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Netrebko als Turandot:In berückender Schönheit

TURANDOT: ANNA NETREBKO (TURANDOT)

Anna Netrebko ist völlig kontrolliert und singt auch völlig kontrolliert jeden Ton der chinesischen Prinzessin Turandot.

(Foto: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper)

Anna Netrebko singt in München erstmals die Titelrolle in Giacomo Puccinis letzte Oper "Turandot" auf einer Bühne.

"Turandot mordet die Prinzen und Turandot mordet die Soprane", soll Maria Callas gesagt haben. In der Tat: Die Titelfigur in Giacomo Puccinis letzter Oper aus dem Jahr 1926 lässt nicht nur reihenweise die Männer köpfen, die sich um ihre Gunst bewerben, ihre Härte gegen das andere Geschlecht schlägt sich bei Sängerinnen der Rolle gern auch in einer potenziell gefährlichen Verhärtung der Stimmbänder nieder. Wenn die Tochter des chinesischen Kaisers im zweiten Akt Klage erhebt über die Vergewaltigungen, die Männer an Frauen begehen, und danach dem Bewerber ihre nahezu unlösbaren Rätsel stellt, dann frisst sich die Stimme in der Höhe und im ohnehin heiklen Übergang geradezu fest. Dabei wird sie in ein Korsett aus Haltetönen und Tonrepetitionen gezwängt, das ihr wenig Raum für entspannende Bewegung lässt. Als berühmteste Turandot der Geschichte gilt die unzerstörbare Birgit Nilsson, viele andere Soprane haben die Rolle dagegen von jeher nur mit äußerster Kraft gestemmt. Gerade an kleineren Häusern gilt sie als Terrain für schwerstdramatische Sängerinnen, die das Beste in ihrer Karriere bereits hinter sich haben.

Dass sich nun Anna Netrebko, mit 48 Jahren auf dem Zenit ihrer Beliebtheit wie ihrer stimmlichen Fähigkeiten, an der Bayerischen Staatsoper in München der Rolle annimmt, scheint da erstaunlich - auch wenn die Ankündigung als weltweites Debüt ein gutes Stück Selbstvermarktung einschließt. Schließlich hat Netrebko nicht nur die Arie "In questa reggia" und damit das Kernstück der immerhin relativ kurzen Partie schon auf Platte vorgelegt, sondern auch den gesamten zweiten Akt schon szenisch in der jüngsten Silvestergala der New Yorker Met gesungen. Im ersten Akt aber schweigt Turandot ohnehin, und im dritten entfällt für sie in der Münchner Inszenierung aus dem Jahr 2011 auch noch das Schlussduett. Regisseur Carlus Padrissa hat bei seiner im poppigen Asia-Look daherkommenden Produktion das viel kritisierte Finale gestrichen, das Franco Alfano statt des verstorbenen Puccini komponierte. Sie endet mit dem Tod Liùs, die als Gegenbild zu Turandot nicht nur die Herzen der Männer, sondern auch das der eisumgürteten Prinzessin selbst erweicht.

Und doch bleibt es nach diesem Auftritt keine Frage mehr, dass Netrebko auch das Schlussduett demnächst noch problemlos bewältigen wird. Einige winzige Schärfen zu Beginn des Auftritts sind für kritischere Ohren zu dokumentieren, ein paar in der Intonation zu hoch genommene Töne. Aber der Rest ist ein Wohlklang, wie man ihn in dieser Partie fast nur und auch dort selten auf Platte zu hören bekommt, von den wenigen Sopranen, die sie wie Netrebko vom lyrischen oder sogar vom Koloraturfach her angegangen sind. Netrebko selbst hat vorab argumentiert, dass ein weniger schwer gewichteter Sopran die Partie eigentlich einfacher singen können müsse, weil ihm die Höhe von Haus aus leichter falle. Es zeugt von der Überlegtheit, mit der sie ihre Karriereschritte angeht. Den Spielraum als weltweit gefragteste Sopranistin nutzt sie schon lange, um sukzessive dramatischere Partien in ihr Repertoire aufzunehmen, während sie andere zurücklegt. So kontrolliert, wie sie das tut, so kontrolliert singt sie nun auch jeden Ton der chinesischen Prinzessin, formt mit gerundeter Durchschlagskraft auch die tiefen Stellen, die ebenso exponiert, vom Orchester fast unbegleitet, daherkommen wie die Höhen.

Netrebko legt so viel Hingabe in diese drei staunenden Silben "L`amore", dass man die Verletztheit und Verletzlichkeit hinter der Fassade der männermordenden Prinzessin spürt

Zu dieser Kontrolle gehört auch, dass Netrebko den Theatern ihre Bedingungen vorgeben kann und vorgibt. In der Rolle des Calaf darf deshalb auch diesmal der Tenor Yusif Eyvazov seinen Kopf riskieren, der privat als Netrebkos Ehemann schon längst ihre Gunst gefunden hat. Im Zuge des auch anderweitig umstrittenen Dresdner Semperopernballs (siehe SZ vom 27.1.) war dem Aserbaidschaner vorgeworfen worden, dass er sich aus nationalistischen Motiven geweigert habe, dort gemeinsam mit einer armenischen Sopranistin aufzutreten. Eyvazov hat das dementiert, inzwischen steht die Sängerin wieder auf der Besetzungsliste für den Ball. Wie auch immer sich diese undurchsichtige Angelegenheit verhält: Als Bühnenpartner kann es der über wenig echte Strahlkraft verfügende Eyvazov kaum mit Netrebko aufnehmen, auch wenn er die Partie des prinzlichen Bewerbers solide bewältigt. Aber seine Gestaltung bleibt allzu stereotyp, flüchtet sich nicht nur im berühmten "Nessun dorma" in die große Geste, der er gern mit verlangsamten Tempi Geltung verschafft. Dirigent Giacomo Sagripanti macht es klaglos mit, obwohl er ansonsten geradezu zu stur auf schnelle Tempi drängt, die das Bayerische Staatsorchester und den Staatsopernchor gelegentlich aus der Bahn tragen. Wie überhaupt der Rest der Besetzung - den wohlgerundeten Prachtbass von Alexander Tsymbalyuk als Timur ausgenommen - neben Netrebko nicht wirklich zu glänzen vermag. In der Rolle der Liù kommt mit Selene Zanetti ein junges Ensemblemitglied der Staatsoper zum Einsatz, deren Gestaltung unter solchem Öffentlichkeitsdruck verständlicherweise noch allzu brav bleibt.

Für Netrebko könnte es denn auch noch einmal spannend werden, wenn sie hier einer ebenfalls wirklich starken Sopranistin begegnet. Schließlich könnte sie nicht nur selbst an der Seite einer hochdramatischen Turandot potenziell noch immer die Rolle der weicheren Gegenspielerin übernehmen, beide sind auch Spiegelfiguren zueinander. Anklingen lässt Netrebko das bereits jetzt. Wenn sie im zweiten Akt ihren Vater anfleht, sie nicht zur "schiava", zur Sklavin der Männer, werden zu lassen, dann spinnt sie daraus inmitten all der Forte-Passagen eine Pianolinie von berückender Schönheit. "L'amore?", nach der Liebe fragt Turandot kurz vor dem hier nicht stattfindenden Ende Liù, und Netrebko legt so viel Hingabe in diese drei staunenden Silben, dass man die Verletztheit und Verletzlichkeit hinter der Fassade der männermordenden Prinzessin spürt. Gut möglich, dass Netrebko mit zunehmender Sicherheit die Kontrolle noch zurücknehmen wird zugunsten solcher Momente. Spätestens dann würde sie endgültig zu den ganz wenigen herausragenden Sängerinnen gehören, die diese heikle Rolle wirklich ausgefüllt haben.

© SZ vom 30.01.2020
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