bedeckt München 13°

Nadeschda Mandelstam:Der Tod des Künstlers ist sein letzter schöpferischer Akt

Cover für das Literatur Spezial

Nadeschda Mandelstam: Erinnerungen an das Jahrhundert der Wölfe. Aus dem Russischen und mit Anmerkungen von Ursula Keller. Die Andere Bibliothek, Berlin 2020. 785 Seiten, 44 Euro.

Nadeschda Mandelstams "Erinnerungen an das Jahrhundert der Wölfe", die erstmals 1970 erschienen, wurden nun neu übersetzt.

Von Helmut Böttiger

Als die Erinnerungen von Nadeschda Mandelstam zum ersten Mal 1970 in den USA erschienen, erregten sie großes Aufsehen. Die Witwe des Dichters Ossip Mandelstam, der Ende 1938 in einem sibirischen Straflager umgebracht worden war, berichtete authentisch aus dem Innenleben der Sowjetunion. Als schockierend wurde vor allem wahrgenommen, dass sie auch die frühe Aufbruchszeit unter Lenin als verheerend beschrieb - damals galt das als ein avantgardistisches Experimentierfeld sozialistischer Vorstellungen, mit zunächst noch offenem Ende.

Ossip Mandelstam feierte Europa als seine große Utopie, den Akmeismus definierte er als "Sehnsucht nach der Weltkultur"

Ossip Mandelstam hatte sich mit seinen Gedichtbänden "Der Stein" (1913) und "Tristia" (1922) einen großen Ruf erworben. Er wandte sich im Kreis der "Akmeisten" (nach dem griechischen "akme" für "Blüte") gegen den Mystizismus der russischen Symbolisten und widmete sich klanglich-sinnlich den konkreten Erscheinungsformen der Welt. Nach der Revolution zeigte sich die Kehrseite der enormen Bedeutung, die die Literatur für die russische Gesellschaft hatte: auch, wenn man sich zu entziehen versuchte, befand man sich zwangsläufig in politischen Zusammenhängen. Nikolaj Gumiljow, der Theoretiker der Akmeisten, wurde 1921 ermordet. Mandelstam sah sich immer wieder Denunziationen ausgesetzt und konnte kaum veröffentlichen - seine Gegnerschaft zu den früheren Futuristen und jetzigen Agitpropliteraten war unübersehbar. Nadeschda Mandelstam erlebte die Zerreißproben, Existenznöte und poetischen Fluchtpunkte der nächsten beiden Jahrzehnte hautnah mit.

Der Ton dieses Buches ist ein ganz besonderer. Es geht nicht um Privates, und die Autorin erzählt auch nicht exakt dem chronologischen Ablauf entlang. Der Text besteht aus Erinnerungsblöcken und kurzen Szenen, Personencharakteristiken sowie politischen und poetischen Reflexionen. Besonders der Anfang hat einen fast mündlichen Charakter, und dabei fallen etliche Vornamen, die man erst mühsam zuordnen muss. Im Laufe des Buches gibt es auch einige Wiederholungen und Neuansätze - der Schreibprozess muss sprunghaft verlaufen sein und durchaus emotional.

Die Neuausgabe von Ursula Keller in der "Anderen Bibliothek" besticht vor allem durch die ausführlichen Anmerkungen, hier werden die oft erratisch wirkenden Anspielungen bis ins Detail erklärt. Der Ton ihrer Übersetzung ist allerdings sperriger als der derjenige von Elisabeth Mahler in der ersten deutschen Ausgabe von 1971, manchmal wirkt er auch ungelenker. Vermutlich liegen die Gründe dafür in dem Bestreben, näher am russischen Original zu sein und die Atmosphäre dieses aufregenden zeitgeschichtlichen Dokuments genauer einzufangen.

Die Welt, die hier vor Augen geführt wird, entzieht sich in ihren Gefühlsfarben weitgehend der zeitgenössischen Wahrnehmung. Man braucht eine eigene Übersetzungsarbeit, um die Sprache und die Erlebnisse Nadeschda Mandelstams in ihren existenziellen Dimensionen nachvollziehen zu können. In den ersten Kapiteln geht es um die Verfolgungen und Verhöre Ossip Mandelstams, um das Ausgeliefertsein einer undurchdringlichen Macht gegenüber - und dazu gehören auch demütigende Bittgänge oder der Versuch, Bürokraten einzuschalten, die womöglich Einfluss nehmen könnten. Es sind horrende Szenen einer Diktatur, und Nadeschda Mandelstam beschreibt sie nicht in erster Linie moralisch empört und mit anklagender Wut, sondern als eine absurde, groteske, unfassbare Welt, die sich rationalen Erwägungen vollkommen entzieht. Auf diese Weise rücken die Mentalität der Sowjetbürger, die viel zitierte "russische Seele" und eine charakteristische Mischung aus Fatalismus und Erregung unmittelbar nah.

Erst allmählich entsteht ein Bild der Person Ossip Mandelstams, es wird wie aus Mosaiksteinen zusammengesetzt. Sein dichterischer Kosmos entstammt versunkenen Traditionen, und sein Verständnis der Poesie hat etwas eigentümlich Zeitloses: ein jüdisch-christlicher Hallraum, den seine Frau an einem konkreten Beispiel evoziert. In einem Vortrag über den Komponisten Alexander Skrjabin entwickelte er die These, dass der Tod eines Künstlers nicht sein Ende, sondern ein letzter schöpferischer Akt sei. Dieses "wahrhaftige Credo" des Dichters erklärt vermutlich auch seine Unbeirrbarkeit aller staatlichen Unterdrückung gegenüber. Sehr anschaulich schildert sie, wie Mandelstams Gedichte entstanden: nicht etwa an einem Schreibtisch und durch das Schreiben, sondern im Gehen, im rhythmischen Tasten, die "Lippen" seien das wichtigste "Handwerkszeug" des Dichters gewesen.

Mandelstam wie auch seine Frau konnten die Gedichte auswendig, und das wurde für ihre Überlieferung äußerst bedeutsam. Handschriftliche Manuskripte waren kostbar und mühsam zu vervielfältigen. Interessant ist dabei der Gegensatz zu dem ähnlich bedeutsamen Dichter Boris Pasternak, für den sein Schreibtisch der Lebensmittelpunkt war. Und Pasternak befürwortete staatliche Strukturen letztlich durchaus als Schutzwall gegen das "Volk" - für Mandelstam und seine Frau lag die Wurzel allen Übels dagegen im "halbgebildeten Milieu" der akademischen und kulturellen Kreise.

Mandelstam war erst 30, als er verstärkt unter Beschuss geriet und als Vertreter alten Denkens angeprangert wurde. Die junge Generation, die in den frühen Jahren der Sowjetunion tonangebend wurde, interessierte sich nicht für die Vergangenheit und blickte emphatisch in die Zukunft, sie pries neue technische Möglichkeiten und entwarf ein eng begrenztes, fanatisches Bild der Gegenwart.

Eine der Erklärungen Nadeschda Mandelstams für diese Entwicklung frappiert besonders: man sei "von Westeuropa abgeschnitten" gewesen. Und Ossip Mandelstam selbst feierte "Europa" als seine große Utopie, den Akmeismus definierte er einmal als "Sehnsucht nach Weltkultur". Es sind nicht nur die Beschreibungen eines totalitären Systems, die von diesem Buch haften bleiben. Es ist auch dieses Bild von Europa.

© SZ vom 13.10.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite