Nachruf Blatt um Blatt

Die Goethe-Forscherin Dorothea Kuhn ist gestorben. Die Chemikerin und Botanikerin war eine Kennerinnen von Goethes Naturkunde.

Von Lothar Müller

Im Werk Goethes gehört das Wort "Blatt" zu den Verbindungsgliedern zwischen Poesie und Naturwissenschaft. Als "Dieses Baum's Blatt" begegnet es im Gedicht "Ginkgo Baloba", als "Blättgen" aus Papier, das sehnsüchtig erwartet oder gerade beschrieben wird, in Tagebüchern und Briefen. Dorothea Kuhn, die unermüdliche Erforscherin der Beziehungen zwischen Kunst und Natur bei Goethe, ist über ihr Studium der Chemie und Botanik zu Goethes "Metamorphose der Pflanzen" gekommen. "Zur Klärung der Symmetrieverhältnisse des Pflanzenkörpers" hieß ihre 1952 in Mainz entstandene Dissertation.

1945 war sie mit den abziehenden Amerikanern aus Halle, wo sie im März 1923 geboren wurde, in den Westen gekommen. Ab 1952 arbeitete sie mit an der großen Ausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften, die als eines der wenigen Gemeinschaftsprojekte im geteilten Deutschland von der Deutschen Akademie der Naturforscher in Halle, der Leopoldina, und der Deutschen Forschungsgemeinschaft getragen wurde. Zur Botanik und Chemie kam die Editionsphilologie, die sie 1959 bis 1962 bei dem Hölderlin-Herausgeber Friedrich Beißner in Tübingen studierte. Und zum Naturwissenschaftler Goethe der Alltag des Autors, als sie 1962 im Schillermuseum in Marbach die Leitung des um seinen Verleger zentrierten Cotta-Archivs übernahm. Den Briefwechsel Goethes mit Cotta gab sie 1979 bis 1983 heraus, als sie 1981 das Cotta-Archiv verließ, rückte die "Leopoldina"-Ausgabe endgültig ins Zentrum ihrer Arbeit, und sie wurde eine der großen Mittlerfiguren der Wissenschaft der DDR und der Bundesrepublik. Für die Frankfurter Goethe-Ausgabe edierte sie die Schriften zur Morphologie.

Wie die Klassik-Stiftung-Weimar und das Deutsche Literaturarchiv in Marbach mitteilten, ist Dorothea Kuhn am 13. Dezember in Weimar gestorben. Sie wurde 92 Jahre alt.