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Netzkolumne:Burnout-resistent

In Japan delegiert man die kräftezehrende Influencer-Arbeit immer öfter an virtuelle "Vtuber". Von echten Menschen sind diese Digitalwesen oft nur noch durch ihre Manga-Gesichter zu unterscheiden.

Menschen, die mit der Gegenwart ohnehin schon leicht überfordert sind, müssen jetzt ganz stark sein. Aus Japan erreicht uns nämlich die Meldung, dass nicht nur echte Menschen mit Alltagslappalien im Internet ein Millionenpublikum erreichen, sondern immer öfter auch digital erschaffene Figuren, die genau das Gleiche tun und genauso erfolgreich sind.

Schätzungen zufolge gibt es bereits ein paar Tausende dieser sogenannten Vtuber, kurz für Virtual Youtuber. Einen der bekanntesten nennen ihre Schöpfer Kizuna Ai. Der virtuelle Star kommt in der üblichen Manga-Ästhetik daher: Schulmädchenuniform, rosa Haare, die Nase ist kaum existent, dafür sind die Augen und andere Körperteile überdimensioniert. Mehr als zwei Millionen Menschen folgen der Kunstfigur auf Youtube und anderen sozialen Netzwerken.

Dort lässt man den Avatar Lieder singen, einen Schwank aus ihrem nicht existenten Leben erzählen oder zeigt sie sogar dabei, wie sie angeblich Videospiele spielt. Außerdem dient sie als Werbemaskottchen für Suppennudeln, Augentropfen oder die nationale japanische Tourismusbehörde.

Je künstlicher die echten Youtuber sind, desto kleiner ist der Schritt zu "synthetic humans"

Synthetic Humans nennt man diese Wesen, die durch Motion-Capturing-Technologie und moderne CGI-Programme kaum noch vom echten Vorbild zu unterscheiden sind. "Man kann glauben, dass sie wirklich existieren", sagt Takeshi Osaka, Gründer des japanischen IT-Unternehmens Activ8, das den virtuellen Star entwickelt hat.

Auch in der westlichen Hemisphäre gibt es erste Experimente mit den künstlichen Menschen. Sie haben nicht sehr glaubhafte Namen wie Lil Miquela, Blawko oder Bermuda, aber trotzdem - glaubt man zumindest euphorischen Analysten - einen Marktwert von ein paar Hundert Millionen Dollar. Das Studio, das sie erfunden hat, macht sich sogar die Mühe, den Avataren eine komplizierte Dreiecksbeziehung und politische Ansichten auf den Pixel-Leib zu schneidern. Die eine eher links, der andere Trump-Anhänger.

Wenn man so will, ist die Entwicklung der künstlichen Social-Media-Persönlichkeiten nur der konsequente Schluss eines Kreises. Schließlich verdankten Blogger und Youtuber ihren Siegeszug ja vor allem einer neuen Authentizität, die angesichts der vermeintlichen Kommerzialisierung tradierter Medien das Wohlwollen des Publikums fand. Das war vor etwa zehn bis 15 Jahren. Inzwischen ist das Web 2.0, das schon lange niemand mehr so nennt und das einst der große Hoffnungsträger auf gleichberechtigte Kommunikation war, eine komplett durchhomogenisierte Verkaufsveranstaltung.

Die Zuschauer erwarten hier gar nicht mehr, dass irgendetwas echt ist. Denn wo besteht eigentlich noch der Unterschied zur Kunstfigur, wenn zwar ein Mensch aus Fleisch und Blut der Absender ist, er aber ohnehin durch zahlreiche Fotofilter aufgehübscht ist und von Agenturen beauftragt wird, zu sagen, was er eben sagt, und zu verkaufen, was es eben gerade zu verkaufen gibt. Liest man das alles mit Jean Baudrillard sind die Vtuber ein perfektes Simulakrum. Die Unterscheidung zwischen Vor- und Abbild, zwischen Realität und Virtualität ist nahezu unmöglich geworden.

Vielleicht hat das Ganze ja auch einen positiven Aspekt. Immerhin könnten damit echte Menschen von dem tatsächlich enorm anstrengenden Influencer-Dasein erlöst werden. Permanent gute Laune vorzutäuschen und immer für die Anliegen der Fans da zu sein zehrt an der Psyche. Nicht umsonst klagen immer mehr Social-Media-Stars schon mit Mitte 20 über Burnout-Erscheinungen und Depressionen.

Er glaube ganz fest daran, dass sich der Trend weltweit durchsetzen könne, sagt jedenfalls Takeshi Osaka, der Vtuber-Schöpfer. "Unser Ziel ist es, das Disney der nächsten Generation zu werden." Das hört sich fast wie eine Drohung an.