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Nachruf:Schaut mich nicht an, ich bin kaum ein Wort

Literatur war für Butor ein dauerndes Weiterspinnen von Fragmenten.

(Foto: AFP)

Für ihn war Literatur nicht die fixierbare Textform, sondern ein dauerndes Vernetzen und Weiterspinnen von Fragmenten. Und er war der Meister in dieser Bastelstube der Texte: Zum Tod des Schriftstellers Michel Butor.

Von Joseph Hanimann

An diesem französischen Autor war immer alles in Bewegung: die Themen, der Stil, das Genre, der Blick. "L'écriture en transformation", Schreiben in Bewegung, hieß vor zwei Jahren sein vorletztes Buch im Untertitel. Die Etiketten "Neuer Roman" oder "experimentelle Prosadichtung", die er sich oder die man ihm anhängte, klappern wie Mobiles des amerikanischen Bildhauers Alexander Calder um ihn. "Mobile" hieß auch das Buch, mit dem er sich 1962 von der konventionellen Romanform verabschiedete. Auf die Subjektivität eines Helden oder Erzählers verzichtete er fortan. Motor des Geschehens sollte die dargestellte Realität selbst sein. Mobile, diese "Studie für eine Darstellung der Vereinigten Staaten", bestand aus einer Zusammenstellung von Lexikonartikeln. Damals war Butor schon berühmt. Der Roman "Paris-Rom oder Die Modifikation", die Reise eines Mannes zwischen zwei Städten und zwei Frauen, mit dem er 1957 den Renaudot-Preis erlangte, hatte ihn als Vertreter jenes "Nouveau Roman" einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Als Literaturkritiker hatte der 1926 im nordfranzösischen Mons-en-Barœul geborene Autor nach einem Philosophiestudium an der Sorbonne gleich nach dem Krieg begonnen. James Joyce, Jules Verne, Arthur Rimbaud, Gustave Flaubert gehörten zu seinen Vorzugsautoren. Drei seiner Bücher suchten in den Fünfzigerjahren noch einmal mit einem ausgeklügelten Strukturplan an die große Literaturutopie des zwanzigsten Jahrhunderts anzuknüpfen, nach der Leben in Schreiben aufgehen solle. Der Roman "Der Zeitplan" ist der tagebuchartige Bericht eines französischen Angestellten über seinen Aufenthalt in einer englischen Kleinstadt und durchgehend doppelt datiert, einmal nach der erzählten Zeit und dann nach der Zeit des Erzählens. Der Konflikt zwischen zwei Frauen in "La Modification" wird durch das Erzählmotiv eines im fahrenden Zug entstehenden Buchs gelöst. Mit "Genius loci" flossen 1958 aber auch wieder vermehrt die Darstellung von Gegenständen und Traumbilder ins Werk ein.

Nach einem Berlin-Aufenthalt 1964 wurde die geteilte Stadt zu einem Modell von Butors literarischer Textprojektion. So entstand "Die Stadt als Text" oder "Die unendliche Schrift". Das entsprach dem damaligen Hang nach strukturalistischer Konstruktion und Theorie. Da Butor sich aber um Schulen wenig kümmerte und mit seiner Experimentierfreude den Epigonen immer schon zwei Schritte voraus war, fielen die Moden von seinem Werk ab und ließen härtere Schichten sichtbar werden. Formexperiment und persönliches Bekenntnis, wie etwa im fiktiven Gespräch "Rückkehr des Bumerangs" im Jahr 1988 gehen ineinander über und finden in den niedergeschriebenen Träumen einen Unterbau. "Bildnis des Künstlers als junger Affe" hieß schon 1967 ein Versuch über die Erkenntnisfunktion der Träume, und die von 1975 an erschienenen fünf Bände "Matières de rêves" sind zugleich Materialsammlung wie ausformulierte Elemente eines einheitlichen Werks.

Man darf darum die engen Beziehungen Michel Butors zur bildenden Kunst und die teilweise zusammen mit Künstlern geschaffenen Bücher nicht einfach als Ausflüge eines Literaten ins Visuelle verstehen. Die Hemisphären von Max Ernst, Giorgio de Chirico, Pierre Alechinsky sind Subkontinente für sein literarisches Schaffens. In der jüngeren Malerei gebe es Werktitel, die schon als Gedichte betrachtet werden könnten und andere, die sich ganz klein machten, schrieb Butor in "Die Wörter in der Malerei" (1969). Diese Werke murmeln mit dünner Stimme: "Schaut mich nicht an, achtet nicht auf mich, ich bin ja kaum ein Wort." Wo andere Grenzgänger wie Henri Michaux zeitweise die Feder mit dem Pinsel vertauschten, um selber zu zeichnen, hat Butor nur bei den Malern abgeschaut und immer nach dem neuen, noch ausstehenden Wort gesucht.

Da das Ineinanderfließen von literarischen und kritischen Texten bei ihm mehr in der Praxis des Schreibens begründet lag als in einem aufgesetzten theoretischen System, war dieser Autor gerade auch für Studenten interessant. 1975 wurde er auf Anregung Jean Starobinskis auf einen Lehrstuhl an die Universität Genf berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung blieb.

Die jüngsten Entwicklungen der Technologie, einschließlich Internet und E-Book, kamen dem Schriftsteller dann in seinen späten Jahren wie eine Bestätigung seiner Auffassung von Literatur als einer nicht fixierbaren Textform vor. Literatur galt ihm eher als ein dauerndes Vernetzen und Weiterspinnen von Fragmenten. Im Unterschied zu seinen Kollegen des Neuen Romans wie Claude Simon oder Nathalie Sarraute, deren Weg zurück in ein erzählerisches Lebenswerk mündete, schritt Michel Butor weiter durch die Bastelstube der Wörter. Das verschaffte ihm in den letzten Jahren ein eher beschränktes Publikum für sein dichterisches und essayistisches Werk. Wenige Tage vor seinem neunzigsten Geburtstag ist Michel Butor nun in Contamine-sur-Arves in Savoyen gestorben.

© SZ vom 26.08.2016
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