bedeckt München 22°

Nachruf:Wildwuchs-Apostel

documenta Eisenbahngleise

Auf der documenta 1997 in Kassel bepflanzte der österreichische Künstler Lois Weinberger ein Gleisbett .

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Für Lois Weinberger stand Unkraut als Metapher für alles unerwünschte. Dementsprechend stark setzte er sich dafür ein. Nun ist der Künstler gestorben.

Unkraut vergeht nicht, heißt es. Doch wenn Lois Weinberger eines in seiner konsequenten Pflanzkunst immer wieder erklären musste, dann dass unerwünschtes Grün des dringenden Schutzes von einem wie ihm bedarf. Für den Tiroler Apostel des Unkrauts ist es der botanische Widerstand gegen die große Zivilisationskrankheit der Moderne, alles ordentlich, rein und übersichtlich zu halten, und dafür alles auszurotten, was nicht ins Schema passt. Unkraut ist neben dem Schädling nicht nur der Endgegner des Gärtners. In Lois Weinbergers Verständnis von Zivilisation stand die sogenannten Begleitvegetation immer als Metapher für alles Unerwünschte, vom Querkopf bis zum Flüchtling. Dafür und damit hat Lois Weinberger Kunst gemacht. Für das Recht auf Unkrautsein.

Der 1947 in Stams im Inntal geborene Bauernsohn hat nach dem Mauerfall das Gestrüpp im Berliner Todesstreifen begossen wie einen wertvollen Rosengarten, er setzte in die Giardini bei der Biennale 2009 in Venedig einen Komposthaufen oder schuf der Spontanvegetation Raum in der Stadt mit Strukturen, für die er niemals einen Designpreis bei einer Gartenbauausstellung gewonnen hätte. Aber einer großen Öffentlichkeit bekannt und beliebt wurde Weinberger mit seinem Gleisbettgarten bei der Documenta 1997.

Im ehemaligen Güterbahnhof von Kassel ließ er auf 100 Metern emigrierte Pflanzen aus Süd- und Osteuropa heimisch werden, die dort bis heute gedeihen, obwohl fremde Botanik sonst als "invasiv" behandelt wird, so als sei sie ein tödliches Virus für die heimischen Arten. Dabei gibt es ebenso wie in der Bevölkerung kaum noch reinrassige Heimatgewächse in der Natur, wie Weinberger immer betont hat. Die Parallele, die er damals zwischen Samen- und Menschenmigration zog, gab dem Kunstwerk unter anderem durch die Flüchtlingskrise eine prophetische Note.

Weinberger hat für seine Kunst nur sehr selten etwas hergestellt. "Mit dem Machen an sich habe ich immer ein Problem gehabt. Es steht ja ohnehin schon so viel Gemachtes herum. Für mich ist es viel interessanter, etwas Gesehenes zu reflektieren, zu beobachten, wie es sich weiterentwickelt", sagte er. So hat er bei der jünsgten Documenta in dem anständigen Park der Karlsauen eine lange Schneise vom englischen Rasen befreit, um ein Flüchtlingslager für Unkraut zwischen den Spazierwegen zu zeigen (das dann die Kassler allerdings mit Blumen bepflanzten). Und in Athen zeigte er in einer eindrücklichen Vitrinenausstellung das Zeugs, das bei der Sanierung des elterlichen Bauernhofs unter den Dielen hervorkam, also das biografische Unkraut einer Familiengeschichte.

Nun ist das Unkraut leider doch vergangen. Lois Weinberger starb am Dienstag in Wien im Alter von 72 Jahren. Was wohl auf seinem Grab wachsen darf?

© SZ vom 23.04.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite