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Nachruf:Text und Welt

Gérard Genette (1930-2018).

(Foto: Getty Images)

Der Literaturwissenschaftler Gérard Genette ist tot. Mit Büchern wie "Paratext" hat er seine Disziplin aufgewirbelt.

Gegenüber Roland Barthes, Julia Kristeva und den sonstigen Neubekehrten zum literarischen Strukturalismus war Gérard Genette der Standfeste in der Bewegung. Das bedeutete: solide Textanalyse statt virtuoser Deutungskapriolen. Die Erforschung der strukturellen Zusammenhänge von Zeichen, Texten und Kontexten in Literatur und Kunst über die jeweiligen Werkgrenzen hinaus stand im Mittelpunkt seiner Arbeit. Die Ergebnisse dieses wissenschaftlichen Work in Progress flossen nicht in abgeschlossene Publikationen, sondern in die von 1966 an erscheinenden Bände "Figures" ein. Deren fünfter und letzter kam im Jahr 2002 heraus.

Wie der Semiologe Algirdas Julien Greimas oder der Linguist Roman Jakobson wurde Gérard Genette von den Strukturalisten als Garant einer kontinuierlichen wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit gefeiert, blieb der Bewegung aber stets seltsam fern. Seine Seminare an der École des Hautes Études en Sciences Sociales, in denen von Aristoteles bis Zola alles auf intertextuelle Spurenelemente feingesiebt wurde, scharten sich nie die Studentenmassen, sondern saßen die Kenner und Liebhaber der genauen Lektüre.

Dabei mochte es manchmal terminologisch etwas hölzern hergehen. Genette liebte das präzise Wort und scheute auch vor einem gewissen Jargon nicht zurück. "Architext" heißt eine seiner Wortschöpfungen für eine Art Text hinter dem Text, der unter den Strukturen des unmittelbar Lesbaren durchschimmert. Einer seiner Zentralbegriffe war aber der "Palimpsest", im Jahr 1982 auch Titel eines seiner wichtigen Bücher. Der Autor untersuchte darin die Mechanismen der ständigen Überschreibung in der Literatur durch einen fortlaufend sich verändernden Hypertext - ein Phänomen, das in jenen Jahren noch etwas aufregender wirkte als bei unseren paar Mausklicks heute auf dem Computer. In dem Buch "Paratext" (1987) entwickelte er dann mit großem Erfolg sein Modell zur Erfassung der unmittelbar mit einem Text verbundenen Rahmungen wie Motto, Widmung etc.

Dank seiner systematischen Erforschung der literarischen und künstlerischen Darstellungsformen gelangte Genette früh zur modernen Narratologie. Der in Paris lebende Exil-Bulgare Tzvetan Todorov hatte diesem neuen Forschungsgebiet seinen Namen gegeben. Und an immer neuen Textbeispielen dröselte Genette die Mechanismen auf, nach denen das Erzählen funktioniert. Zusammen mit Todorov und der Schriftstellerin Hélène Cixous gab er von 1970 an in Paris auch die Zeitschrift Poétique heraus. Diese Textlastigkeit machte aus dem 1930 in Paris geborenen Arbeitersohn jedoch keine weltabgewandte Erscheinung im Elfenbeinturm des Zeichenlesens. Schon während des Durchlaufens der Pariser Eliteschulen schloss er sich gleich nach dem Krieg der Kommunistischen Partei an, aus der er 1956 nach dem sowjetischen Einmarsch in Ungarn wieder austrat. Vorübergehend stand er dann der antistalinistischen Gruppe "Socialisme ou Barbarie" von Cornelius Castoriadis und Claude Lefort nahe. Im Unterschied zu anderen Kollegen seines Fachs fand das politische Engagement jedoch bei Genette keinen direkten Niederschlag in der wissenschaftlichen Forschungsarbeit.

Sein ursprünglicher Ernst bei der Sache ließ in den späteren Jahren zusehends auch seinen trockenen Humor und seine Lust am Spiel mit den Worten zum Vorschein kommen. Das Buch "Bardadrac" aus dem Jahr 2006 bietet eine vergnügliche Sammlung hintergründiger Wortschimären wie etwa das Wort "Anarchivist". Auch Marcel Prousts Romanzyklus, zu dem er 1972 in "Figures III" noch eine hieb- und stichfeste Analyse vorgelegt hatte, kehrt dort wieder in Gestalt einer "Proustituierten" auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Gérard Genette fühlte sich anders als manchmal Roland Barthes nie als Literaturkritiker, der seine Zeit mit dem strukturalistischen Zerpflücken der Literatur vertan hätte. Seine letzten Bücher mit den kurzen Titeln "Apostille", "Epilog", "Postskript" waren wie heitere Abschiedsgesten an eine vergangene Epoche der Literaturtheorie. Im Alter von 87 Jahren ist er am vergangenen Freitag gestorben.

© SZ vom 15.05.2018
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