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Nachruf:Kunst der Lehre

Literaturwissenschaftlerin mit großer Schülerschaft: Hella Tiedemann.

(Foto: FU Berlin)

Als Lehrende am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin war sie ein freundliches Bollwerk und hat Generationen von Studenten für den Kulturbetrieb "verdorben", wie sie gerne sagte. Nun ist die Philologin Hella Tiedemann gestorben.

Als das Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin im vergangenen Dezember seinen 50. Geburtstag feierte, stand Hella Tiedemann nicht auf dem Podium. Einen ausführlichen Beitrag zur Festschrift, die auslag, hatte sie nicht geschrieben. Sie hielt sich am Rand der Feierlichkeiten auf. Und stand dort im Mittelpunkt, immer wieder angesprochen von ehemaligen Schülern und Schülerinnen.

Hella Tiedemann gehörte 1969 zu den ersten Doktoranden des Instituts, als es noch nicht den Namen seines Gründers Peter Szondi trug. Die "Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft", die hier gelehrt wurde, sollte auch in Deutschland die Theorie der Literatur mit der einzigen zu ihr passenden Philologie verbinden, der Komparatistik. Als Hella Tiedemanns Dissertation unter dem Titel "Versuch über das artistische Gedicht. Baudelaire, Mallarmé, George" 1971 erschien, trug sie die Widmung: "Adorno zum Gedächtnis".

Das kam nicht von ungefähr. 1936 in Thiede bei Wolfenbüttel geboren, hatte sie in München und Aix-en-Provence, dann in Frankfurt am Main studiert und war von dort nach Westberlin gekommen. Das französische Element und die innere Bindung an Adorno hat sie nie verloren, und das hieß nicht nur, dass sie in Berlin als "Dame" im französischen Sinne galt. Es hieß auch, dass sie die Ursprungsdisziplin der Komparatistik verkörperte, die Romanistik. Über ihre Herkunftsfamilie kannte sie das Gegenbild zu Adorno und Szondi, die völkisch-nationalistische Germanistik von Adolf Bartels.

Wer aus aktuellen Gründen die Wurzeln des modernen Nationalismus in Frankreich besser verstehen will, kann aus ihrer Habilitationsschrift "Verwaltete Tradition. Die Kritik Charles Péguys" (1982) viel über die Rivalität der politischen Rechten und Linken um die Begriffe Solidarität und Tradition lernen. Und über einen Charles Péguy, der mehr ist als "Repräsentant christlich-katholischer Dichtung".

Ihre Schriften und ihre Mitherausgabe der Rezensionen und Kritiken innerhalb der ersten großen Walter-Benjamin-Edition waren es nicht allein, die ihre Autorität unter Kollegen und Schülern begründeten. Es war die seltene Verbindung, die bei ihr die Kunst der Lektüre und die Kunst der Lehre eingingen. Durch sie wurde sie zu einer Autoritätsfigur mit knapper Publikationsliste und großer Schülerschaft beiderlei Geschlechts. Schon ehe an einer Außenwand des Instituts "Petra Szondi" auftauchte, brachte sie in Forschung und Lehre das weibliche Element zur Geltung.

Durch die moderne Literatur geistert die Vorstellung, eigentlich bräuchten die Bücher für ihr Gewisper untereinander die Menschen gar nicht. Diese Idee hat grandiose und abgründige Bibliotheksfantasien hervorgebracht, wird aber zur Plage, wenn sie an philologischen Fachbereichen die Herrschaft ergreift. Am Szondi-Institut war Hella Tiedemann dagegen ein freundliches Bollwerk, die außerplanmäßige Professorin auf nicht immer sicherer institutioneller Grundlage.

Im Zentrum ihrer Lehre stand nicht das Dozieren, sondern das fragende Aufschließen von Texten, bei dem ihre Freundlichkeit und ihr charakteristisches Lachen keinerlei Abzug an gedanklicher Strenge enthielt. Damit hat sie als eine jener Figuren, deren Bedeutung sich an ihrem institutionellen Gewicht nicht ermessen lässt, Generationen von Studierenden geprägt. Und ihr Bonmot dementiert, eine ihrer Aufgaben sehe sie darin, die Studenten für den Kulturbetrieb zu verderben. Auffällig viele Journalisten und Literaten gingen aus dem Institut in ihren Jahren hervor, von Michael Angele, Detlef Kuhlbrodt und Alex Rühle bis zu David Wagner, Iris Hanika und Monika Rinck. 2001 wurde sie verabschiedet, blieb aber für ihre Schüler erreichbar. Am Sonntag ist Hella Tiedemann in Berlin gestorben, kurz vor ihrem 80. Geburtstag.

© SZ vom 12.10.2016

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