauen gebildet, Abneigungen gepflegt. Und wer in diesem komplexen Ökosystem nicht mitmacht, landet schnell in einer Sackgasse.

© SZ vom 07.09.2020
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