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Netzkolumne:Leben mit Loretta

Google als Gedächtnismaschine: Ein Werbespot beim Super Bowl rührt viele Zuschauer zu Tränen.

Es gibt ja diese Dinge, die je nach Standpunkt zu Tränen rühren oder einfach nur unheimlich sind. Genau so etwas hat Google vergangene Woche in die Welt gesetzt und zwar zur besten Sendezeit, in Form eines Werbespots vor dem Super Bowl. Die PR-Bemühungen aus dem Silicon Valley scheinen fast einer simplen Formel zu gehorchen: Je größer die Macht ist, die ein Tech-Konzern über seine Nutzer - theoretisch und faktisch - ausübt, desto sentimentaler sind seine Werbebotschaften.

Im aktuellen Beispiel versucht Google, den Nutzern seinen smarten Software-Assistenten schmackhaft zu machen. Über ein plingendes Tränendrück-Piano ist eine gebrechliche Großvaterstimme gelegt. Der Mann erzählt von seiner toten Frau, Loretta, von gemeinsamen Reisen, was sie mochte, was sie hasste, wie sie lachte. Zu sehen sind abwechselnd die klinisch weiße Benutzeroberfläche der App und grisselige Bilder aus besseren Zeiten. Auf jedes neue Erinnerungsschnipsel antwortet die Software "Okay, ich werde das erinnern."

Der Google-Assistent soll so zur Gedächtnismaschine werden. In kleinerem Maßstab ist er das schon heute. Die hauseigene Foto-App schickt, wenn man denn will, in unregelmäßigen Abständen kleine Botschaften aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Was war vor zwei Jahren? Wo warst du vor fünf Jahren? Die App liefert aber nicht die komplette Fotosammlung eines Tages, sondern sortiert ein paar Aufnahmen. Wie der Algorithmus die Auswahl trifft? Das ist für den Nutzer nicht einsehbar. Vielleicht gibt es im Inneren der Maschine eine Quote für lächelnde Gesichter.

Was geschieht, wenn wir das selbst Erlebte nicht mehr im Gedächtnis behalten können?

Beim Publikum löste der Werbespot von Google geteilte Reaktionen aus. Während die einen sofort ihre Großeltern anrufen wollten, verursachte die Aussicht, dass die Tech-Konzerne nun bald Zugriff auf unsere Gefühlswelten haben, bei anderen kalte Schauer. Dabei ist der Verdacht, dass das Netz zur Gedächtnisprothese wird, nicht neu. Er tauchte schon vor mehr als zehn Jahren auf, als der leidenschaftliche Internetkritiker Nicholas Carr in einem viel beachteten Essay die Frage "Macht Google uns dumm?" stellte. Von schwindender Plastizität des Hirns war da die Rede. Es war aber nicht viel Pragmatismus nötig, um die dadurch eventuell entstehende Unmündigkeit verdrängen zu können. Sich mit weniger Wissen mehr Informationen erschließen zu können, klingt verlockend.

Es ist jedoch das eine, wenn man auf das Memorieren von mathematischen Formeln oder Verkehrsrouten verzichtet und so den Hippocampus ein bisschen entlastet, anders sieht es aus, wenn es auch um das eigene Erlebte geht. Wird der Konzern so zum Souffleur des Lebens? Der uns permanent mit Einflüsterungen versorgt, mit aus dem Kontext gerissenen Faktenfetzen der eigenen Biografie? Der uns erzählt, wer man einst war, wen man mal liebte.

Zurück zu Loretta: Laut einer Agentur, die von sich selbst behauptet, den emotionalen Eindruck von TV-Spots auf das Publikum messen zu können, war der eineinhalbminütige Film viermal herzerwärmender und zwölfmal trauriger als die durchschnittliche Werbung. Dabei wurde der traurigste Part des Assistenzprogramms gar nicht gezeigt. Weil er, wie auch heute schon in der Realität, für den Nutzer unsichtbar im Hintergrund abläuft. Es ist der Teil, in dem die Informationen über die tote Großmutter zu Marketingzwecken verkauft werden.

© SZ vom 10.02.2020
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