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Nachwuchspreis:Von Lebenden und Toten

"Kann man dem Tod die kalte Schulter zeigen?", lautete die Frage beim Wettbewerb Wortmeldungen in Frankfurt.

Wortmeldungen lautet der Name eines neuen, hoch dotierten Literaturpreises, der es sich zur Aufgabe macht, kritische Kurztexte auszuzeichnen, die sich mit literarischen Mitteln an gesellschaftspolitisch brisanten Fragestellungen abarbeiten. Das Thema für den Nachwuchspreis wird vom Vorjahressieger des Wettbewerbs für etablierte Autoren vorgegeben. Sonstige Querverbindungen zwischen den beiden Säulen des Preises gibt es bisher keine, auch wenn sich dies laut der Frankfurter Crespo Foundation, die bis zuletzt auch den renommierten Nachwuchsliteraturpreis Open Mike gefördert hat, in Zukunft ändern soll.

"Im Schreiben tauschen Tote und Lebende höflich die Plätze. Oder: Kann man dem Tod die kalte Schulter zeigen?", fragte der Vorjahresgewinner Thomas Stangl Nachwuchsautoren im Alter bis zu dreißig Jahren. Über dreihundert antworteten auf diese sehr österreichisch anmutende Eingabe des Wiener Autors, zehn davon wurden von einer prominent besetzten Jury auf eine Shortlist nominiert. Ausgezeichnet wurden am Ende Katherina Braschel, Luca Manuel Kieser und Jana Krüger - mit einem beachtlichen Preisgeld von je 5000 Euro.

Zu hören waren Auszüge aus allen zehn Shortlist-Texten am Wochenende in einer langen, aber kurzweiligen Lesenacht im frankfurtersalon, souverän moderiert von Florian Werner, verstärkt durch todesthematisch gestimmte Musikeinlagen, flott vorgetragen von Schauspielstudierenden der Frankfurter Kunsthochschule (Höhepunkt hier: die chorische Downbeat-Version von Money Boys postironischer Schickeria-Schmonzette "Monte Carlo").

"Von seinem Tod schreiben, heißt von jedermann schreiben", schreibt die US-amerikanische Dichterin Anne Boyer in ihrem neuen Buch "The Undying", das mit der Gattungsbezeichnung Brustkrebs-Memoir nur sehr unvollständig beschrieben ist und von dem hoffentlich bald eine deutsche Übersetzung erscheint. Eine leise Ahnung, dass der Tod nicht alle gleichmacht, sondern in seiner Gegenwart sozioökonomische Bruchlinien umso brutaler hervortreten, weht auch durch die Textwelten dieses Abends, die von Trauma, Trauer und Erinnerung handeln, von auströpfelnden Liebschaften, Sex und Anarchismus.

Katherina Braschel übersetzt in ihrem Gewinnertext Beziehungsknatsch in Hautabrieb und Zellaustausch, sie verschaltet Alltagserinnerungen mit medizinischem Jargon und biologisch zugerichteten Körperdiskursen. Der zweite Gewinner, Luca Manuel Kieser, erzählt im Zeitraffer den turbulenten Lebenslauf von "Einer, die aus Namen ein Geheimnis macht". Ihre namenlose Existenz trinkt sie nach dem "Überleben einer tödlichen Operation" in einem Wiener Beisl im fünfzehnten Bezirk würdevoll zu Ende.

Doch auch, wenn im Laufe des Abends immer wieder die Vielfalt und ästhetische Qualität der Beiträge gelobt wird, bleiben die Texte allzu oft auf dem Niveau kraftloser Bachmannpreisprosa hängen oder scheitern an einem inkonsequent ausgeführten literarischen Versuchsaufbau. Braschel und Kieser liefern dabei gewissermaßen die Blaupausen für die beiden Formatvorlagen, derer sich Literaturwettbewerbstexte auch andernorts gern bedienen: der Erst-tue-ich-dies-dann-tue-ich-das-Text einerseits und die hastig zusammengestückten Szenen aus dem Leben vor- oder nachnamenloser Mittelklassehelden andererseits.

Politische Relevanz gewinnt Literatur, indem sie eine Haltung zu ihrem Gegenstand findet

Zwar sind das oft Texte mit dem unbedingten Willen, eine Geschichte zu erzählen, eine Erfahrung zu vermitteln, eine Atmosphäre heraufzubeschwören. Sie enthalten denn auch gelungene Sätze, interessante Gedanken oder charmante Verfremdungen. Aber insgesamt fehlt ihnen das Entscheidende, das Vertrauen in die Literatur als Kunstform, deren Hoffnung auf gesellschaftspolitische Relevanz allein darin beruhen kann, eine Haltung zu ihrem Gegenstand zu entwickeln.

Das gelingt einzig dem dritten Gewinnertext "weiterweg" von Jana Krüger, der den Abend beschließt. Anhand der Erfahrungen einer NGO-Mitarbeiterin in Malta stemmt sich ihr Text gegen die "mediale und politische Hilflosigkeit" im Umgang mit dem Sterben im Mittelmeer, wie es in den Worten des Laudators Thomas Stangl heißt. Auf die Flut der flackernden Kamerabilder samt ihren Lücken und Rändern - dem, "was sie cutten" - antwortet Krüger mit einer Gegenmontage, in der sie präzise Beschreibungen der Inselatmosphäre mit zwischenmenschlichem Unvermögen, dystopischen Sprachbildern und philosophischen Versatzstücken zu einem schroffen Ganzen verwebt. Ihr Text beginnt immer wieder neu und treibt doch unaufhaltsam nach vorne, bis es am Ende zum kurzen, aber folgenlosen Kontakt kommt mit denen, "die nicht wissen wohin, wenn es keinen Ort fürs Leben gibt".

Die vom Preis geforderte gesellschaftspolitische Brisanz erreicht Krügers Text also gerade nicht, indem er eine anrührende Geschichte erzählt oder einen stilistischen Einfall durchexerziert, sondern indem er einen Raum schafft, in den "die Toten hereinbrechen". Sie tun dies aber nicht, um mit den Lebenden die Plätze zu tauschen, sondern ermahnen sie gar nicht höflich, ihre Ignoranz aufzugeben, um für eine Neuverhandlung der Machtverhältnisse im Mittelmeer einzutreten.

© SZ vom 26.11.2019
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