Nachruf "E. T."-Erfinderin Melissa Mathison tot

Sie gehörte zum Kreis der jungen Wilden Hollywoods in den Siebzigern und Achtzigern. Ihr Drehbuch um E.T. hat Spielberg restlos verzückt.

Von David Steinitz

Mit zarten zwölf Jahren kam die spätere Drehbuchautorin Melissa Mathison zum Film - und zwar als Babysitterin. In ihrer Teenagerzeit passte sie auf die Kids der Hollywood-Familie Coppola auf. Während der imposante Francis Ford im Garten beim Bier sanft größenwahnsinnige Reden über die Zukunft des Kinos hielt, organisierte sie Dreibeinläufe für seine drei Kinder. Später intensivierte sie ihre Beziehung zum Hausherrn, indem sie als Set-Assistentin bei den strapaziösen und drogenvernebelten Dreharbeiten zu "Apocalypse Now" mitarbeitete und außerdem eine Affäre mit ihm anfing. In welcher Reihenfolge, da sind sich die Hollywoodchronisten nicht ganz sicher.

Das kalifornische Mädchen Mathison, geboren 1950 in Los Angeles, studierte in ihrer Heimat an der Eliteuniversität Berkeley, und sollte dem Herrenklub des New Hollywood - also den selbstverliebten Burschen Coppola, Spielberg, Scorsese und Konsorten - noch ordentlich etwas beibringen übers Kino. Für Produzent Coppola, der für sie gleichzeitig Liebhaber, Mentor und Nemesis war, schrieb sie 1979 das wirre Drehbuch zum Abenteuerfilm "Der schwarze Hengst" in eine vernünftige, also richtig abenteuerliche Fassung um. Nachdem aber der dauerbekiffte Francis dem vollkommenen Wahnsinn jeden Tag ein Stückchen näher zu kommen schien - er wollte Goethes "Wahlverwandtschaften" als zehnstündigen 3-D-Film adaptieren -, sagte sie irgendwann entschlossen: Goodbye, Mister.

Kurz darauf schrieb sie wie im Rausch in nur ein paar Tagen das Drehbuch zu jenem Film, der eine ganze Kindergeneration und dann deren eigene Kinder gleich mit prägen sollte: "E. T. - Der Außerirdische". Sie packte das Skript in ihre Tasche und fuhr die Küste hinunter zu Steven Spielberg, der in einem kleinen Strandhaus an einem Film herumschnitt. Dort drückte sie ihm die 107 Seiten in die Hand. "Ich hätte", sagte Spielberg, "am liebsten am nächsten Tag angefangen zu drehen." Mathison wurde für "E. T." auch prompt für den Oscar nominiert.

Privat war sie seit den Achtzigern mit dem Star der Stunde liiert, Harrison Ford, die Ehe hielt zwanzig Jahre, das Paar bekam zwei Kinder. Beruflich blieb sie ihren träumerischen "E. T."-Welten treu, adaptierte zum Beispiel das Jugendbuch "Der Indianer im Küchenschrank". Mit Martin Scorsese machte sie das Dalai-Lama-Drama "Kundun". Zuletzt adaptierte sie, wieder für Spielberg, der nach etwas grauen Jahren unbedingt wieder mit seiner größten Träumerin arbeiten wollte, Roald Dahls "Sophiechen und der Riese", der nächsten Sommer ins Kino kommt. Am Mittwoch ist Melissa Mathison im Alter von 65 Jahren in Los Angeles gestorben.