Netz-Depeschen:Ein Leck kommt selten allein

Immer mehr Seiten kopieren das Wikileaks-Prinzip und wollen es "denen da oben" schwer machen. Die Zahl der Händler auf dem Markt des Geheimnisverrats wächst.

Michael Moorstedt

Haitis Präsident René Préval glaubt an Vodoo. Muammar al-Gaddafi hat eine Schwäche für Flamenco. Und Daniyal Akhmetov, einst kasachischer Verteidigungsminister, entspannt gerne auf "sowjetische Art" - er trinkt bis zur Besinnungslosigkeit. Die von WikiLeaks veröffentlichten Botschaften des State Departement erlauben eine bisher unbekannte Einsicht in die Belange der Mächtigen. Mal sind sie offensichtlich und mal banal, so wie obige Beispiele.

wikileaks

Eine neue Welt tut sich auf: Die Lawine ist losgetreten, es scheint, als entstünden aus dem Wikileaks-Netzwerk dutzende weiterer Geheimnisverrats-Seiten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Problem bleibt: Wie soll man in diesem gigantischen Datenwust nach Informationen suchen? Das Finden relevanter Nachrichten gleicht einem Glücksspiel. Also schaltete das Atlantic Monthly Magazine einen Zufallsgenerator vor die Datenbank der gesammelten Depeschen. Mit jedem Klick auf den roten Knopf des Cablegateroulette, dem auch die obigen Informationen entstammen, wird eine neue Geschichte geladen. Klick, Haiti. Klick, Libyen. Klick, Kasachstan.

Andere Projekte setzen nicht auf den Zufall, sondern auf die Macht der Masse. Die von Anonymous initiierte Operation Leakspin ruft die WikiLeaks-Verteidiger dazu auf, in den Datensätzen nach bisher unbekannten Skandalen zu suchen und die Ergebnisse auf youtube zu laden. Beim Cablegame können die Leser Tags setzen, um so Ordnung in das Kabelchaos zu bringen. Leakysearch funktioniert dagegen wie eine Suchmaschine innerhalb der Depeschen.

Während die einen noch mit der Aufarbeitung der über 250000 Cablegate-Dokumente beschäftigt sind, arbeiten andere bereits an neuen Enthüllungsplattformen. WikiLeaks steht unter Druck. Es müssen Nachfolger her. Vielleicht liegt es auch daran, dass Julian Assange geherrscht haben soll wie ein absolutistischer König. So ist zumindest von Aussteigern um den ehemaligen Sprecher Daniel Domscheit-Berg zu hören. Man selbst will es nun besser machen. Das von ihnen gegründete Nachfolgerprojekt OpenLeaks wird in Kürze online gehen. Anders als bei WikiLeaks möchte man eingereichtes Material nicht selbst veröffentlichen. Stattdessen können die Whistleblower bestimmen, an welche Nachrichtenorganisationen oder Menschenrechtsgruppen die Informationen weitergeleitet werden.

Neben dem von den einstigen Assange-Mitarbeitern gegründeten Portal tauchten in letzter Zeit noch weitere Seiten auf, die es "denen da oben" via Geheimnisverrat mal so richtig zeigen wollen. Die meisten von ihnen setzen bei zukünftigen Enthüllungen einen thematischen oder regionalen Schwerpunkt.

Das indonesische Indoleaks hat bereits Dokumente aus der Zeit des Suharto-Regimes auf seine Website geladen. In Russland gründete der Journalist und Blogger Alexei Navalny rospil.info, das die neu gewonnene Lust an der Transparenz gegen die Korruption wenden will. BalkanLeaks wartet noch auf - einst geheime - Daten. Bis dahin beschränken sich die Macher auf die Durchsuchung der US-Dokumente nach Balkan-Referenzen. Tunileaks beschäftigt sich mit Nordafrika, die Gründer von Brusselsleaks möchten die Undurchsichtigkeit der EU-Politik offenlegen und den Lobbyisten bei ihren Hinterzimmer-Deals auf die Finger schauen. TradeLeaks schließlich zielt auf Handel und Wirtschaft.

Es müsse "tausende WikiLeaks geben", sagte Daniel Domscheit-Berg. Es scheint, als solle er recht behalten. Noch befinden sich viele der Spin-Off-Projekte in der Startphase. Das European Journalism Centre spricht bereits von einer "Leak-Mania". Der Guardian kommentierte trocken: Der Markt für Geheimnisverrat sei "langsam überfüllt".

© SZ vom 27.12.2010
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