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Netzkolumne:Garantiert viral!

Die App Botnet ist ein "Social-Media-Simulator". Dieser erzeugt Reaktionen auf jedes eigene Posting, wie man sie in Wirklichkeit im Netz höchst selten erlebt: Man bekommt unzählige Likes und Retweets. Und sogar eigene Trolle kann man sich züchten.

Wir sind nicht allein im Netz. Im Gegenteil, mehr als die Hälfte allen Datenverkehrs im Internet erzeugen schon seit Jahren automatisierte Miniprogramme, und auch auf sozialen Netzwerken stecken hinter einer Menge von Accounts sogenannte Bots. Auf Instagram oder Twitter sind Schätzungen zufolge jeweils Bots in achtstelliger Größenordnung unterwegs. Facebook hat dagegen in der letzten Zeit mehr als eine Milliarde Bot-Nutzer gesperrt - und schafft es dennoch nicht, der Flut Einhalt zu gebieten. Bots spammen Werbung, und selbst deutsche Politiker machen sich inzwischen Sorgen, dass sie auch die Demokratie zersetzen.

Hinein in diesen Verdrängungskampf zwischen Mensch und Maschine grätscht nun eine neue App, die verspricht, mehr Harmonie herzustellen. Sie sei sogar, so heißt es auf der offiziellen Seite in Apples App-Store, "der Platz im Netz, an dem Du wirklich Du selbst sein kannst". Botnet ist laut Selbstbeschreibung ein "Social-Media-Simulator". Das Programm sieht aus wie ein Amalgam aus den Benutzeroberflächen von Facebook, Twitter und Instagram. Wie gewohnt kann der Nutzer seinen Gedanken freien Lauf lassen. Auf Botnet hat er allerdings die Garantie, dass jeder Post durch die Decke geht.

Hunderttausende Gefällt-mir-Angaben sind hier die Norm. Man kann sich in der Kommentarspalte kaum retten vor lauter Herzen, Smileys und motivierenden Worten. Jeder noch so banale Eintrag wird als monumentaler Geistesblitz gefeiert. Die Sache hat nur einen Nachteil: All die Liebesbeweise und aufmunternden Worte stammen von Bots. Die App simuliert also permanent einen Moment, den man in den echten sozialen Medien höchst selten erlebt: Das Posting geht viral, der Retweet-Zähler rattert nach oben. Andererseits ist das natürlich überhaupt nichts wert, wenn keine echten Menschen hinter diesen Affekten stehen. Oder?

Was soll das also? Erste Kommentatoren rätseln noch, ob Botnet eher als subversive Kunstaktion zu sehen ist oder doch nur die zwangsläufige nächste Eskalationsstufe eines notorisch selbstverliebten Medienkosmos darstellt. Ein Traum für Narzissten oder das vollendete Simulakrum, in dem sich die Menschen vom Netzwerkstress befreien können?

Es ist nur konsequent: Soziale Medien werden zur Selbstbestätigungsmaschine

Wer es realistischer mag, kann gegen die Zahlung eines kleinen Betrags sogar einige Zusatzfunktionen freischalten. Noch mehr virtuelle Follower etwa; Bots, die schlechte Witze machen; ja sogar eigene Trolle, die den Nutzer in einer seltsamen neuen Form der ausgelagerten Autoaggression beschimpfen. Für die Zukunft sollen auch die Bots selbst Beiträge verfassen, damit wäre die Feedback-Schleife perfekt.

Die Antworten der Bots stammen laut den Machern von einer künstlichen Intelligenz, die zuvor die Kommunikationsmuster von Tausenden echten Nutzern studiert hat. Der automatisierte Text kann, wie immer, wenn Computerprogramme menschliche Kommunikation nachahmen, schnell dadaistische Züge annehmen. Sehr oft trifft die App aber den Kern der Sache, die Bot-Replys sind erstaunlich lebensnah. Liegt das an den gestiegenen Fähigkeiten der Software oder aber an der Tatsache, dass die allermeiste Kommunikation auf den einschlägigen Plattformen ohnehin ziemlich erwartbar ist? Denn selbst wenn man es nicht mit Roboter-Accounts, sondern mit echten Menschen zu tun hat, sind die Gespräche in der überwiegenden Anzahl der Fälle höchst formalisiert und redundant. Hier ein Like geben, da ein Emoji setzen, aufmuntern, runtermachen. War da noch mehr?

Die eigentliche Frage, die Botnet seinen Nutzern stellt, ist aber die, welche Erwartungen sie eigentlich heutzutage noch an soziale Medien haben. Die waren immerhin einst angetreten, gesellschaftliche Teilhabe zu egalisieren. Heutzutage sind sie in vielen Fällen nicht viel mehr als eine Selbstbestätigungsmaschine. Im besten Fall bietet Botnet also die Gelegenheit, mal über die eigenen Konsum- und Kommunikationsmuster nachzudenken, und im schlechtesten Fall liefert es immerhin noch eine Art Tagebuch mit Feedback-Funktion.

© SZ vom 17.02.2020
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