Nachruf auf den Rassismus-Forscher Charles W. Mills:Mit Scharfsinn und Humor

Charles W. Mills. Pressebild: The Graduate Center City University of New York

Rassismus prägt die Gesellschaften des Westens bis ins Innerste: Charles W. Mills.

(Foto: The Graduate Center/City University of New York)

Der Philosoph Charles W. Mills, dem es gelang, die Auseinandersetzung mit dem Rassismus ins Zentrum der Philosophie zu holen, ist tot.

Von Rahel Jaeggi und Kristina Lepold

Eigentlich können wir auf ihn gar nicht verzichten. Der Tod des Philosophen Charles W. Mills reißt eine Lücke, die nicht so einfach zu schließen sein wird. Mit seinem Scharfsinn und seinem unerschöpflichen Humor hat er über die vergangenen 30 Jahre die Auseinandersetzung mit Rassismus ins Zentrum der Philosophie geholt. Es war ein zäher Kampf. Einer Disziplin, die sich dem reinen Denken, der Bestimmung dessen, was idealerweise sein soll, verschrieben hat, "Farbenblindheit" vorzuwerfen, stößt verständlicherweise auf Widerstand.

Es ist, so hat Mills beharrlich erläutert, eben kein Zufall, wenn auch in jüngeren und jüngsten Theorien der Gerechtigkeit Rassismus allenfalls am Rande vorkommt, genauso wie der Rassismus in der Gesellschaft nicht eine unglückliche Ausnahme ist. Vielmehr durchdringt der Rassismus, so Mills, die Gesellschaften des Westens bis ins Innerste, er ist Teil ihrer Normalität.

Mills, der 1951 in Jamaika geboren wurde, lehrte nach Stationen an der University of Illinois in Chicago und an der Northwestern University zuletzt am Graduiertenzentrum der New Yorker City University. Schon sein erstes Buch "The Racial Contract", das 1997 erschien und schnell zum Klassiker der Sozialphilosophie und Politischen Theorie avancierte, entfaltet die These, für die er bis heute steht. Die Pointe steckt dabei schon im Titel: Wo die klassische Vertragstheorie von einem Vertragsschluss zwischen Freien und Gleichen ausgeht, zeigt Mills auf, dass an diesem Vertragsschluss nicht alle beteiligt sind.

Auch wenn man den Rassimus als weiße Person ablehnt - profitieren tut man von ihm trotzdem

Haben Feminist:innen den Ausschluss der Frauen und Marxist:innen den Ausschluss der Besitzlosen aus diesem Vertrag nachgewiesen, so skandalisiert Mills, dass es sich hier um einen Vertrag zwischen Weißen handelt, der nicht-weiße Menschen systematisch benachteiligt und beherrscht. Ein Umstand, der sich in der bis heute andauernden Ungleichheit zwischen weißen und nicht-weißen Menschen in den USA zeigt, von der Polizeigewalt bis zur ökonomischen Ungleichheit.

Mills wollte damit aber keineswegs behaupten, dass weiße Menschen irgendwann einmal buchstäblich einen Vertrag geschlossen haben, in dem geschrieben steht, dass es zwei Gruppen von Menschen - "Weiße" und "Nicht-Weiße" - mit unterschiedlichen Rechten und Möglichkeiten geben soll. Betrachtet man aber etwa Reiseberichte, politische Stellungnahmen, aber auch philosophische Abhandlungen aus der Zeit des europäischen Kolonialismus, in denen amerikanische Ureinwohner:innen als zur politischen Selbstbestimmung unfähige "Wilde" oder "Tiere" beschrieben werden, erahnt man die Logik, die hier am Werke ist. Dieser Vertrag ist kein einzelnes Schriftstück, sondern setzt sich zusammen aus den unzähligen Dokumenten, Vorstellungen, rechtlichen Regelungen und eingespielten Alltagspraktiken, die eine rassistische Welt geschaffen haben und weiterhin am Leben erhalten. Auch wenn man diese Welt als weiße Person ablehnt - profitieren tut man von ihr trotzdem.

Mit seinen Arbeiten gilt Mills als einer der Mitbegründer des Forschungsfelds der Critical Philosophy of Race, das sich in den USA über die vergangenen drei Jahrzehnte herausgebildet hat und in Deutschland gerade erst zu größerer Sichtbarkeit gelangt. Auf "The Racial Contract" folgte 1998 "Blackness Visible: Essays on Philosophy of Race", das einige der Themen des ersten Buchs vertieft. Unter anderem behandelt Mills hier die Frage, was race eigentlich ist. Race ist real - aber nicht, weil es "Rassen" im biologischen Sinn gibt, sondern weil wir bestimmten Eigenschaften wie der Hautfarbe von Personen in unseren Gesellschaften eine Bedeutung beimessen. Mills gehört damit zu den Vertretern einer sozialkonstruktivistischen Position mit Blick auf race. Die Unterscheidung zwischen "Weißen" und "Nicht-Weißen" ist für ihn ein Produkt der Geschichte. Sie ist sozial gemacht, aber darum nicht weniger wirksam.

Rassismus betrifft aber nicht nur die falsche Einrichtung der Welt, sondern auch unser Wissen über eben diese Welt. In seinem 2007 erschienenen einflussreichen Aufsatz "White Ignorance" untersucht Mills die verzerrte Wirklichkeitswahrnehmung vieler weißer Menschen. Weiße wissen häufig erschreckend wenig über die Geschichte ihrer eigenen Gesellschaften - wie an der aktuellen Diskussion über die deutsche Kolonialgeschichte gerade deutlich wird. Auch sind falschen Überzeugungen, etwa die Unterstellung, dass die Siedler:innen der amerikanischen Frontier ein unbesiedeltes und urbarzumachendes Land vorfanden, tief ins kollektive Selbstverständnis eingewoben. Dieses Nichtwissen, so Mills, ist nicht zufällig: Es steht in einem systematischen Zusammenhang mit der gesellschaftlich privilegierten Position weißer Menschen und trägt zur Aufrechterhaltung rassistischer Strukturen der Gesellschaft bei.

Als radikaler Kritiker des Liberalismus und seiner blinden Flecken hielt Mills dennoch bis zuletzt an den Versprechungen des Liberalismus fest. In seinem letzten, 2017 erschienenen Buch "Black Rights/White Wrongs: The Critique of Racial Liberalism" entwirft er die Perspektive eines "Black radical Liberalism", der den Liberalismus von Grund auf erneuern sollte. Erst einem solchen könnte die Beseitigung historisch gewachsener Ungerechtigkeiten und die Herstellung eines Zustands gelingen, in dem die Menschen tatsächlich als Gleiche und Freie miteinander leben können. Darüber, wie über so vieles andere, hätten wir gerne auch in Zukunft mit ihm diskutiert. Leider ist er am Montag dieser Woche im Alter von 70 Jahren gestorben.

Rahel Jaeggi und Kristina Lepold sind Professorinnen für Sozialphilosophie an der Berliner Humboldt Universität.

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