Nachwuchspreis Münchhausens der Vorstädte

Glänzende Gedichte: Der Open Mike in Berlin gilt als wichtigster literarischer Nachwuchspreis in Deutschland. Meist dominiert dort die Prosa. In diesem Jahr aber gingen drei der vier Preise an Lyriker.

Von Samir Sellami

Das Format des mit insgesamt 7500 Euro dotierten Open Mike, der am Wochenende zum 26. Mal in Berlin stattgefunden hat, ist denkbar einfach. Zwanzig Autoren unter 35 Jahren, die noch kein Buch veröffentlicht haben, präsentieren einem wohlgesinnten Publikum im schimmernden Dunst des Neuköllner "Heimathafens" ihre literarischen Texte, und am Schluss verkündet eine prominent besetzte Jury die drei Gewinner. Lucy Fricke, Katja Lange-Müller und Steffen Popp vergeben am Sonntagnachmittag in einer nachvollziehbaren Entscheidung den Preis gleichmäßig verteilt an Yade Yasemin Önder (Prosa), Lara Rüter und Kyrill Constantinides Tank (beide Lyrik). Der Preis der "LeserInnen-Jury" der taz ging an Caren Jeß für ihre "Ballade von Schloss Blutenburg".

Kritische Stimmen unterstellen dem Wettbewerb, den die Veranstalter als Türöffner in den Literaturbetrieb anpreisen, ein allzu großes Einvernehmen mit den Kriterien des Marktes. Seine Befürworter suchen vor allem nach zwei Dingen: den Literaturstars von morgen und Einblicken in Trends, wiederkehrende Themen und auffällige Schreibweisen der literarischen Nachwuchsgeneration. Letztere gewinnt man vielleicht am besten mit den Mitteln der automatischen Literaturkritik, die einst von Kathrin Passig und Wolfgang Herrndorf erfunden wurde.

Eine kurze Schnellsuche ergibt, dass in den Texten der Finalisten in diesem Jahr erstaunlich oft geblutet wurde, nämlich sage und schreibe 26 Mal, wobei die elfmalige Nennung von "Schloss Blutenburg" hier schon herausgerechnet ist. Echte und metaphorische Spiegel tauchten insgesamt 18 Mal auf, davon fünfmal im Auto (viermal innen, einmal außen), fünfmal als Lichtbrechungseffekt und einmal als bekannte Wochenzeitschrift.

Schlecht gebackene Fritten wurden ganze sieben Mal verkostet, Bier allerdings nur fünf Mal getrunken, was auf eine gewisse Nüchternheit der Texte verweist. Sechzehn Mal geschieht irgendwas "irgendwie" und immerhin drei Mal wollen die Protagonisten endlich "mal rauskommen". Meistens jedoch gelang das weder den Figuren noch den Texten.

Die bedrückende Enge, der man nicht entkommt, der Mief, die Trostlosigkeit - das könnte ein gewisser Trend sein, auf den dieser Jahrgang verweist und der der deutschen Gegenwartsliteratur an sich nicht schlecht bekäme: weg von den psychologischen Abgründen der bürgerlichen Wohlstandsexistenz, hin zu den prekären Überlebensverhältnissen. Einige Texte immerhin fanden einen gewissen Ausweg aus dem ewig gleichen Realismus, indem sie vom Milieu der Mittellosen erzählten. Besonders gut gelang das Felix Krakau in seiner Wortgaukelei "Wimbledon", in der die erste Tennisgang der Welt die asphaltierte Tristesse ihrer Sozialbausiedlung mit grünem Rasen überzieht, um eine eigene Version des großen Turniers auszurichten. Man ist zunächst geneigt, diesen lässig wegerzählten Text über die "Pinocchios der Platte" und "Münchhausens der Vorstädte" aufgrund seines fortwährenden Kalauerns ein wenig zu unterschätzen. Aber er meistert die heikle Aufgabe, der Mittellosigkeit ihren leuchtenden Gnadenmoment zu verleihen, anstatt sie im Sinne einer gutmeinenden Sozialkritik noch einmal auszubeuten.

Einen noch größeren Formwillen bezeugte Yade Yasemin Önder. In ihren "bulimieminiaturen" erzählt sie kunstvoll, witzig und berührend vom todkranken Opa mit dem Loch im Hals, von "spätzündermüttern" und übernatürlich übergewichtigen Vätern, mit denen man fast nichts machen kann, "was mit einer schwerkraft zu tun hatte". Sie tut dies in einer akrobatischen Sprache, die sich permanent in sich selbst verwickelt und dennoch immer weiter rhythmisch nach vorne treibt. Und der türkisch-kurdische Background, der ab und an blitzartig durchschimmert, ist keine Kulisse, sondern wird selbst zum Akteur einer gekonnten Kreolisierung von Sprache und Form.

Traditionell ist gerade bei Wettbewerben Lyrik die riskantere Gattung mit der größeren Fallhöhe. Aber während die Prosa in diesem Jahr eher durchwachsen bleibt, gab es erstaunlich gute und vor allem gut vorgetragene Gedichte zu hören. Caren Jeß wartet in ihrer "Ballade vom Schloss Blutenburg", einer gewagten Aktualisierung der Liedform, auf Gespenster, die nicht kommen mögen. Kyrill Constantinides Tank gräbt Stichwortflaggen und Hindernisdesigner aus dem Steinbruch der Sprache. Und Lara Rüter vollzieht das Gedicht, gemäß der Forderung des großen deutschen Lyrikers Thomas Kling, als wahrnehmungsgeometrische "schädelmagie", die zuweilen ein wenig verkopft ist, aber immerhin einige schöne Momente "derbes voodoo" bereithält.

Neben den Lesungen ging es am Rande des Wettbewerbs auch um die Zukunft des Open Mike. Es wären ihm noch mehr eigensinnige und erfahrungsgesättigte Texte zu wünschen. Ob die durch eine Objektivierung des hochsubjektiven Vor-Auswahlverfahrens mehr Chancen hätten, ist schwer zu sagen. Unterm Strich bleibt der Preis vermutlich ein recht getreues Abbild der deutschen Gegenwartsliteratur: nicht besser, aber auch nicht unbedingt schlechter als sie.