Nachruf Zum Tod von Paul Wühr

Paul Wühr wurde am 10. Juli 1927 als Sohn eines Bäckers in München geboren. Seit 1986 lebte er in ländlicher Abgeschiedenheit bei Passignano in Umbrien.

(Foto: Isolde Ohlbaum)

Radikaler als er hat kaum ein anderer Dichter die Sprache erkundet. Nun ist Paul Wühr im Alter von 89 Jahren gestorben.

Von Gottfried Knapp

Die Möglichkeiten, mit Poesie ins Ungesicherte vorzustoßen, also die Welt der sprachlichen Gewissheiten zu verlassen, dürfte kaum ein Dichter radikaler und produktiver genutzt haben als Paul Wühr. Seine Gedichte, seine Prosaschriften und Hörspiele sind sperrig, sie bewerfen den Leser oder Hörer mit Wortfetzen und Halbsätzen, die irritierend ineinandergreifen, durch keine Satzzeichen gestoppt, aber oft durch Zeilenenden schroff gekappt werden. Diese in den Raum gestellten Wort-, Satz- und Sinnkonglomerate verdichten sich nie zu einer Botschaft, die man getrost nach Hause tragen kann. Dafür aber provozieren sie eine Fülle heterogener Gedanken, Assoziationen und Bilder im Gegenüber. Ja, wer sich ihrem Rhythmus hingibt, kann Wörter wie Musik empfinden und Texte wie Klang-Kompositionen erleben.

Paul Wühr selber hat in seinen Lesungen vorgeführt, wie man sich von dem Wörterschwall in seinen Büchern davontragen lassen kann. Wenn er in fast singendem Ton über die klaffenden Sinnlücken in seinen Texten hinwegschwebte, verspürte man eine bezwingende Kraft, etwas Unbestimmt-Besonderes, das weder von vernunftgesättigten Wortkombinationen noch von symphonisch komponierten Musikstücken vermittelt werden kann.

Paul Wühr hat sich schon in seiner Jugend literarisch betätigt und dann während seiner Zeit als Volksschullehrer mit O-Ton-Hörspielen Aufsehen erregt. Im Jahr 1971 ist ihm der Hörspielpreis der Kriegsblinden verliehen worden, dem in den Jahrzehnten danach noch viele prominente Literaturpreise folgen sollten. Das Collage-Prinzip, das er in diesen Hörspielen anwandte, also das Ineinanderflechten von Alltagsfloskeln, Dialektbrocken und Bruchstücken aus der hohen Literatur, sollte auch für seine lyrischen Arbeiten und die auf sie reagierenden pseudotheoretisch-poetischen Texte bestimmend werden. Mit Prosaarbeiten wie "Gegenmünchen" (1970), diesem anarchisch zerhauten Spiegelbild der Weltstadt mit Herz, mit Beschwörungen einer Schönheit, die jenseits der Wahrheit existiert, wie in "Das falsche Buch" (1983) und "Der faule Strick" (1987) und mit Gedichtbänden wie "Grüß Gott ihr Mütter, ihr Väter, ihr Töchter, ihr Söhne" (1979) und "Dame Gott" (2007) hat Wühr seine Kritiker zu höchstem Lob animiert. Und als er noch in München gelebt und in der von ihm und seiner Frau Inge Poppe mitgegründeten Autorenbuchhandlung regelmäßig gelesen hat, hat sich ein verschworener Freundeskreis um ihn geschart. Nun kommt aus Italien die Nachricht, dass Paul Wühr in seinem Haus oberhalb des Trasimener Sees, in dem er seine letzten Werke geschrieben hat, am Dienstag gestorben ist.