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Nachruf:Zweifrontenkrieg

Ulrich Schacht (Schriftsteller und Journalist) ; Ulrich Schacht, 1997

Aus der DDR freigekauft, aus der Bundesrepublik ausgewandert: der Autor und Journalist Ulrich Schacht.

(Foto: Brigitte Friedrich)

Der Schriftsteller und Journalist Ulrich Schacht ist 1976 aus der DDR freigekauft worden und 1998 aus Deutschland ausgewandert. Nun ist er in seinem schwedischen Exil mit 67 Jahren gestorben.

In seinem Buch "Plato denkt ein Gedicht" (2015) finden sich die Zeilen: "Woher wir kommen bleibt unerschlossen: / Die Daten sind reine Zahl auf Papier. / Am Anfang des Lebens wird Blut vergosssen; / Am Ende erschrickt ein verwundetes Tier." Ulrich Schacht wurde im Frühjahr 1951 geboren, im Frauengefängnis Hoheneck in der DDR. Dort, in Stollberg im Erzgebirge, saß seine Mutter ein, vom sowjetischen Geheimdienst der "Verleitung zum Landeshochverrat und zur Spionage" beschuldigt. Seiner Herkunft hat Schacht in dem dokumentarischen Roman "Vereister Sommer" (2011) nachgespürt. Lange Jahre hatte er nach seinem Vater, dem sowjetischen Offizier Wladimir, recherchiert.

Aufgewachsen ist er in Wismar und studierte dann Theologie in Rostock und Erfurt, als DDR-Bürger, der mit seinem Staat im Zwist lag. 1973 wurde er wegen "staatsfeindlicher Hetze" angeklagt und inhaftiert, 1976 von der Bundesrepublik freigekauft. Er reiste nach Hamburg aus, studierte dort weiter, unter anderem Philosophie, arbeitete als Journalist für das Feuilleton der Welt und der Welt am Sonntag. Kurz vor dem Fall der Mauer erschien sein Erzählungsband "Brandenburgische Konzerte", er war fortan Autor und Journalist und führte zudem einen fortwährenden Zweifrontenkrieg. Zum einen gegen die DDR, auch nach ihrem Untergang. Immer wieder tauchten in seinen Büchern die Inhaftierten, Verhörten, Freigekauften auf, zuletzt im Roman "Notre Dame" (2017). Zum anderen gegen "das sich als 'linksliberal' verstehende Milieu der alten Bundesrepublik". 1994 gab er mit Heimo Schwilk den Band "Die selbstbewusste Nation" heraus, in seinen Essays und Notizen verschärfte er den Ton gegenüber der "innerlich und äußerlich verwahrlosten Gestalt des gegenwärtigen deutschen Nationalstaats" mehr und mehr. Als junger Mann in Rostock war er der Welt Joachim Gaucks begegnet, sein Zweifrontenkrieg erfasste nach der Wende auch die evangelische Kirche. Gegen deren "Weltverfallenheit" flüchtete er vor einigen Jahren als "Bruder Wismar" in die Evangelische Bruderschaft St. Georgs-Orden.

Im Jahr 1998 war er nach Schweden ausgewandert, der Leidenschaft für den Norden und seine Inseln verdankten seine Landschaftsporträts und Erzählungen, darunter die Novelle "Grimsey" (2015), ihre besten Seiten. In seinem Haus in Förslöv an der schwedischen Westküste ist Ulrich Schacht am Sonntag im Alter von 67 Jahren gestorben.

© SZ vom 19.09.2018

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